Verschwörungserzählungen zur Corona-Impfung Die Angst vor einer Fehlgeburt

Adrià Crehuet Cano on Unsplash
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Auf Verschwörungswebsites, Telegram-Kanälen und Twitter verbreiten sich Artikel über extrem hohe Fehlgeburtsraten bei Schwangeren, die sich gegen das Coronavirus impfen lassen. Sie berufen sich auf ein renommiertes Medizinjournal. Was steckt dahinter?

Anfang September hat sich die Ständige Impfkommission (STIKO) dafür ausgesprochen, Schwangere und Stillende gegen SARS-CoV‑2 zu impfen. Es dauerte nicht lang, da tauchten die ersten Falschmeldungen und Gerüchte dazu im Internet auf. So schrieb etwa der Twitterer Peter S. auf seinem selbsternannten „News-Kanal“ vom „COVID-19-Horror“. Er erwähnte eine Studie, wonach es unter geimpften Schwangeren eine Fehlgeburtsrate von 81,8 Prozent gebe. Nur: Diese Zahl existiert in der Studie überhaupt nicht.

Peter S. streut regelmäßig Falschmeldungen rund um das Coronavirus und die  Vakzine dagegen. Dafür bedient er Twitter, Facebook, Telegram und einen Blog. Auf seiner Website bezeichnet er sich als „freier Journalist“, „Menschenrechtler“ und „Bibelforscher“. Gegenüber MedWatch erklärt er, über keine klassische journalistische Ausbildung, dafür über 20 Jahre Bibelstudium bei den Zeugen Jehovas zu verfügen. Das Entscheidende fehlt ihm indes: medizinische Expertise.

Horror-Geschichten zur Corona-Impfung

Twitter kennzeichnet den Tweet zur angeblich 82-prozentigen Fehlgeburtenrate inzwischen in einer Warnmeldung als irreführend und hat eine Sperre eingebaut: Der Tweet darf nicht mit einem Herz versehen, geteilt oder beantwortet werden. Allerdings kann man noch auf den Link zu einem Artikel klicken, in dem ein Autor namens „Manfred U.“ über die vermeintliche Gefahr für Schwangere schreibt. Gleich in der Überschrift spricht er von einem „Genozid an Ungeborenen“. Worte, die erschrecken und in die Irre führen.

Bevor man die ersten Sätze des Artikels lesen kann, erscheint ein Hinweis: „Liebe Leser, unsere Inhalte werden inzwischen vollumfänglich zensiert. […] abonnieren Sie jetzt unseren Kanal auf Telegram!“ Fast 38.000 Menschen haben den Telegram-Kanal der Website abonniert (Stichtag: 13.Oktober 2021). Die Seite hat kein Impressum, was in Deutschland Pflicht ist. Wer Kontakt mit den Betreibern der Website aufnehmen will, gelangt zu einem russischen Domain-Betreiber.

Neben weiteren Horror-Geschichten über die Corona-Impfung verbreitet die Website allerlei unwissenschaftliche und falsche Informationen: Kurkuma könne Grippewellen stoppen, Deutschland habe keine Verfassung, die deutsche Bevölkerung befände sich in einem „molekularen Bürgerkrieg“. Die meisten Texte hetzen gegen Journalisten, Politikerinnen und Menschen mit Migrationsgeschichte. Der Autor „Manfred U.“ schreibt auch auf anderen Verschwörungsblogs, die ebenfalls Falschmeldungen und rechte Hetze veröffentlichen. Für MedWatch war er nicht zu erreichen.

Studie zur Sicherheit der Impfung Schwangerer

In seinem Text zur Impfung Schwangerer bezieht er sich auf eine wissenschaftliche Publikation im „The New England Journal of Medicine“ (NEJM). Tatsächlich gibt es in dem Journal wissenschaftliche Artikel zur Impfung Schwangerer und Stillender.

