Kollagenprodukte Vermeintliche Verjüngungskuren für die Haut

Foto: Chermiti Mohamed / Unsplash

Kollagenprodukte boomen. Firmen werben mit „bioaktiven Kollagenpeptiden“, welche die Hautbeschaffenheit verbessern sollen. Ihre Studien sind wenig überzeugend und zudem vom Hersteller bezahlt.

Es ist so eine Sache mit dem Älterwerden. Man sieht es uns einfach an: In der Haut – genauer in der zwischen Oberhaut und Unterhaut gelegenen Lederhaut – sorgen unter anderem Kollagenfasern für Festigkeit und Elastizität. Beides lässt nach, wenn die Haut altert. Um diese Entwicklung aufzuhalten oder gar wieder umzukehren, bieten seit einiger Zeit verschiedene Hersteller Kollagenpräparate an. Sie werben beispielsweise mit „Kollagen-Komplexen“ und „bioaktiven Kollagen-Peptiden“. Diese sollen – regelmäßig und über einen längeren Zeitraum eingenommen – die Hautbeschaffenheit verbessern: „Weniger Falten, straffe Haut am ganzen Körper, mehr Hautfeuchtigkeit“. Was hat es damit auf sich?

Kollagen ist ein wichtiges Gerüstprotein im menschlichen und tierischen Körper, welches Sehnen, Knorpel und auch die Haut stabilisiert. Hergestellt wird Kollagen von verschiedenen Zelltypen, etwa den Fibroblasten des Bindegewebes, hauptsächlich aus den Aminosäuren Glycin, Prolin und Hydroxyprolin. Diese wiederum können vom Körper selbst produziert und anschließend zu langen Peptidketten aneinandergereiht werden. Jeweils drei dieser Ketten bilden eine zugfeste und stabile Kollagenfaser.

Gibt es relevante Veränderungen?

Die „bioaktiven Kollagen-Peptide“ der unterschiedlichen Präparate werden aus Geweben von wahlweise Rind, Schwein oder Fisch gewonnen. Dazu werden Kollagenfasern durch enzymatische oder thermisch-chemische Prozesse in kurze Peptide aufgebrochen. Oral als beispielsweise Trinkkollagen aufgenommen sollen die Peptide über die Dünndarmschleimhaut resorbiert und über das Blut zu den Fibroblasten der Haut transportiert werden, wo sie diese zur Herstellung von neuen Kollagenfasern anregen. Laut Quiris Healthcare – Hersteller des Produkts „Elasten“ – soll das Präparat zum Beispiel „eine besonders hohe Übereinstimmung mit dem natürlichen Kollagen des Menschen“ aufweisen. Alle Hersteller führen etliche Studien an, welche die Wirksamkeit ihrer Präparate untermauern sollen.

„Es gibt Studien, die tatsächlich zeigen, dass eine orale Aufnahme von Kollagenpeptiden die Hautbeschaffenheit beeinflusst“, sagt Martin Smollich, Leiter der Arbeitsgruppe Pharmakonutrition am Institut für Ernährungsmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Lübeck. Außerdem betreibt er das Blog „Ernährungsmedizin“, auf welchem er sich kritisch mit Nahrungsergänzungsmitteln und funktionellen Lebensmitteln auseinandersetzt. „Die entscheidende Frage ist aber die nach der Bewertung der Ergebnisse, also wie marginal oder relevant die Veränderungen tatsächlich sind“, sagt Smollich. Dafür lohnt sich ein kritischer Blick auf die veröffentlichten Ergebnisse.

Studien oftmals mit zu wenigen Teilnehmern

Um die Wirksamkeit eines Stoffes oder – wie in diesem Fall – eines Stoffgemisches nachzuweisen, ist in der Regel eine Studie mit großer Teilnehmerzahl nötig. Je mehr erwartet wird, dass die untersuchte Größe etwa durch Lebensstil oder Ernährung beeinflusst wird, umso höher sollte die Zahl der Probanden sein, um zuverlässige Ergebnisse zu erzielen. Goldstandard ist zudem ein verblindetes, Placebo-kontrolliertes Studiendesign. Das bedeutet, dass ein Teil der Probanden den Wirkstoff erhält und ein anderer Teil einen Wirkstoff-freien Ersatz, das Placebo. Bei einer so genannten einfach verblindeten Studie wissen die Teilnehmer im Gegensatz zu den Durchführenden nicht, ob sie in der Verum- oder Placebo-Gruppe sind. Um jegliche Beeinflussung auszuschließen, wissen bei einer doppelt-verblindeten Studie auch die Durchführenden nicht, ob sie den Teilnehmern das Verum oder ein Placebo aushändigen.

Bei den vorliegenden Studien schwankt die Zahl der überwiegend weiblichen Teilnehmerinnen und liegt bei nicht-verblindeten Studien ohne Placebo etwa bei 16, bei einfach verblindeten mit Placebo bei 36 Probandinnen. Etwas komplexer kommen zwei weitere Studien daher, die 69 Probandinnen eingeschlossen haben und neben eines Placebos zwei verschiedenen Dosen getestet haben – oder eine ebenfalls doppelt verblindete Placebo-kontrollierte Studie mit 114 Probandinnen in zwei Studienarmen. Aufgeteilt auf die unterschiedlichen Studienarme ist die Anzahl an Testpersonen pro Bedingung also relativ klein.

