Im Sog der Wunder Awakening Europe

Frau am Stand mit Sonnenuntergang
Awakening Europe: Welchen Einfluss hat die Vereinigung auf Menschen? Foto: iStock

Als Russland den Krieg gegen die Ukraine beginnt und Menschen aus dem Land fliehen, kommt es an der Grenze zu Polen zu eigentümlichen Szenen: Mitglieder der Vereinigung Awakening Europe sprechen geflohene Menschen an. Angeblich geschehen Wunderheilungen. Was war da los und was ist Awakening Europe? Merlin Pratsch hat viele Wochen für MedWatch recherchiert.

Hinweis: In diesem Text geht es auch um Depressionen. Hinweise zu Hilfsangeboten finden Sie hier.

Der Fuß sei seit vier Tagen geschwollen und zerschrammt gewesen. Das Mädchen habe kaum laufen gekonnt. Urplötzlich seien die Wunden geheilt gewesen. Sie habe geweint noch bevor sie etwas sagen konnte. Dann sei sie durch die Menschenmasse zu ihrer Mutter gerannt, um es ihr zu erzählen. Kurz darauf habe das Mädchen ihr Leben in Jesus Hände gegeben. Und ihre schädliche Lebensweise hinter sich gelassen.

Das erzählt die Gruppierung Awakening Europe am 10. März auf Instagram.

Instagram-Post von Awakening Europe, in der die Aktivitäten an der Grenze zur Ukraine beschrieben werden. (Screenshot)

Przemyśl, nahe der polnisch-ukrainischen Grenze. Vor zwei Wochen hatte Russland die Ukraine angegriffen. Auf einem Instagram-Foto steht die vermeintlich Geheilte eng an der Seite einer blonden Frau, die eine rote Warnweste trägt. Beide grinsen. Ein Heilungsgebet in Jesus Namen habe den Fuß geheilt.

Kurz darauf ein weiteres „Wunder“. Präsentiert in einem Selfie-Video auf der Facebook-Seite von Awakening Europe: Ein Mann in Jeansjacke mit Stehkragen filmt sich und einen jungen Mann auf der Straße. Er fragt ihn, was passiert ist: Da war das Gedränge an der Grenze, sagt der jüngere. Sein Knöchel schmerzte und er konnte nur hinken. In weniger als einer Minute war der Schmerz verflogen. Es war Jesus, er hat seinen Knöchel berührt. „Amen, awesome!“, sagt der Filmer.

Awakening Europe: Auf der Spur der „Wunder“

Was hat es mit den Wunderheilungen auf sich? Was will Awakening Europe? Riskieren die Verantwortlichen die Gesundheit von Menschen in verletzlichen Situationen, indem sie Wunderheilungen propagieren?

Diese Recherche führte uns zu ekstatischen Massen und Dämonenaustreibungen in den großen Arenen Europas. Zu Videos, in denen Prediger Heilungen von Krebs und Taubheit beschwören. Graubereiche zeigen sich, in denen Selbstvorwürfe, Glaubenskrisen und Abhängigkeiten drohen können. Eine junge Frau, die sich in der Szene bewegte, berichtet: „Das kann gerade bei psychischen Krankheiten extrem schädigend sein – und das war es für mich.“

MedWatch hat dutzende Websites, Berichte, Videos und Social Media-Kanäle gesichtet und mit Zeug:innen und Expert:innen gesprochen. Trotz sorgfältiger Recherche konnten wir einige Aspekte nicht unabhängig prüfen: Zum Beispiel, wer die Menschen sind, von deren Heilung Awakening Europe erzählt. Oder wie der weitere Kontakt mit den geflüchteten Menschen verläuft. Der Text skizziert einen Ausschnitt einer beweglichen Szene. Anhand von Eindrücken einzelner Menschen, der Selbstdarstellung der Gruppierungen und Drittquellen.

Auf die Konfrontation und Fragen von MedWatch hat Awakening Europe auch nach mehrfachen Versuchen nicht reagiert.

„Die Ernte ist so reif“: die Katastrophe als missionarische Chance

Grenzbahnhof Przemyśl: für viele Ukrainer*innen einer der zentralen Ankunftsorte in Polen, direkt verbunden mit Lwiw. Neben unzähligen freiwilligen Helfer:innen, die hier wichtige Arbeit leisten, fällt dem freien Journalisten Raphael Knipping eine Gruppe auf. Sie missioniert offensiv und streut Geschichten über Wunderheilungen, wie er MedWatch berichtet.

