Germanische Neue Medizin Warum Menschen auf selbsternannte Gesundheitsberater hören – und doch besser auf ihren Rat verzichten sollten

Erdenke der Germanischen Neuen Medizin: Ryke Geerd Hamer 1995 auf einer Pressekonferenz. (Foto: dpa)
Erdenke der Germanischen Neuen Medizin: Ryke Geerd Hamer 1995 auf einer Pressekonferenz. (Foto: dpa)

Anhänger der umstrittenen „Germanischen Neuen Medizin“ verbreiten die „größte Entdeckung der Menschheitsgeschichte“ auf Homepages, in Diskussionsforen und Studienkreisen. Lehnen sie evidenzbasierte Medizin wegen falscher Heilungserwartungen ab, kann ihre „Lehre“ tödlich enden. Warum halten sie an ihr fest?

Jede Impfung gegen Viren läuft ins Leere und hilft nicht. Denn krankmachende Viren gibt es nicht. Nie wurde diese Sache mit Kontrollexperimenten überprüft. Und warum? Weil das alles Geschäftemacherei ist…“, wird Armin Marx zum Abschluss des Online-Workshops auch die Corona-Pandemie kommentieren. Es ist Ende November 2021; der “Naturheilverein Spechbach und Umgebung eV” hat den 63-jährigen Marx als Sprecher eines Web-Seminars eingeladen.

Unter dem Titel „Die Haut aus Sicht der fünf biologischen Naturgesetze“ erklärt der ehemalige Polizeibeamte und Selbstbehauptungstrainer der Polizeidirektion Heidelberg das Warum und Wie von Krankheiten – aus Perspektive der Germanischen Neuen Medizin (GNM): „Tumoren werden durch Pilzbakterien zersetzt. … Pickel sind kleine Tumoren der Lederhaut. … Sommersprossen resultieren aus Trennungskonflikten. … Lepra und Beulenpest sind Besudelungskonflikte infolge miserabler Hygieneverhältnisse … Kinderkrankheiten wie Masern oder Neurodermitis resultieren aus fehlendem Kontakt zur Mutter. … Alzheimer ist eine Zivilisationskrankheit vernachlässigter Senioren … Nicht Sonne verursacht Krebs, sondern Panikmache. … Chemotherapie und Strahlenbehandlung stören die körpereigene Regeneration.“

Nach dreistündigem Intensiv-Webinar herrscht beim 35-köpfigen Online-Publikum erst einmal Schweigen. Es besteht ausschließlich aus Frauen zwischen zwanzig und sechzig Jahren. Inhaltliche Fragen haben sie nicht. Konnte Marx alle überzeugen? Oder waren seine Ausführungen zu verwirrend, um überhaupt Nachfragen zu ermöglichen? Eine Handvoll Teilnehmerinnen bittet schließlich um persönliche Ratschläge, die Marx unter Hinweis auf belegbare Basiskurse vage gibt.

Leitfaden zur Selbstheilung?

Marx medizinisches Weltbild beruht auf den fünf biologischen Naturgesetzen (5BN). Ihren entscheidenden Vorteil erklärt er gegenüber MedWatch so: „Einfache Menschen wie Du und ich können ihre Wirksamkeit erleben und überprüfen. Voraussetzungen sind der Wunsch nach Eigenverantwortung und die Bereitschaft nachzudenken.


Die fünf biologischen Naturgesetze (5BN) der Germanischen Neuen Medizin (GNM nach Hamer)

1. BN: Ursache aller Krankheiten sind psychische Schockerlebnisse, sobald ein Ereignis den Werten, Erfahrungen oder Konditionierungen eines Menschen widerspricht.

2. BN: In einer Heilungsphase regenerieren sich Organe von selbst, insofern der ursächliche psychische Konflikt verstanden und gelöst wurde.

3. BN: Die Zugehörigkeit einzelner Gewebe zu drei „Hamerschen Keimblättern“ erklärt, warum der gleiche Konflikt in unterschiedlichen Geweben unterschiedliche Symptome erzeugt.

