Frauenarzt therapiert mit schädlichen Mitteln Und keiner tut was

Eine Leserin fragt, warum ein Frauenarzt für Therapien mit nicht zugelassenen Substanzen werben darf. Bundesbehörden haben bereits vor Jahren Warnungen für diese ausgesprochen. Der Fall zeigt, welche systematischen, gesundheitsgefährlichen Lücken es im System gibt.

Der kafkaeske Weg durch die Behörden und Kammern beginnt mit einem Tweet. Uns erreicht die Zuschrift einer Leserin, ein Frauenarzt aus Hessen biete auf seiner Website „komplementäre Krebstherapien“ an – darauf würden allerlei nicht zugelassene und gesundheitsgefährliche Mittel beworben. Darf der das?

Ein Blick ins Netz zeigt: Der Frauenarzt Ingo H. bietet auf seiner Praxishomepage nicht nur Leistungen in den Bereichen „moderne Frauenheilkunde“, „Ästhetik“ oder „Schwangerschaft“ an. Unter dem Menüpunkt „Kompl. Krebstherapie“ wirbt er für den Einsatz verschiedener fragwürdiger Mittel und Therapien. Vor einigen von ihnen warnen das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) oder das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) jedoch schon seit längerer Zeit .

H. hat laut seiner Website etwa das Protein „GcMAF“ im Portfolio. Dieses soll als sogenannte „Immuntherapie“ nicht nur gegen Krebs, sondern etwa auch gegen HIV und Autismus helfen. Für dieses Mittel warb auch die Fernsehmoderatorin Miriam Pilhau, die an Brustkrebs erkrankt war und vor vier Jahren verstarb. GcMAF ist in Deutschland nicht zugelassen. Studien in renommierten Fachmagazinen, die eine Wirkung von GcMAF belegen sollten, sind längst zurückgezogen. Dennoch sind Kliniken bekannt, in denen Patienten bis zu 28.600 Euro für eine Behandlung zahlen müssen. Pilhau hatte viel Hoffnung in dieses Mittel gesetzt, eine weitere Chemotherapie dafür abgelehnt.

Blausäure kann zu Vergiftungen führen

H. erklärt auf seiner Website, das auch als vermeintliches Vitamin B17 beworbene „Amygdalin“ – das etwa in Aprikosenkernen vorkommt – biete die Chance, Krebszellen selektiv zu schädigen, während gesunde Zellen durch den „natürlichen Mechanismus unbetroffen“ blieben.

Tatsächlich setzt Amygdalin im Körper Blausäure frei, was zu Vergiftungen führen kann. Behörden warnen vor dem Konsum des angeblichen Heilmittels – zumal keine positiven Wirkungen der Kerne bekannt sind. Die Deutsche Krebsgesellschaft weist darauf hin, dass in einer klinischen Studie zu Amygdalin bei Patienten sehr hohe Blausäurespiegel bis hin zur tödlichen Dosis beobachtet worden sind. Zudem würde Vitamin C die Giftwirkung des Amygdalins verstärken.

Nierenversagen durch Germanium

Das Element Germanium – ein Halbmetall – wiederum verfüge laut Doktor H. über „eine anti-tumorale Wirkungsweise, die mit verschiedenen Mechanismen arbeitet“. Es komme in Nahrungsmitteln wie Goji-Beere, Shitake Pilzen, Knoblauch, Gingsengwurzeln, Zwiebeln, Beinwellkraut, Brokkoli und Sellerie vor.

Auch hier: Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat bereits vor vielen Jahren vor Germanium gewarnt. Das Element ist in der Natur weit verbreitet, auch wenn es in sehr geringen Konzentrationen vorkommt. Über Pflanzen und tierische Produkte nimmt der Mensch täglich rund 1,5 Milligramm auf, berichtet das BfR. Germanium gehöre aber nicht zu den lebenswichtigen Spurenelementen. Mangelerscheinungen, die auf eine Unterversorgung mit Germanium zurückzuführen wären, seien nicht bekannt. Aber:

Germanium kann schon bei geringen täglichen Aufnahmemengen Lunge, Leber, Nerven und insbesondere die Niere schädigen. Hierbei kommt es über entzündliche Prozesse zum Nierenversagen.

Und weiter schreibt das BfR:

In Japan werden Germanium-Präparate auch als Elixier angeboten. In mehreren Fällen kam es nach längerer, regelmäßiger Zufuhr von Germanium im Milligrammbereich (49-588 mg/Tag) zu schweren Gesundheitsschäden und in mindestens 5 Fällen zum Tod. Die Patienten berichteten von Appetitlosigkeit, Durchfall, Übelkeit und Erbrechen über Muskelschwäche und Muskelschmerzen bis hin zur verminderten Harnproduktion in Folge der Nierenschädigung und Abmagerung. Auch Taubheitsgefühl in den Gliedern und Hautbrennen wurden beschrieben.

Dessen ungerührt klärt Doktor H. seine Besucherinnen auf: Krebs sei eine Krankheit mit vielen Ursachen, deren Therapie oft mit viel körperlichem Leid verbunden sei. Daher bietet er als „onkologisch verantwortliche Arztpraxis“ seit fünf Jahren zusätzlich den Schwerpunkt „Komplementäre Krebstherapie“. Diese arbeite nicht nach dem „Gießkannen-Prinzip“, sondern erfordere ein hohes Maß an Präzision, Kompetenz und Erfahrung im Umgang mit biologischen Heilverfahren: Daher habe er sich darauf spezialisiert.

