GcMAF Miese Geschäfte mit der Hoffnung schwerstkranker Menschen

Mikroskopaufnahme von Brustkrebszellen.
Krebszellen in der Brust. (Quelle: National Cancer Institute) Krebszellen in der Brust. (Quelle: National Cancer Institute)

“Ernsthafte Erkrankungen wie Krebs, HIV (sic) und Hepatitis werden zerstört.“ Mit diesen Heilsversprechen werben Ärzte für GcMAF. Ein Geschäft mit der Angst – unter den Augen der Arzneimittelaufsicht und Ärztekammer.

GOleic, GcOleic, RERUM oder BRAVO: Das Mittel GcMAF wird heute unter vielen verschiedenen Namen im Internet angeboten. Und soll bei einer großen Anzahl von Erkrankungen helfen, insbesondere Krebserkrankungen. Aber auch bei Autismus, Virusinfektionen oder dem chronischen Ermüdungssyndrom. Ein Wirksamkeitsnachweis fehlt bis heute. Dennoch schrecken Ärzte und selbsternannte Heiler nicht davor zurück, GcMAF an Menschen zu verkaufen, die schwer krank sind oder die wissenschaftlich belegten Therapien nicht vertrauen.

Ein prominenter Fall bewegte 2016 Deutschland. Die bekannte Moderatorin und Schauspielerin Miriam Pielhau erkrankte bereits einige Jahre zuvor im Alter von 32 Jahren an Brustkrebs. Sie beginnt einen Kampf gegen den Tumor, den sie in ihrem Buch „Fremdkörper“ beschreibt. Der Krebs scheint geheilt, ihr offener Umgang mit der Erkrankung und ihr Engagement für die Deutsche Krebshilfe machen sie für viele zu einem Vorbild. Doch 2014 kehrt die Krankheit zurück. Ihren zweiten Kampf gegen den Krebs verarbeitet sie in ihrem Buch „Dr. Hoffnung“. Wieder scheint sie die Krankheit überwinden zu können. Anfang 2016 bestätigt ihre Ärztin: Die Metastasen sind verschwunden. Doch im Juli 2016 stirbt Miriam Pielhau überraschend an den Folgen ihrer Krebserkrankung.

Miriam Pielhau kämpft gegen den Krebs

Miriam Pielhau unterzog sich den Therapien, die die evidenzbasierte Medizin für Brustkrebs empfiehlt: Operationen, Chemotherapie, Bestrahlung. Doch als die Erkrankung zurückkehrt, wendet sie sich auch zunehmend pseudomedizinischen Heilangeboten zu. In der Zeit größter Verzweiflung stößt sie auf das Mittel GcMAF, ein Protein, das etwa Makrophagen stimulieren können soll.

Diese auch als Fresszellen bekannten Wächter unseres Immunsystems werden von Botenstoffen reguliert, damit sie nicht außer Kontrolle geraten und körpereigene Strukturen angreifen. Ob GcMAF jedoch wirklich eine Rolle in dieser komplexen Regulation spielt, ist bislang nicht belegt. Die meisten Studien zu dem Eiweiß gehen auf den japanischen Forscher Nubuto Yamamoto um das Jahr 2008 zurück. Drei der vier wissenschaftlichen Journale, in denen Dr. Yamamoto veröffentlicht hatte, haben die Publikationen aber aufgrund diverser Unstimmigkeiten inzwischen zurückgezogen.

GcMAF: Kein Wirksamkeitsnachweis

Der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) erhält immer wieder Anfragen von Rat suchenden Krebspatienten. „Unser Team hat daraufhin zu GcMAF recherchiert. Einen Wirksamkeitsnachweis konnten wir nicht finden.“, sagt Dr. Birgit Hiller. „Die wenigen Studien zu Krebstherapien mit GcMAF, die es überhaupt gibt, reichen auf keinen Fall aus, um Patientinnen und Patienten so zu behandeln.“ 