Auf Instagram schreibt Awakening Europe Anfang März: „Die Ernte ist so reif in Europa”. (Anmerk: Übersetzungen von der Redaktion; betrifft auch folgende Zitate aus dem Englischen).

Instagram-Post von Awakening Europe: „Die Ernte ist so reif in Europa”. (Screenshot)

Nach eigener Aussage sind sie mit mindestens 60 und zwischenzeitlich mehr als 120 Menschen an der Grenze. Es vermischen sich Anhänger:innen verschiedener nahestehender Gruppierungen, darunter etwa das Frankfurter Missionswerk Christus für alle Nationen. Man verteile Sachspenden und biete eine erste Verpflegung mit dem Nötigsten. Im gleichen Zug schreibt man mehrmals, dass es am wichtigsten sei, dass sich die Menschen zu einem neuen Leben mit Jesus bekennen. 10.000 Menschen in drei Wochen sollen es angeblich gewesen sein.

Heilen an der Grenze: Helfen oder missionieren?

Die Menschen, die hier in Gottes Namen Wunder vollbringen wollen, tragen rote Warnwesten. Auf deren Rücken steht „VOLUNTEER“. Darüber, in kleinerer Schrift „Awakening Europe“. Journalist Knipping beobachtet, wie sie sich vor allem an den Orten aufhalten, an denen sich flüchtende sowie in die Ukraine reisende Menschen stauen: am Bahnhof, an den Grenzübergängen. Sie singen und beten, tanzen vor einer langen Warteschlange mit zwei als Plüschtiere verkleideten Menschen vor Kindern, verteilen Bibeln und Flyer.

„Es ist ja eine gute Taktik, Warnwesten anzuziehen. Als internationales Zeichen: ‚Ich bin Freiwilliger!‘ […] Das führte tatsächlich dazu, dass sie manchmal geholt wurden, weil es jemandem schlecht ging oder Unterstützung gebraucht wurde“, sagt Knipping. Er beobachtet, dass sich ein Teil der Gruppe nach ein paar Tagen auf der ukrainischen Seite des Grenzübergangs aufstellt – dort, wo bis dahin deutlich weniger Organisationen sind.

Manche gehen in Unterkünfte für geflüchtete Menschen. Auf Instagram schreiben sie: „Hunderte Flüchtlinge finden hier eine Unterkunft […] die perfekte Gelegenheit, […] ihnen die Liebe Jesu zu vermitteln.“ Sie filmen Kinder und Frauen – dort wo sie etwas Ruhe finden sollten. Und sie steigen in die Busse und Züge, in denen Ukrainer:innen weiterreisen.

Instagram-Post von Awakening Europe: Unterwegs in den Zügen. (Screenshot)

Im März teilt Awakening Europe ein Video, unterlegt mit schweren Gitarren- und Synthieklängen: Ein junger Mann steht auf dem Gang eines Zugabteils, kaut Kaugummi und predigt. Eine Hand lehnt auf der Kopfstütze, die andere dirigiert jeden Satz. Es ist ein „Worship Director“ von Awakening Europe. Im Hintergrund übersetzt jemand seine Predigt. Ein anderer spielt Gitarre.

Was ist Awakening Europe?

Auch der Leiter von Awakening Europe, Ben Fitzgerald, ist zeitweise in Przemyśl. Mittellanger Bart, gesteppte, beige-olive Daunenjacke, ein bisschen Gel in den Haaren. Nach eigener Erzählung ist er ein ehemaliger Drogendealer aus Melbourne. Er ist christlich aufgewachsen, brach aber mit dem Glauben als sein Vater starb. Vor zwanzig Jahren traf er Jesus. Um vier Uhr morgens begann seine Errettung. In einem Nachtclub. Später besuchte er die Bethel School of Supernatural Ministry der Megakirche Bethel in Redding, Kalifornien. Er arbeitete dort als Pastor bis er 2017 nach Deutschland entsandt wurde. Zusammen mit anderen hat er Awakening Europe gegründet, eingetragen im bayerischen Kempten als Verein, Sitz in Eimeldingen.