4. BN: Alle Infektionen sind psychosomatisch. Denn Mikroben sind nicht Auslöser von Krankheiten, sondern Heilungshelfer, die in der Regenerationsphase auftreten. Viren sind „unfertige Molekular- und Aminosäureverbindungen“, die in der Heilungsphase zu Zellen aufgebaut werden.

5. BN: Krankheiten sind „Sinnvolle Biologische Sonderprogramme“ als Zeichen einer positiven Reaktion des eigenen Körpers auf Schockerlebnisse. Vom modernen Menschen in seiner naturfremden Umgebung sind sie schwer zu verstehen.

Die 5BN gelten für Menschen, Tiere und auch Pflanzen. Lediglich Vergiftungen und Schäden durch ionisierende Strahlung sind ausgenommen.


Werden die 5BN befolgt, kann sich laut Marx jeder selbst heilen. Beurteilungen durch jahrelang geschultes Fachpersonal mache das überflüssig, zumal die 5BN „von einer Vielzahl anderer Mediziner und Therapeuten weit über Europa hinaus an Tausenden von Patienten nachgewiesen worden sind und sich immer als exakt und reproduzierbar – und damit als wissenschaftlich – erwiesen haben.“ Zumindest behauptet das die Homepage des selbsternannten Gesundheitsberaters.

5BN: Was antwortet die Wissenschaft?

Stimmen Mediziner und Therapeuten zu? In der Wissenschaft ist es so: Jede Publikation einer medizinischen Entdeckung oder neuen Behandlungsmethode muss ein mehrstufiges, rigoroses Begutachtungsverfahren durch Fachkollegen durchlaufen. Dieser Peer-Review-Prozess sichert nicht nur die Qualität eines wissenschaftlichen Projekts, sondern schafft auch Transparenz und Verlässlichkeit.

Alle erfolgreich begutachteten Artikel lassen sich in der weltweit verfügbaren Datenbank Pubmed einsehen. Unter ihren 33 Millionen Einträgen in 5.300 Biowissenschafts- und Medizinjournalen findet sich kein einziger Hinweis auf die „revolutionären“ Befunde der 5BN. Auch das Deutsche Register klinischer Studien und das European Clinical Trials Register listen keine Treffer für die Germanische Neue Medizin. Wurde ihre klinische Wirksamkeit nie bewiesen?

Bereits nach kurzer Lektüre der Texte von und über Herrn Hamer wird deutlich, dass es sich bei dem Konstrukt der „GNM“ um ein unhaltbares, abstruses, un- und pseudowissenschaftliches Gedankengebäude handelt.

Deutsche Krebsgesellschaft, 2004

Marx erklärt gegenüber MedWatch: „Es gibt dreißig „Verifikationen“ der 5BN von Ärztekongressen und sogar einer von einer Universität. Die haben immer eine einhundertprozentige Stimmigkeit ergeben.“ Bei diesen „Verifikationen“ handelt es sich um Schriftstücke vom Umfang einer Viertel bis ganzen Seite. Auf ihnen bestätigten in den 1980er- und 1990er-Jahren Anhänger der „Neuen Medizin“ meist in „Zentren für Neue Medizin” anhand von Fallbeispielen die Wirksamkeit der „Neuen Medizin“.

Die Seriosität der Dokumente sollen Unterschriften von Menschen mit Doktortiteln oder Stempel, etwa der „Bezirkshauptmannschaft Tulln“ oder der „Siemens Aktiengesellschaft“, beweisen. In einer solchen „Verifikation“ vereinbarten die Unterzeichner beispielsweise, in Zukunft eine Studie durchführen zu wollen. Eine andere „Verifikation“ kündigte gegenüber dem Dekanat der Medizinischen Fakultät der Universität Düsseldorf an, bald eine „ausführliche Dokumentation samt detailliertem Prüfbericht“ versenden zu wollen. Auf mehreren „Verifikationen“ erklärte der ehemalige Arzt Ryke Geerd Hamer, dass er die 5BN offiziell überprüft habe und in vollem Umfang bestätige. Interessantes Detail: Hamer selbst hatte sie in Selbsterfahrung im Jahr 1980 „entdeckt“. Die Zirkelschlüsse scheinen nicht aufzufallen.