Dennoch verkaufen einige Ärzte und Therapeuten das Mittel als eine Art „Immuntherapie“ an Patienten. In Miriam Pielhaus zweitem Buch findet sich zunächst wenig zu GcMAF. Doch in einem abschließenden Kapitel, in dem sie einen Überblick über verschiedene Therapieformen gibt, auf die sie ihre Hoffnung setzte, wird sie deutlich: „Obwohl die Behandlung mit GcMAF in Deutschland bisher noch nicht offiziell zugelassen wurde, wird sie bereits in diversen deutschen Praxen und Kliniken mit großem Erfolg (!) angewendet.“ Sie schreibt von einer „nebenwirkungslosen Therapie“ und empfiehlt ihren Lesern, in Zukunft in diesem Zusammenhang im Internet nach Präparaten mit dem Namen „Immuno D“ Ausschau zu halten.

Das Buch „Dr. Hoffnung“ erscheint bei Allegria, einem Ullstein Buchverlag, inzwischen allerdings nur noch als E-Book. Anfang 2020 weist MedWatch im Zuge der Recherchen zu diesem Beitrag auf die Textpassage hin. Daraufhin löscht der Verlag umgehend die Stelle aus der elektronischen Buchversion.

Das Geschäft mit GcMAF geht unterdessen  unaufhaltsam weiter. Das Mittel wird aus menschlichem Blutplasma gewonnen. Im besten Falle ist es unwirksam, im schlimmsten Falle aufgrund technisch und hygienisch unzureichender Herstellungsverfahren gefährlich. Als Fertigarzneimittel ist es in Deutschland nicht zugelassen, Produktion und Vertrieb der Substanz an Dritte also strafbar. Das zeigt auch ein aktuelles Urteil des Landgerichts Hamburg, das Anfang Juni 2021 den Molekularbiologen Reiner S. zu 15 Monaten auf Bewährung und Rückzahlung seines „Gewinns“ verurteilt hat. Er soll GcMAF an Ärzte und Therapeuten geliefert und dabei mehr als 1,65 Millionen Euro Gewinn gemacht haben.

Millionengewinn mit GcMAF

Der Handel mit GcMAF erscheint als einträgliches Geschäft, dass sich offenbar einige Ärzte nicht entgehen lassen wollen. Denn tatsächlich ist die Behandlung mit GcMAF im Rahmen eines sogenannten „individuellen Heilversuchs“ nicht strafbar. Das Einzige, was die Ärzte dafür tun müssen: Die Substanz selbst herstellen.

GcMAF: Angebote der Düsseldorfer Klinik. (Screenshot: MedWatch)

So folgte auch die Verteidigungsstrategie von Reiner S. Anwälten dieser Lücke im Arzneimittelrecht: Reiner S. habe nicht selbst GcMAF hergestellt, sondern lediglich seine Laborräume Interessenten zur Verfügung gestellt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm jedoch vor, dass die Besteller wahrheitswidrig Formulare ausgefüllt hätten, in denen sie erklärten, das Arzneimittel selbst hergestellt zu haben – eine anscheinend gängige Praxis in der Szene.

Eine Methode, die auch die IKIRU Immunotherapy Clinic in Düsseldorf angewandt haben könnte. Unweit des Düsseldorfer Landtags betreibt der Gynäkologe Dr. M. hier seit dem Jahr 2000 eine Niederlassung, die laut ihrer eigenen Homepage auch Zweigstellen in den Niederlanden und Japan hat. Auf Englisch beschreibt die Website diverse Therapien für Krebserkrankungen und weitere chronische Krankheiten. Auch zahlreiche Heilangebote ohne Wirksamkeitsnachweis finden sich darunter. GcMAF ist eines davon.

Das Eiweiß wird auf den Webseiten von Dr. M. als ein Botenstoff beschrieben, der im Körper ernsthafte Erkrankungen wie Krebs, Aids (HIV) und Hepatitis „zerstört“. Aus humanem Blutserum stelle die Klinik große Mengen eines „2nd-generation GcMAFs“ in ihrem eigenen, spezialisierten Labor her und injiziere es zwei- bis dreimal die Woche  interessierten Patienten. Die Therapie wird Patienten mit Krebs ohne nähere Spezifizierung, HIV, Hepatitis und Tuberkulose ebenso empfohlen wie  Menschen mit chronischem Erschöpfungssyndrom oder einer Autismus-Spektrum-Störung.