In einer USA-weiten Studie untersuchten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wie sicher eine Impfung Schwangerer ist. Dabei blickten die Forschenden auf die mRNA-Vakzinen der BioTech-Unternehmen Moderna und BioNTech. Rund 36.000 Frauen zwischen 16 und 54 Jahren nahmen teil. Die Ergebnisse der Studie: Die Forschenden fanden keine Sicherheitsrisiken. Schwangere klagten öfter über Schmerz an der Einstichstelle als Nicht-Schwangere. Dagegen traten Kopf- und Gliederschmerzen, Schüttelfrost und Fieber bei Schwangeren seltener auf. Fehlgeburten kamen bei geimpften Schwangeren genauso häufig vor wie bei nicht geimpften vor der Pandemie.

Normalerweise enden etwa 10 bis 15 Prozent aller Schwangerschaften in einer Fehlgeburt. In den meisten Fällen finden sie in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft statt – oft, ohne dass die Frau selbst es bemerkt. Unter den Studienteilnehmerinnen hatten 13,9 Prozent (115 von 827 Frauen) Fehlgeburten. Diese Rate liegt im Normalbereich.

Woraus schlussfolgert der Autor „Manfred U.“ also eine Fehlgeburtenrate von 81,8 Prozent? Peter S., der Twitter-Nutzer, ist bemüht, die Frage gegenüber MedWatch zu beantworten – mit Links zu weiteren Verschwörungswebsites.

Verschwörungstheoretiker rechnen falsch

Auf ihnen bezieht man sich auf das Kleingedruckte unter einer Tabelle in der Studie des New England Journal of Medicine. Die Autorinnen und Autoren der Verschwörungsblogs haben sich folgende Rechnung überlegt: 127 Teilnehmerinnen wurden in den ersten zwei Trimestern der Schwangerschaft geimpft. Diese Zahl stimmt. In den ersten 20 Schwangerschaftswochen verzeichnete die Studie bei 104 Schwangeren spontane Aborte. Teilt man 104 durch 127 ergibt das einen Anteil von rund 82 Prozent. Die Rechnung klingt zunächst plausibel, ist aber aus mehreren Gründen falsch: Erstens endet das zweite Trimester mit der 24. Schwangerschaftswoche. Die 104 Aborte beziehen sich aber auf 20 Wochen. Hier werden zwei Zahlen ins Verhältnis gesetzt, die sich auf unterschiedliche Zeiträume beziehen. Der Vergleich ist unsauber.

Zweitens ließe die falsch errechnete Fehlgeburtenrate von 82 Prozent nur eine Aussage über die ersten zwei Drittel der Schwangerschaft zu. Denn insgesamt beendeten 827 Teilnehmerinnen ihre Schwangerschaft während der Studienzeit. 827 ist der korrekte Nenner, wenn man Aussagen über die komplette Schwangerschaft treffen will. Drittens sagt die Studie nichts über die Gründe der 104 Abgänge vor der 20. Woche. Ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen einer Impfung und einem verlorenen Baby gibt, geht nicht hervor.

STIKO empfiehlt Impfung von Schwangeren gegen Corona

Die Verschwörungsgläubigen verdrehen, verkneten und verrechnen hier Fakten und Zahlen so lange, bis von der Wahrheit kaum etwas bleibt. Die STIKO stuft es – nach eingehender Prüfung – wiederholt als sicher und effektiv ein, wenn Schwangere sich ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel einen mRNA-Impfstoff injizieren lassen.

Schwangere gelten generell als vulnerable Gruppe für Infektionskrankheiten. Erkranken sie an Covid-19 steigt das Risiko für eine Frühgeburt und Präeklampsie, früher Schwangerschaftsvergiftung genannt. Über einen „Genozid an Ungeborenen“ zu sprechen, wie es der Autor „Manfred U.“ macht, könnte unpassender nicht sein: In einem Genozid werden Menschen systematisch ermordet. Impfungen retten Leben.

Redaktion: Nicola Kuhrt, Henrik Müller


Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Textes stand, die STIKO empfehle die Impfung für Schwangere ab dem letzten Schwangerschaftsdrittel. Die Empfehlung gilt aber bereits ab dem zweiten. Wir haben dies korrigiert.


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Ein Kommentar zu „Die Angst vor einer Fehlgeburt

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