Wissenschaftlichen Minimalstandards genügt keine dieser „Überprüfungen“ . Weder liegt ihnen ein Studiendesign zugrunde, noch enthalten sie Information zur Methodik der Untersuchungen, zur Art der erhobenen Daten oder zu konkreten Untersuchungsergebnissen. Selbst alle einhundert Fallbeispiele aller „Verifikationen“ zusammengenommen haben keinerlei statistische Aussagekraft. Im Gegensatz zu seriösen wissenschaftlichen Publikationen ist es unmöglich, ihre Behauptungen zu überprüfen.

Tatsächlich existieren in der Wissenschaftswelt so etwas wie „Verifikationen“ oder „Falsifikationen“ als eine Art rechtsverbindliche Stellungnahme einzelner Personen oder Institutionen nicht einmal. Vielmehr findet sich wissenschaftliche Wahrheit, falls publizierte Resultate reproduziert und von der Wissenschaftsgemeinde bestätigt werden können.

Fest steht: Für die angeblich bahnbrechenden Erfolge der Germanischen Neuen Medizin existieren weder Wirksamkeitsnachweise noch seriös veröffentlichte Behandlungserfolge oder klinische Studien. Stattdessen sollen retrospektive, anektodenhafte „Verifikationen“ die einfach strukturierten „Naturgesetze“ stützen. Die Deutsche Krebsgesellschaft fasste 2004 zusammen: „Bereits nach kurzer Lektüre der Texte von und über Herrn Hamer wird deutlich, dass es sich bei dem Konstrukt der „GNM“ um ein unhaltbares, abstruses, un- und pseudowissenschaftliches Gedankengebäude handelt.

Neue Germanische Medizin: Keine harmlose Spinnerei

Lässt sich die GNM also als harmlose Spinnerei abtun? Ärztekammern und Verbraucherzentralen warnen vor hohen persönlichen Risiken: Allein in Europa sind Dutzende GNM-Todesopfer gerichtsbekannt. Schätzungen der Medizinjournalistin Krista Federspiel gehen von bis zu 500 Todesfällen infolge von Hamers Ratschlägen aus. Hamer selbst erwähnte in Korrespondenz mit dem höchsten Gericht Frankreichs für das „Zentrum für Neue Medizin“ im österreichischen Burgau etwa 500 Krebs-Patienten, die trotz seiner „Behandlung“ verstarben. Der gesundheitliche Schaden bei Alltagskrankheiten lässt sich nur erahnen.


Das Leben des Ryke Geerd Hamer (*1935 †2017) und die Entstehungsgeschichte der Germanischen Neuen Medizin (GNM)

ab 1953  Studium der Humanmedizin und evangelischen Theologie

1962       ärztliche Approbation

1963       Promotion mit Dissertationsschrift „Untersuchungen über den Einfluss des Adaptinols auf die Dunkeladaptation des gesunden Auges“

1972       Facharztprüfung zum Internisten

1978       Flucht nach Italien infolge wirtschaftlichen Misserfolgs: Hamer hatte ein Skalpell und eine elektrische Knochensäge erfunden, die sich jedoch als wenig praktikabel erwiesen; es folgten Rückzahlungsforderungen von Gläubigern und Dutzende Eintragungen im deutschen Schuldnerverzeichnis

1978       Tragischer Tod des 19-jährigen Sohnes Dirk durch Schussverletzung

1979       Diagnose Hodenkrebs

1980       Formulierung der fünf biologischen Naturgesetze (5BN) zur Entstehung von Krebserkrankungen ohne Erfahrung oder Ausbildung in der Onkologie; Hamer berichtete von Träumen, in denen sein verstorbener Sohn Dirk ihm die Theorien mehrfach bestätigte

1981       Schulmedizinische Entfernung des Hodentumors auf eigenen Wunsch

1981       Einreichung der Habilitationsschrift „Das Hamer-Syndrom und die Eiserne Regel des Krebs“ an der Universität Tübingen und einhellige Ablehnung als Spekulation infolge fehlender Belege und mangelnder Wissenschaftlichkeit

ab 1981  Behandlung krebskranker Patienten auf Basis der 5BN an wechselnden Orten in Deutschland und Österreich ohne Kassenzulassung in illegalen Privatkliniken