Awakening Europe-Gründer Ben Fitzgerald. (Foto: Awakening Europe)

Die lose Gruppierung mit einem kleinen Kernteam präsentiert sich als überkonfessionelle Bewegung. Martin Fritz von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) verortet Awakening Europe in der evangelikal-erweckungschristlichen Szene. Genauer: in der neucharismatisch-pfingstlichen Bewegung. Die EZW informiert auf wissenschaftlicher Basis, betrachtet die religiöse Gegenwartskultur aus evangelischer Perspektive.

Für die evangelikal-erweckungschristliche Szene sei es typisch, das Evangelium ins säkulare Europa zurückbringen zu wollen, sagt Martin Fritz. In diesem Sinne prophezeit Fitzgerald im Juli 2015 im heutigen Max-Morlock-Stadion in Nürnberg „eine Welle der Errettung über ganz Europa“. Es ist das erste große Event von Awakening Europe.

Awakening Europe: Ein Erlebnisbericht

Sinja Kühn* war 2015 in Nürnberg dabei. Bis zu ihrem Auszug aus ihrem Elternhaus war sie in einer „eher moderaten“ Baptistengemeinde. Es folgten Jahre in mehreren evangelikalen Gemeinden. In diesen begegnete sie auch Awakening Europe und Fitzgerald. Nach einem harten Einschnitt in der für sie letzten charismatischen Gemeinde hat sie sich aus der Szene zurückgezogen. In mehreren Passagen berichtet sie hier von ihren Erfahrungen.


Ich war sehr aktiv in der Baptistengemeinde meiner Heimat. Ich war musikalisch extrem involviert, war immer vorne mit am Singen. Ich war auch in der Jugendgruppe. Die hat eine Art Eigenleben entwickelt, was viel charismatischer war als das von der Gemeinde. Ich war die einzige von meinen Geschwistern, die so stark mitgegangen ist. Mit der Jugendgruppe habe ich die Jesus Culture Conference in Berlin besucht. Ich war 17 damals oder 16. Da war eine coole Stimmung, eine coole Band, sehr charismatische Prediger.

Ich war als Kind schon depressiv. Dann war ich auf der Konferenz und dachte: „Die können mich jetzt heilen.“ Sie haben ein Gebet gesprochen für alle. Ich dachte, ich hätte irgendwas gespürt und bin nach vorne zur Bühne gegangen. Da haben sie mich gefragt, wovon ich geheilt wurde, und ich habe gesagt: „Depressionen“. Aber natürlich war ich nicht geheilt. So ging es los als wir wiederkamen. Ich war nicht nur Mitläuferin, ich war vorne mit dabei.

Bei Awakening Europe war ich nur bei dem ersten Event in Nürnberg. Das Stadion war nicht so voll wie man glauben mag. Viele Leute waren in Ekstase. Es gab wenig Programm, weil man sich vor allem auf den Heiligen Geist verlassen wollte. Dann war da ewig emotionale Musik, Leute weinten und beteten in Sprachen und schrien. Ich habe mich so unwohl gefühlt, das war selbst mir zu viel damals und ich war ja auch ein bisschen so drauf. Da war extrem viel Heiliger Geist-Gerede, sehr viel geistliche Kriegsführung. Und es waren die ganzen Großen da wie die Band Jesus Culture.


Heilen wie Jesus es tat

Jeder wahrhaftige Christ müsse eine Bekehrung oder Erweckung durchleben, das wird immer wieder erklärt, sagt Martin Fritz von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW). Diese Lebenswende sei Basis für eine persönliche Beziehung zu Jesus, so vermitteln es viele (neu-)charismatische Gruppen. Vom verlorenen Drogendealer zum charismatischen Prediger, die Geschichte passt hervorragend.

Der Begriff „Charismen“ stammt aus dem Neuen Testament, sagt Fritz. Es sind die besonderen Gaben des Heiligen Geistes. In neucharismatischen Gemeinschaften tauchen sie wieder auf: Der eine ist begabt, zu predigen, während der andere die Gabe hat, zu heilen oder in Zungen zu sprechen. Alle Wunder der Bibel können vollführt werden. Das ist die Idee und die wird immer wieder in Szene gesetzt: auf Events, Websites oder auf der Straße.

Ein „Zeugnis“ auf der Website von Awakening Europe erzählt in zwei Sätzen wie eine schwere Wirbelkörperentzündung geheilt worden sein soll: „Ich wurde am ersten Tag – als Ben [Fitzgerald] für die Leute in der Menge betete – […] geheilt. Manchmal war es so schlimm, dass ich meinen Kopf und meine Hüften nicht bewegen konnte, aber nach ein paar Sekunden des Gebets wurde ich geheilt […].“ Wer hier schreibt, bleibt offen.