GcMAF: Ein Mittel gegen alles?

Das sind alles Erkrankungen mit völlig unterschiedlichen Entstehungsmechanismen. Dennoch solle GcMAF laut der Klinikwebsite bei all diesen Erkrankungen helfen, und das mit keinen oder nur sehr geringen Nebenwirkungen. Ein Widerspruch in sich: Würde GcMAF das Immunsystem wirklich stark aktivieren und gegen eine Vielzahl an Erkrankungen recht unspezifisch wirken, müssten die Nebenwirkungen ebenfalls immens sein.

Das kostet es: Düsseldorfer Klinik wirbt für GcMAF-Therapie. (Screenshot: MedWatch)

Zweifel an der Behandlung, die Dr. M. anscheinend jedoch nicht hat: Die Kosten für 120 Injektionen werden auf der Homepage  mit bis zu 28.600 Euro angegeben.

Ob GcMAF wirklich in der Praxis angewandt wird, können wir nicht überprüfen. Auf die Anfrage an Dr. M. antwortet sein Rechtsanwalt Dr. B: Aktuell fänden keine Behandlungen mit GcMAF statt, da sich Dr. M. auf seine Genesung von einer Erkrankung konzentriere. Doch mit unserem Vorwurf konfrontiert, Dr. M. wende mit GcMAF ein nicht-zugelassenes Arzneimittel an, möchte der Rechtsanwalt „der guten Ordnung halber“ klarstellen, dass „die Anwendung (wie auch das Inverkehrbringen) nicht zugelassener Arzneimittel vom Gesetzgeber ausdrücklich erlaubt ist.“

Er beschreibt seinen Mandanten als verantwortungsvollen Arzt, der selbstverständlich beim Einsatz derartiger individualisierter Methoden im Zweifel auch eine vorherige rechtliche Prüfung durchführen lasse.

Rechtsanwalt Dr. B. ist auf Medizinrecht spezialisiert. Auf der Homepage seiner Kanzlei ist zu lesen, dass der Anwalt eine umfassende Beratung von Heilberuflern anbiete, insbesondere im Zusammenhang mit sogenannten Neuland- und Außenseiterverfahren. Darunter fallen meist Therapieangebote, für die bislang kein Wirksamkeitsnachweis vorliegt. In seinem Blog berichtet er regelmäßig, erfolgreich Personen verteidigt zu haben, die ihre Geschäfte mit Mitteln wie MMS oder GcMAF machen. In Vorträgen berät er Interessenten zur Erstattung der Kosten von „biologischen“ Krebstherapien durch Krankenkassen und weitere Kostenträger.

GcMAF: Ärztekammer Nordrhein warnt

Auch bei Dr. M. hat er vor Beginn der GcMAF-Behandlungen geprüft, wie sich diese rechtssicher durchführen lassen. Er erklärt gegenüber MedWatch, vertieft mit der Ärztekammer Nordrhein und der Arzneimittelaufsicht kommuniziert zu haben, bevor Dr. M. die Behandlungen aufnahm.

Die Ärztekammer Nordrhein bestreitet jedoch, dass es Absprachen oder Korrespondenz bei der Aufnahme der GcMAF-Therapien mit Dr. M. oder seinem Anwalt gegeben habe.

Bereits Anfang 2020 teilte die Kammer auf MedWatch-Anfrage mit, dass sie „vor Heilsversprechen warne, die vor allem im Kontext von Krebserkrankungen und anderen schwer heilbaren Krankheiten in Verbindung mit GcMAF gemacht werden“. Derartige Heilsversprechen widersprächen der ärztlichen Berufsordnung. Die Ärztekammer ginge unberechtigten Heilsversprechen, die Ärztinnen und Ärzten mit GcMAF machten, berufsrechtlich nach.