1986       Gerichtlicher Entzug der Zulassung als Arzt wegen Schwäche der geistigen Kräfte, Unzuverlässigkeit, mangelnder Einsichtsfähigkeit und psychopathischer Persönlichkeitsstruktur (VG Koblenz, Az. 9K215/87)

1997       Einjährige Haftstrafe in Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf nach Tod mehrerer Krebspatienten

1997       Erfolgloser Habilitationsversuch an der slowakischen Universität von Trnava

2004       Dreijährige Haftstrafe in Frankreich nach Tod mehrerer Krebspatienten

2006       Erklärung, als Reichspräsidenteines künftigen Deutschen Reichs bereit zu stehen

2007       Flucht nach Norwegen wegen deutscher und österreichischer Strafverfahren wegen Volksverhetzung und Körperverletzung mit Todesfolge

ab 2007  Selbsternannter „Rektor“ der Scheinuniversität „Universitet Sandefjord“, Betrieb eines Kleinverlags für Bücher mit Titeln wie „AIDS, die Krankheit, die es gar nicht gibt“ und „Einer gegen alle“, für Videos zur „Erkenntnisunterdrückung der Germanischen Heilkunde“ und für „urarchaische Zaubermelodien“

2017       Letztmalige Ablehnung mehrerer Klagen zur Wiederzulassung als Arzt (VG Frankfurt Main. Az. 4K3468/16.F)


Armin Marx widerspricht gegenüber MedWatch: „Hamer hat einen Medizin-Nobelpreis verdient. Sobald seine Entdeckungen anerkannt sind, wird man ihm unendlich dankbar sein.“ Im Vertrauen darauf unterrichtet der ehemalige Polizist laut eigener Aussage auf Spendenbasis einen Studienkreis von 400 Personen zwischen Frankfurt, Stuttgart und Karlsruhe: „Vor einiger Zeit habe ich ein Halbtagesseminar vor zwanzig bis dreißig Leuten durchgeführt. Die Menschen sind danach meist sehr dankbar und ich kann mich über die Höhe ihrer Spenden nicht beklagen.

Wie viele GNM-Studienkreise in Deutschland existieren, ist unklar. In sozialen Netzwerken finden sich mehrere GNM-Gruppen, deren 600 bis 2.000 Abonnenten sich gegenseitig medizinische Ratschläge erteilen, um psychische „Konfliktursachen“ zu lösen. Vom Besuch klassischer Ärzte raten sie meist ab.

Wieder gesund? Die Grenzen der Intuition

Auch Marx betont gegenüber MedWatch seine eigene Erfahrung: „Mithilfe der 5BN bin ich drei, vier Allergien losgeworden. Seitdem erlebe ich nichts mehr anderes.“ Evidenzbasierte, klinische Forschung ist für ihn überflüssig: „Dass die 5BN zu einhundert Prozent stimmen, habe ich bei Hunderten Freunden, Bekannten und Klienten im Laufe von zehn Jahren erlebt. Meine Umgebung ist die klinische Studie, die mir recht gibt [sic].“

Leider ist die eigene Intuition in Fragen der Medizin ein schlechter Berater. Denn sie reicht nicht aus, um komplexe Probleme zu durchdringen. Hans-Peter Erb, Lehrstuhlinhaber für Sozialpsychologie an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, erklärt den zugrundeliegenden Teufelskreis: „Im Alltag wählen und interpretieren wir Information unbewusst so, dass sie unsere Erlebnisse bestätigt. Denn es kostet Energie und tut weh, uns immer wieder selbst zu hinterfragen.“ Sich dagegen in einer Informationsblase abzuschotten, sei der leichtere Weg, sagt er. Verdiene man daran noch Geld und erhalte soziale Bestätigung von den eigenen Anhängern, gebe es keinen Grund, sich und die erreichte Einzigartigkeit zu revidieren. „Auch gebildete Leute fallen auf diesen confirmation bias herein.