 „Krass, warum habe ich das nicht erlebt?“ Ich finde es an sich nicht schlimm, wenn gebetet wird, dass jemand gesund wird. Außer man belästigt Leute damit oder gibt ihnen das Gefühl: „Wenn du nicht geheilt wirst, dann hast du nicht genug gebetet oder du liebst Jesus nicht genug oder irgendwas stimmt mit dir nicht.“ Das kann gerade bei psychischen Krankheiten extrem schädigend sein – und das war es für mich.

Auf der Jesus Culture Conference wurden die Leute auf die Straße geschickt, um zu heilen. Das ist immer Teil dieser Konferenzen, auch bei der Awakening Europe-Konferenz in Nürnberg. Sie wollten zeigen, dass man heilen kann. Dann geht man raus in Gruppen, spricht Menschen auf der Straße an und betet für sie. Als wir wiederkamen gab es einen Zeugnisteil und dann kamen viele auf die Bühne und erzählten, dass es Heilungen gab oder jemand bekehrt wurde. Das sollte ermutigen. Es werden diese wahnsinnigen Geschichten erzählt und man sitzt da und denkt: „Krass, warum habe ich das nicht erlebt?“

Ich weiß natürlich nicht, was die Motivation dieser Leute war und was sie da wirklich erlebt haben. Erklär ich das mit Glaube oder erklär ich das damit, dass man das gerne wollte? Die Psyche ist einfach ein mächtiges Ding. Vieles, wovon man geheilt wird, kann man halt nicht beweisen. Und wenn man ein Kribbeln spürt … das ist so ein emotionaler Moment, da kann man schon denken, Jesus ist ganz nah.


Trügerisch: Das Hoffen auf Heilung

Bei vielen neucharismatischen Gruppierungen ist Heilung sehr konkret, sagt Martin Fritz von der EZW: „‚Wenn du nur fest genug glaubst, dann wird auch die schlimmste Krankheit verschwinden!‘, das würde ein verantwortungsvoller Pfarrer oder Priester nie von sich geben.“ In den Gruppen wird hingegen oft mit Heilungen im Namen Gottes geworben.

Gottes Wirken sei jederzeit für die Prediger:innen und Heiler:innen verfügbar, so glorifizierend vermitteln sie es häufig. Zugleich teilt man in wir, die Erretteten, und die anderen, die Verlorenen. Das festige die Gruppen, sagt Dr. Sarah Pohl. Sie ist Leiterin der weltanschaulich neutralen Zentralen Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen Baden-Württemberg (ZEBRA). Sich so eng zu binden, könne abhängig machen, oder eigene Bedürfnisse werden zurückgestellt.

Das vollkommene Leben – dank Awakening Europe?

Entscheide dich für den Heiligen Geist, nur dann ist dein Leben vollkommen – immer wieder. Die Flucht in eine Parallelwelt, wenn die Wirklichkeit zu kompliziert und schmerzhaft ist. Mitunter geht es längst nicht mehr um körperliche Heilung allein, die Hoffnung wird allumfassend: ein heiles Familienleben, der wirtschaftliche Erfolg. Wenn Gesundheit ein durch und durch gelingendes Leben bedeutet, lauert Gefahr, schreibt Kai Funkschmidt, Referent von der EZW: „Denn dann ist sie unerreichbar, der Mensch bleibt immer therapiebedürftig.“

Hinter den großen Versprechen und Hoffnungen lauern Enttäuschung, Schuldgefühle oder gar die religiöse Selbstverwerfung, wenn man doch krank oder nicht geheilt wird. „So übernatürlich wie angepriesen geht’s jenseits von Eden dann doch nicht zu“, sagt Fritz. Es kann zu Selbstvorwürfen kommen: „Ich habe nicht stark genug geglaubt.“ Gefüttert durch den Unterton vieler Predigten, dass es die vermeintlichen menschlichen Fehltritte oder äußere Mächte seien, die der Heilung im Weg stehen.

Gefährliche Weltsicht auf der Bühne

„I want Deutsche to be proud of being Deutsche. Who cares about history?“ Das sagte Fitzgerald laut Spiegel 2017 auf der Holy Spirit Night des Stuttgarter Gospel Forum. Eingebettet in die eigene Selbstdarstellung, die scheinbare Weltoffenheit und funkelnden Bühnenshows, wirkt Gesagtes mitunter harmloser als es ist.