Die Studien bemühen sich, gleichförmige Teilnehmergruppen zusammenzustellen. Das bedeutet, dass sie Menschen wählen, die sich möglichst ähnlich sind, also vergleichbare Hautmerkmale und Lebensumstände aufweisen. Dies dürfte bei der geringen Anzahl an Probandinnen allerdings schwierig sein. Es ist bekannt, dass die Haut auf vielerlei Einflüsse reagiert, wie etwa Ernährungs- und Lebensgewohnheiten, Gesundheitszustand oder Jahreszeiten. Ob Menschen Sport treiben, rauchen oder regelmäßig Alkohol konsumieren, spielt ebenfalls eine Rolle. Ein sehr wichtiger Faktor ist zudem der Hormonstatus einer Frau: Je nach Zeitpunkt im Menstruationszyklus verändern sich Hautbild und Hautbeschaffenheit. Es ist unmöglich, all diese Faktoren in Studien mit geringen Teilnehmerzahlen zu berücksichtigen.

Kollagendrinks enthalten viele Stoffe

In allen Studien ließen sich mit den gewählten Messparametern Effekte auf die Hautbeschaffenheit nachweisen. Aber: Alle Kollagensupplemente enthalten außer Peptiden noch einige andere Zutaten. Je nach Hersteller finden sich zum Beispiel Vitamine C und E, Zink und Biotin in den Flüssigkeiten. Auch Hyaluronsäure, Vitamine B6, A und D sowie Kupfer wurden zugesetzt. Gab es in den Studien Placebo-Gruppen, wurden die jedoch mit Lösungen ausgestattet, die lediglich etwa Maltodextrin enthielten. Das widerspricht guter wissenschaftlicher Praxis: Placebos sollten bis auf den zu testenden Wirkstoff – hier Kollagen – exakt den eingesetzten Präparaten gleichen.

Ob nun die regelmäßige Einnahme von Vitaminen und Mineralstoffen die Hautbeschaffenheit dramatisch verändert, sei dahingestellt. Aber: „Vitamin C etwa ist ein essenzieller Kofaktor für die Kollagensynthese“, sagt Smollich. Die teils positiven Effekte sind bei dem vorhandenen Studiendesign also nicht unbedingt auf Kollagen zurückzuführen.

Hersteller der Drinks finanzieren die Studien

Hinzu kommt, dass sämtliche Studien herstellerfinanziert sind. Für die Kollagenpräparate „Gold Collagen Forte“ oder „Pure Gold Collagen“ stellte der Hersteller Minerva Research Labs nicht nur die Kollagenlösungen, sondern er finanzierte sie auch. Gleiches gilt für das in Deutschland erhältliche Präparat Elasten, dessen Erforschung vom Hersteller Quiris Healthcare bezahlt wurde. Dies sind Interessenskonflikte, die – erneut – guter wissenschaftlicher Praxis widersprechen.

Laut Elasten-Hersteller Quiris Healthcare werden die Peptide bei ihrem Weg durch Magen und Darm in andere, „bioverfügbare“ Peptide zerlegt. Sie sollen dann angeblich ihren Weg durch Dünndarmschleimhaut und Blut zu den Fibroblasten der Haut finden, um dort die Kollagensynthese anzuregen. In der Regel jedoch endet die Reise von Nahrungsproteinen, nachdem auch Peptide in ihre kleinsten Bestandteile – die Aminosäuren – zerlegt wurden, in der Leber. Warum sollte es den Peptiden aus Trinkkollagen anders ergehen? Es stellt sich also die Frage, inwieweit sich diese von Peptiden unterscheiden, die wir aus der Nahrung aufnehmen oder in unserem Körper selbst aus Aminosäuren herstellen. Eine wissenschaftlich haltbare Erklärung gibt es dafür nicht.

Ein teures Vergnügen

„Die Studiendaten sind schon ziemlich schlecht“, resümiert Smollich. Seiner Meinung nach geht immerhin keine Gefahr von den Kollagenprodukten aus: „Ich schaue auch immer nach der Nutzen-Risiko-Abwägung, und bei richtiger Anwendung sind die Supplemente nicht gesundheitsschädlich.“ Denn deren Bestandteile nehme ein gesunder Mensch sowieso mit der täglichen Nahrung auf. Also alles gar nicht so schlimm – sondern nur Abzocke?

Denn es bleibt der Kostenfaktor: Immerhin verlangen die Hersteller für eine Tagesdosis des Trinkkollagens bis zu vier Euro, für etwa fünf Gramm hydrolysiertes Kollagen aus Schwein, Rind oder Fisch. Fünf Gramm Speisegelatine gibt es im Supermarkt bereits für 30 Cent. Noch günstiger – und gleichermaßen wirkungsvoll – dürfte eine Handvoll Gummibärchen aus dem Supermarkt sein. Eine ausgewogene Ernährung mit Proteinen, Kohlenhydraten und Fetten ist außerdem nicht nur abwechslungsreicher als ein Kollagensüppchen, sondern auch deutlich leckerer.

Sind Kollagensupplemente also nutzlos? Die Verbraucherzentrale schreibt: „Die Wirkung von Kollagendrinks zur Vorbeugung oder Behandlung von Falten ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt.“ Und auch Smollich findet klare Worte: „Verglichen mit den Effekten durch UV-Strahlung, Hormonstatus, Alkohol oder Nikotin auf die Hautelastizität halte ich den Einfluss von Kollagen-Supplementen für praktisch irrelevant.“

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