Aus Angst, sich korrigieren zu müssen, bauten sich Betroffene laut Erb dann leicht ein schlichtes, binäres Weltbild auf. So existiert auch für Marx nur eine Erklärung, warum sich die 5BN in ihrer vierzigjährigen Geschichte nicht im klassischen Medizinbetrieb durchsetzten: „Weil die Pharmaindustrie es nicht zulässt. Sie würde im Bereich ihrer medizinischen Symptombehandlung riesige Einbußen haben.“ Eine Wirkungslosigkeit der GNM-Lehre kommt ihm nicht in den Sinn.

Geschickt fördert das dritte „biologische Naturgesetz“ (siehe Infokasten 1) diesen Kreislauf der Selbstbestätigung. Details erfährt zwar erst der Teilnehmer von GNM-Präsenzveranstaltungen, aber so viel verrät Marx in seinem Online-Seminar Ende November 2021: „Jeder Mensch funktioniert anders, hat andere Konditionierungen und Prägungen. Ob der eine wegen einem bestimmten Erlebnis Diabetes bekommt und der andere Lendenwirbelsäulenprobleme, ist individuell. Es ist aber erklärbar, weil jeder ein eigenes Empfinden hat und anders reagiert.“ Mit anderen Worten: Das 3. BN erlaubt es, Zufallsbeobachtungen willkürlich zu korrelieren. Auf die Art lässt sich alles bestätigen – und eben nichts. Auf die Nachfrage, wie sich „Konfliktlösung“ und „Sinnvolle Biologische Sonderprogramme“ der GNM-Lehre dann überhaupt auf Plausibilität überprüfen lassen, antwortet Marx nicht, sondern sendet zwei 600-seitige Bücher von Geerd Hamer.

GNM: Einfluss von Psychoeffekten

Zu allem Überfluss bilden derartige Bestätigungsfehler nur die Spitze des Eisbergs, dem jeder Einzelne – und somit auch jeder GNM-Anhänger – gegenübersteht. Denn unser Alltag hält ein Minenfeld an Psychoeffekten bereit: Beispielsweise lässt uns der Backfire-Effekt etwa als Zustimmung ansehen, obwohl es unserer Überzeugung widerspricht. Dank der Kontrollillusion glauben wir, Zufallsereignisse lenken zu können. Infolge des Lake-Wobegon-Effekts überschätzen wir unser eigenes Urteilsvermögen zugunsten eines positiven Selbstbilds. Die Expertenheuristik lässt uns Einzelpersonen vertrauen, sobald sie beispielsweise einen weißen Kittel überstreifen, und dank des Placebo-Effekts wirken selbst Scheinmedikamente.

Kurzum: In Fragen der Medizin lassen sich Behauptungen und Tatsachen nur durch klinische Wirksamkeitsstudien und statistische Analyse tausender Patienten unterscheiden. Anekdoten, Fallbeispiele aus dem Bekanntenkreis und noch so emotionale Selbsterfahrungen beweisen nichts.

Seine eigenen Kenntnisse hat Marx 2014 in einem Intensiv-Seminar „Germanische Heilkunde“ erworben und in den Folgejahren in verschiedenen Weiterbildungen vertieft. Ebenfalls seit 2014 berät er Klienten in seiner Praxis im baden-württembergischen Neidenstein. Eine klassische Medizinausbildung scheint ihm dafür überflüssig. „In meinem Studienkreis befinden sich Ärzte und Heilpraktiker. Über den Austausch mit ihnen habe ich schon tiefergehende medizinische Kenntnisse. Von der Breite meines Wissens kann ich in vielen Bereichen mit dem einen oder anderen Arzt mithalten. Dank meiner Erfahrungswerte werden Menschen für mich manchmal sogar fast gläsern“, bekräftigt er gegenüber MedWatch.

Nachholbedarf haben laut dem ehemaligen Polizeibeamten Marx dagegen evidenzbasierte Mediziner und Biowissenschaftler: „In einem Studium lernt man nur das, was man gesagt bekommt, egal, ob es richtig ist oder falsch. Viele dieser sogenannten Spezialisten sind hochintelligente Menschen, die aber nichts hinterfragen. Im Gegensatz zu mir blicken sie nicht über den Tellerrand.“ Ein wissenschaftliches Studium hat Marx nie absolviert.