2019 interviewt Charisma News Fitzgerald. Dem Magazin für charismatisch-pfingstliche Christ:innen sagt er: „Wenn das geschieht [Verbreitung des Evangeliums], beginnen wir, Strategien des Feindes zu bekämpfen, die darauf abzielen, andere Glaubensrichtungen […] einzuführen. Wenn […] wir diese göttliche Gelegenheit jetzt ergreifen, dann werden wir eine riesige Ernte sehen, wenn wir unser Schwert in diesen Kampf bringen.“

Im selben Interview spricht Fitzgerald über „den Islam“. Es gebe „eine Strategie, zu versuchen, Europa von anderen Religionen zu übernehmen“. Es ist ein Doppelmotiv, das Fritz von der EZW auch bei neurechten Christ*innen beobachtet: das Christentum in Europa bedroht von Säkularisierung und Islamisierung.


2017 war ich auf einem Erweckungscamp, das war von Bethel organisiert, in einer Jugendherberge. Das war das letzte große Ding für mich. Ben Fitzgerald war auch da. Der hat an einem Tag gepredigt und von Dämonenaustreibungen erzählt, die er vollführt hat. Der Saal war voll, so 150 Leute vielleicht. Er ist dann rumgegangen mit einem Team und hat Dämonen ausgetrieben. Mir hat er keinen ausgetrieben, ich wollte nicht. Leute sind schreiend auf den Boden gefallen und haben sich gewunden, Stühle wurden umgeschubst. Es war absolut wild.

Da waren Wunderheilungsleute. Ich habe da mit einem Mädchen geredet, die war so 17 Jahre alt. Sie hat mir erzählt, dass sie Depressionen hat und unbedingt geheilt werden möchte. Und dass es einfach nicht klappt. Sie hat sich nach dem Camp dann bei der Schule der Erweckung von Bethel angemeldet … Du gehst davon aus, dass wenn du mit Jesus im Reinen bist und genug betest, er nicht möchte, dass du krank bist, dass es dir schlecht geht, dass du arm bist. Was ist mit Leuten, die krank sind und nicht geheilt werden? Was ist mit Leuten, die das Gefühl haben, um sie rum sei alles perfekt?


In Ekstase: Inszenierung der Wunder

Auf den Events kommen die Wunder schnell und laut: Lichter blenden, Menschen jubeln, weinen oder schreien, Prediger:innen erzählen laut von ihren Wundern. Jederzeit kann es passieren, suggeriert das Spektakel. Dazu die krassen Gefühle im Rausch der Musik. Schnell kann ein kleines Anzeichen als Heilung erscheinen. Was wirklich dahintersteckt, kann in dem Moment nebensächlich sein.

Der popkulturelle Stil der Veranstaltungen zeigt wie neucharismatische Gruppierungen ihr Repertoire auf ihre Zielgruppe zuschneiden. Manche Jugendliche wollen „mehr Action, mehr Gefühl, mehr Wunder“, sagt Fritz von der EZW. Solange es sie erbaut und stärkt, sei das okay. Andererseits gebe es „eine große religiöse Aufladung an geistlich machtvollen Einzelpersonen“. Teilnehmer:innen projizieren mitunter viel auf jene, die auf den Bühnen die Macht des Heiligen Geistes vermeintlich sichtbar machen.

Es bleibt nicht bei den Events. Awakening Europe und viele andere Gruppierungen der Szene schaffen das Bild eines Lifestyles. Homepages im Corporate Design, Merchandise Shops, Podcasts, Spotify Playlists, Musiklabels, täglich bespielte Social Media-Kanäle mit Followerzahlen in den Zehntausenden, Camps, Schulungen. Awakening Europe bewirbt sogar ein Coaching-Programm für Unternehmensleiter:innen: Awakening Business.