Ärztekammer Hessen entscheidet hinter verschlossenen Türen

Bevor ich ihn hierzu befrage, bitte ich Behörden und Kammern um eine Einschätzung. Die zuständige Ärztekammer in Hessen antwortet, dass man…

…die Website und die Werbung von Herrn Dr. H. [Anm.: Name von der Redaktion gekürzt] berufsrechtlich überprüfen und, sofern Verstöße gegen das Berufsrecht zu erkennen sind, die gebotenen berufsrechtlichen Maßnahmen ergreifen wird. Da berufsrechtliche Verfahren jedoch nicht öffentlich sind, können wir nicht über das Ergebnis informieren.

Ob die Ärztekammer Hessen ihr Mitglied jemals kontaktiert und auf dessen gesundheitsgefährliche Praxis hingewiesen hat – die Öffentlichkeit wird es nicht erfahren. Offenbar hat die Kammer aber keine effektiven Schritte eingeleitet ­– denn die Werbung für die nicht zu gelassenen Mittel und Therapien stehen praktisch unverändert auf der Website des Frauenarztes. Unsere erste Anfrage an die Kammer erfolgte im August 2019, wir haben mehrfach nachgefragt. Bis heute ist die Seite nicht überarbeitet.

Auch das Regierungspräsidium Hessen will nicht aktiv werden. Auf unsere Anfrage hin winkt der Sprecher ab, hier sei die Ärztekammer zuständig. Auf Nachfrage verweist es uns auch an das lokale Gesundheitsamt. Doch auch hier erklärt man sich für nicht zuständig. Vielleicht doch das BfArM? Als Bundesbehörde könne man nichts tun, heißt es hier. Das gehe erst, wenn die Landesbehörde aktiv werde. Aber da waren wir ja schon. Offenbar fällt die Behandlungspraxis des hessischen Gynäkologen in eine Grauzone.

Ein letzter Versuch: Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen. Auch hier sei man nicht zuständig. Kritik am System gibt es aber. „Es gibt leider keine verbindlichen Vorgaben im Gesetz, dass Ärzte nur evidenzbasierte Medizin anwenden dürfen“, sagt Frank Dasytch, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen. Wenn es kritisch werde, stehe die Therapiefreiheit des Arztes über allem – auch wenn unwirksame und vielleicht sogar gefährliche Wirkstoffe oder dubiose Verfahren etwa mittels angeblicher „Bioresonanz“ zum Einsatz kämen. 

Vertrauen der Patientinnen verspielt

Dasytch hält dies für hochproblematisch. „Die Patientinnen und Patienten kommen schließlich mit einem großen Vertrauensvorschuss in die Praxen.“ Viele bisherige Anstrengungen, die evidenzbasierte Medizin zu stärken, seien bislang leider erfolglos verlaufen.

Was aber sagt Ingo H. zu dem Ganzen? Warum setzt er auf gesundheitsgefährliche Mittel, vor denen Bundesinstitute warnen, und behauptet Dinge auf seiner Website, die nicht mit Studien belegt sind? Auf unsere Anfragen reagiert er nicht. Weder per E-Mail noch telefonisch. Wir erreichen stets verschiedene Mitarbeiter. Alle wimmeln ab. „Der Doktor H. [Anm.: Name von der Redaktion gekürzt] will nicht“, erfahren wir zuletzt. Es könne ihn ja niemand dazu zwingen, uns zu antworten.

So reiht sich H. ein in eine lange Liste von Fällen, bei denen die zuständigen Aufsichtsbehörden trotz gefährlicher Behandlungsmethoden nicht ausreichend eingreifen. Auch hat das vergangenes Jahr beschlossene „Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung“ nur wenige Therapiearten verboten – große Lücken bleiben.  

Redaktionsteam

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2 Kommentare zu „Und keiner tut was

  1. Es gab in letzter Zeit so manchen Anlass, die Kammern aufzufordern, endlich die ihnen von staatlicher Seite im Rahmen der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen übertragenen Aufsichtsaufgaben (die sich hier unter dem Schlagwort “berufsrechtlich” verstecken) effektiv und zum Wohle der Patientenschaft auszuüben – und nicht im Sinne eines Schutzraumes für die eigene Mitgliedschaft aufgrund eines verfehlten Standesdenkens. Wenn die Kammern ihrer Schutzpflicht gegenüber der Patientenschaft nicht nachkommen, möge der Staat eben darüber nachdenken, ob das Modell der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen vielleicht der einen oder anderen Drehung an einer Stellschraube bedarf. Hier jedenfalls eher als bei der Arzneimittelzulassung, wo Herr Spahn es ja schon mal für angebracht hielt, Befugnisse des G-BA an sich zu ziehen.

  2. Die Diskrepanz verwundert: Einerseits wird vor allem Möglichen gewarnt. Zucker, Fett, Salz, Fleich, zu wenig Bewegung und was auch immer. Aber warum können Aprikosenkerne, MMS, Germanium, Ayurveda mit Schwermetallen und diverses mehr beworben und vertrieben werden dürfen, ist mehr als verwunderlich.
    und folgender Satz ist ja der pure Hohn, wird leider zu ofr geglaubt: “Komplementäre Krebstherapie“. Diese arbeite nicht nach dem „Gießkannen-Prinzip“, sondern erfordere ein hohes Maß an Präzision, Kompetenz und Erfahrung im Umgang mit biologischen Heilverfahren”.
    Das trifft eher auf onkologische Praxis zu (wenn auch nicht immer) und ist mal wieder ein klassischer Strohmann.

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