Der Dunning-Kruger-Effekt

Schon der britische Naturforscher Charles Darwin stellte fest: „Unwissenheit erzeugt viel häufiger Selbstvertrauen als Wissen.“ Doch erst die US-amerikanischen Sozialpsychologen Dunning und Kruger beschrieben 1999 die nach ihnen benannte kognitive Verzerrung: Personen mit geringer Fachkompetenz überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten und unterschätzen die Leistung anderer. Die Krux daran: Sie merken es nicht. Um die eigene Qualifikation realistisch zu beurteilen, bräuchten sie Fachkompetenz. Ohne Letzteres aber wissen sie nicht, wie viel sie nicht wissen. Ihre Inkompetenz macht sie blind gegenüber ihrer Inkompetenz.

Warum Menschen unterschiedlich empfänglich für den Dunning-Kruger-Effekt sind, ist bislang nicht klar. Laut Erb spielen viele Persönlichkeitsmerkmale eine Rolle. Menschen, die vorläufiges Wissen, mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen nur schwer ertragen, strebten nach einer schnellen, eindeutigen Antwort – psychologisch ist vom need for closure die Rede – und fassten ihre Meinung auf Basis erster, einfacher Beobachtungen.

„Haben sie wenig need for cognition, also Spaß am Nachdenken, bleiben sie dann bei dem, was sie schon immer dachten.“, ergänzt der Sozialpsychologe. Außerdem reduzierten einfache Lösungen in ungewohnten Situationen ihr Gefühl von Unsicherheit und Angst. „Versuchen sie zum Beispiel eine irre Geschichte wie die Corona-Pandemie in ihr Weltbild einzubauen, helfen ihnen aus einem Kontrollbedürfnis heraus einfache Antworten auf komplexe Phänomene.“ Abschließend sei auch der Wunsch nach Einzigartigkeit ein Faktor dafür, abweichende Meinungen bis hin zu Verschwörungstheorien zu glauben.

Niemand kann sich vom Dunning-Kruger-Effekt freisprechen. Auch hochintelligente Menschen sind nicht vor ihm gefeit, sobald sie ihre Kompetenz auf einem Gebiet automatisch auf ein anderes übertragen. Um unsere eigene Ignoranz zu verringern, bleibt nur eines: Wir müssen kontinuierlich Wissen erwerben, uns ständig selbst reflektieren und aktiv nach Widersprüchen suchen. Andere Menschen bereits nach Besuch eines Intensiv-Seminars in der eigenen Praxis beraten zu wollen, hilft dabei vermutlich nur bedingt.

Wer trägt die Verantwortung?

Mitte Januar 2022 bietet „Gesundheitsberater“ Armin Marx seinen nächsten Basiskurs zum GNM-Grundwissen an. Wie die Teilnehmerinnen seines Webinars „Die Haut aus Sicht der 5BN“ Ende November 2021 erfahren, sei die Präsenzveranstaltung fast ausverkauft – Corona-Maßnahmen hin oder her. Gleichzeitig warnt er sein Online-Publikum eindringlich: „Sie sind für alle Ihre Entscheidungen selbst verantwortlich.“ Auch auf seiner „Praxis“-Homepage heißt es: „Die Verantwortung für den Grad der Veränderung liegt immer beim Klienten, allein seine Glaubenssätze bestimmen, in welchem Ausmaß die gewünschte Veränderung eintreten kann.

In anderen Worten: Allein der Patient bestimmt laut Marx den weiteren Krankheitsverlauf. Therapieversagen folgen aus einer falschen Anwendung der GNM-Lehre oder externen Eingriffen durch evidenzbasierte Medizin. Ein offizielles Heilsversprechen möchte Marx nicht abgeben, sondern spielt lieber mit der Erwartungshaltung seiner Klienten. Wird sie enttäuscht, liegt die Schuld daran nicht am selbsternannten Gesundheitsberater.


Redaktion: Nicola Kuhrt, Sigrid März

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2 Kommentare zu „Warum Menschen auf selbsternannte Gesundheitsberater hören – und doch besser auf ihren Rat verzichten sollten

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