Zwischen Dämonen und Spenden  

Die Journalistin Anna Jandrisevits war 2019 für das Magazin Das Biber auf Awakening Austria, dem letzten großen Event vor der Pandemie. „Es war immer urlaut. Man hat sich gegenseitig gepusht. Das schlimmste waren die Exorzismen.“ Menschen schreien, werden von anderen gehalten, fallen um. „Die Sanitäter waren voll überfordert, wie sie damit umgehen sollen. Die Leute wollten das ja.“

Es gibt einen Livestream auf Facebook, ab und an werden auf der Bühne Kommentare vorgelesen. Einer schreibt, er habe Leberkrebs. Er soll sich seine Hand auf die Leber legen. Und fest daran glauben, geheilt zu werden. „Die ganze Crowd bricht in Jubel aus“, sagt Jandrisevits. Auf der Bühne verkündet der Prediger, der Mann sei geheilt.

Täglich gehen Helfer mit Kübeln rum und sammeln Geld. „Wer kann in diesem reichen Land für Jesus am großzügigsten sein?“, habe Fitzgerald gesagt. Das Event sei noch nicht finanziert, es brauche  220.000 Euro.

Ein paar Wochen später präsentiert Fitzgerald in einem Video seine Wiener Wunder. Er sitzt auf einer schwarzen Ledercouch, rechts etwas beengt ein junger Mann, links eine Frau im Rollstuhl. Nach 13 Jahren Taubheit sei sie geheilt worden, erzählt sie. Man habe für sie gebetet, die Hände auf ihre Ohren gelegt. Plötzlich sei da der Lärm in der Halle gewesen. Fitzgerald staunt, findet das großartig: „What a God we serve! Look what he does! He is a God of miracles.”

Was das Event ebenfalls zeigt: wie schnell sich Religion und Politik vermischen können. Sebastian Kurz empfängt auf der Bühne ein Segensgebet. Außerdem spricht Gudrun Kugler, ÖVP-Abgeordnete und Abtreibungsgegnerin.

Was darf Wunderheilung?

Das Grundgesetz schützt die Freiheit des Glaubens und der Religionsausübung. Zugleich gibt es für Geistheiler:innen rechtliche Grenzen. Sie dürfen keine medizinischen Behandlungen durchführen und nicht diagnostizieren. Außerdem muss das Schaffen eines Geistheilers klar von einer heilkundlichen, wissenschaftlich basierten Behandlung abgrenzbar sein.

Nach dem Heilpraktikergesetz fallen geistiges, rituelles und spirituelles Heilen generell rechtlich nicht unter die Erlaubnispflicht. Das beschloss das Bundesverfassungsgericht. Zu dem Fall schrieb es, dass ein Wunderheiler, „der spirituell wirkt und den religiösen Riten näher steht als der Medizin, […] im Allgemeinen die Erwartung auf heilkundlichen Beistand“ nicht weckt.

Menschen müssen aber aufgeklärt werden. Etwa darüber, dass eine ärztliche Behandlung nicht ersetzt werden kann. Das betont die Sekten-Info Nordrhein-Westfalen und bezieht sich auf gerichtliche Entscheidungen. Sie schreibt: „Intransparente Vermischungen zwischen Glauben und Heilung können zu gesundheitlichen Fehlentscheidungen führen und lebensgefährliche Folgen haben.“ Angesichts vieler und neuartiger Praktiken medizinisch nicht ausgebildeter Heiler:innen bleiben in vielen Fällen Unklarheiten, was diese überhaupt dürfen.

Heilungsversprechen und das Gesetz

Das Heilmittelwerbegesetz regelt Werbung für Verfahren und Behandlungen, sofern sich deren Aussagen auf die Beseitigung oder Linderung von Krankheiten beziehen. Verboten ist zum Beispiel Werbung, die einen Behandlungserfolg garantiert oder unwirksame Therapien als wirksam anpreist. Werbung darf nicht „missbräuchlich, abstoßend oder irreführend“ sein. Das kann das Teilen von Krankengeschichten oder Erfahrungsberichten betreffen.

Letztlich sei eine allgemeine Einschätzung schwierig, sagt Pohl von ZEBRA. Es komme auf den Einzelfall an. Was gilt zum Beispiel im Fall der Heilungsgeschichten, die online geteilt werden? Oder bei den Aussagen auf Events. „Ich kann spüren, dass jemand hier in der Halle kurz vor einer Herztransplantation steht. Du brauchst sie nicht mehr. Gott hat dir gerade ein neues Herz geschaffen.“ So zitieren die Stuttgarter Nachrichten 2012 Daniel Kolenda, Leiter von Christus für alle Nationen und Partner von Awakening Europe.