Nach der Anfrage geht die Ärztekammer den Hinweisen nach. Erst nach „mehrfacher Intervention“, so die Ärztekammer, schreibt der Rechtsanwalt von Dr. M. im April 2020, dass sein Mandant GcMAF „zum Zwecke der persönlichen Anwendung erlaubnisfrei hergestellt habe, nun aber krankheitsbedingt seine heilberufliche Tätigkeit in privatärztlicher Praxis einstelle“.

Die Kammer stellt ihre Ermittlungen daraufhin vorübergehend ein.

Doch, endeten die Behandlungen mit GcMAF in der Praxis damit?

Auf der Homepage der Praxis wird weiter für eine Therapie mit GcMAF geworben. Inzwischen ist prominent ein neuer Reiter ins Menü der Website aufgenommen worden: Er informiert über ein vielversprechendes Behandlungsprotokoll mit GcMAF – zur Prävention oder auch Therapie von COVID-19.

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Ein Kommentar zu „Miese Geschäfte mit der Hoffnung schwerstkranker Menschen

  1. Eine besonders perfide Strategie, die Parole von der Stärkung oder Aktivierung des Immunsystems auf Empfehlungen zur Therapie schwerster lebensbedrohlicher Krankheiten auszudehnen.
    Zumal immer die Frage ist, ob eine “Stärkung des Immunsystems” erwünscht bzw. überhaupt sinnvoll ist. Bislang gibt es nichts, was belegbar zu so etwas wie einer “Stärkung des Immunsystems” duch Einflussnahme von außen führt (vom Impfen abgesehen). Klinisch ist viel öfter eine Dämpfung des Immunsystems angezeigt. Das haben wir gerade bei den Zytokinstürmen zu Anfang der Corona-Krise gesehen, als man die Strukturen der schweren Verläufe noch nicht kannte. Heute verhindert man das gezielt und die Verhinderung schwerer Verläufe durch Impfungen wirkt dem auch entgegen. Bei den Impfungen schaut man auf jede Nebenwirkung, die in aller Regel nichts anderes ist als die Auswirkung einer Stimulierung des Immunsystems. Ganz abgesehen davon, dass bei allen Autoimmunerkrankungen, von MS bis Hashimoto, ein überaktives Immunsystem das Grundproblem ist.

    Wir sehen: das Problem ist Gesundheitskompetenz bzw. deren Fehlen bei allzu vielen Menschen. Es MUSS klingeln, wenn “Universalmittel, insbesondere gegen Krebs” angeboten werden, die das “Immunsystem stärken”. Das sind Parolen, von denen auch die Nahrungsmittelergänzungs-Industrie lebt. Was davon zu halten ist, sollte gesundheitliches Allgemeinwissen sein.

    Nicht, dass ich kein Verständnis und kein Mitgefühl für Menschen hätte, die in verzweifelten Situationen nach dem letzten Strohhalm greifen, Miriam Pielhau ist ein Beispiel dafür. Ich habe aber kein Verständnis für Ärzte, die auf Parolen hereinfallen, dass ein einziges Mittel für “viele Krankheiten, insbesondere Krebs” geeignet sei, weil es generell “das Immunsystem stärke”. Klar, Immuntherapien gegen Krebs gibt es, aber die sind das Gegenteil eines “Universalmittels” – es sind die derzeit individuellsten Therapien, die es gibt. Gerade im Falle der Ärzte ist Schopenhauers Frage angebracht: Ist dies nun Dummheit oder Niedertracht?

Wir freuen uns über kritische Kommentare, Feedback und Vorschläge. Wir bitten darum, Kommentare sachlich zu halten und auf Beleidigungen zu verzichten – und behalten uns vor, Kommentare ansonsten nicht zu veröffentlichen. Bitte belegen Sie Ihre Aussagen nach Möglichkeit auch mit Links oder anderen Verweisen. Wir prüfen alle Kommentare vorab und schalten sie frei - insbesondere am Abend oder am Wochenende geschieht dies teils zeitverzögert. Besten Dank und schöne Grüße vom MedWatch-Team!

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