Wenn du denkst, du hast es verstanden, dann machst du es dir zu einfach. Es ist nicht so richtig zu verstehen. Die Gemeinden sind völlig unterschiedlich an vielen Stellen. Man kann keinen gemeinsamen Nenner bei allen finden, die Wunderheilungen betreiben. Das evangelikale Netzwerk ist sehr lose. Du kannst dir die Gemeinde suchen, die dir gerade zusagt. Wie bei meiner Gemeinde damals: Die Jugendgruppe war krasser drauf und drei von ihnen haben sich auf der Schule von Bethel angemeldet. Die kommen dann mit dem Wissen zurück und versuchen es anzuwenden in ihrer Heimstadt. Und die Gemeinde selbst hat gar nichts mit Bethel zu tun.

Ich war zum Schluss in einer Pfingstgemeinde. Ich bin da gelandet, weil ich mich wohlgefühlt hab. Da gab’s das volle Programm: Dämonenaustreibungen, umfallende Menschen, in Zungen sprechen, Heilungen, Ekstase, mit Fahnen wedeln und in Hörner blasen. Es gab einen harten Bruch und ich musste gehen. Als ich die Gemeinde verlassen habe, das war krass für mich. Als wenn man den Boden unter den Füßen weggezogen kriegt. Weil man seine Identität komplett auf seiner christlichen Gemeinschaft gründet. Lang habe ich gedacht: „Will ich noch in eine Kirche gehen, glaube ich das noch?“ Manches was ich da erlebt habe, will ich nicht abschreiben als Hirngespinst. Gleichzeitig finde ich vieles extrem toxisch.

Awakening Europe lädt zum nächsten Event

Seit Anfang April dominiert ein Thema die Kanäle von Awakening Europe: Nach der Pandemie-Pause soll es im Juli 2022 nach vorne gehen, mit einem viertägigen Event in der Ahoy-Halle in Rotterdam. Ein Event für Menschen „mit europäischem Erbe“, die den Kontinent retten wollen. Europa solle geflutet werden. In diesem Sinne folge eine missionarische Woche auf den Straßen europäischer Städte, von Mailand bis Helsinki.

Ende Mai initiiert Harvest Fields International einen mehrtägigen Gottesdienst in Lviv, unter anderem unterstützt von den International Association of Healing Ministries. Im Zuge des Events teilen sie Heilungsgeschichten, wie die einer Skoliose. Beide sind Partner von Awakening Europe (mehr zu den Partnern, die Awakening Europe auf der Website listet, hier).

Am 08. Juni erreicht Newsletter-Abonnent:innen „eine persönliche Nachricht von Ben Fitzgerald“. Er kommt schnell zum Punkt, Anlass ist das Event in Rotterdam: „Hat Gott schon einmal dein Herz bewegt und dich bei einer unserer Veranstaltungen verändert? […] Ich werde sehr ehrlich sein – wir brauchen dringend 350.000 Euro in den nächsten drei Wochen. Ihr wisst, dass wir nie um Geld bitten oder 50 E-Mails dazu verschicken … nur wenn es dringend ist.“

Der Verlauf der Social Media-Geschichten von Awakening Europe zeigt an, dass sie für mindestens drei Wochen zwischen Ende Februar und Ende März an der Grenze zwischen der Ukraine und Polen gewesen sind. Berichte Dritter zeigen, dass auch in den folgenden Wochen Menschen in den Awakening Europe-Warnwesten in der Grenzregion aktiv gewesen sind.


* Name von der Redaktion geändert.

Redaktion: Nicola Kuhrt, Nicole Hagen

  • Best-of MedWatch: Meistgelesene Artikel

  • Neu auf MedWatch

  • oliver schwarz Stammtisch

    Um unabhängig recherchieren zu können, brauchen wir Ihre Hilfe.

    Unterstützen Sie jetzt unser Crowdfunding auf der Plattform Steady.

    2 Kommentare zu „Awakening Europe

    Wir freuen uns über kritische Kommentare, Feedback und Vorschläge. Wir bitten darum, Kommentare sachlich zu halten und auf Beleidigungen zu verzichten – und behalten uns vor, Kommentare ansonsten nicht zu veröffentlichen. Bitte belegen Sie Ihre Aussagen nach Möglichkeit auch mit Links oder anderen Verweisen. Wir prüfen alle Kommentare vorab und schalten sie frei - insbesondere am Abend oder am Wochenende geschieht dies teils zeitverzögert. Besten Dank und schöne Grüße vom MedWatch-Team!

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.