Die jüngsten Entwicklungen machen wenig Hoffnung: Immer mehr Bakterien lassen durch immer weniger Antibiotika bekämpfen. Die Erreger passen sich ihrem Wirkprinzip an, sie sind gegen die Arzneimittel resistent. Und die resistenten Bakterien breiten sich weiter aus. Es braucht also neue Antibiotika, um Infektionen weiter wirksam zu behandeln. Doch daran wird kaum geforscht: Weil die Entwicklung wirksamer Antibiotika gegen die Erreger sehr teuer, ihre Wirkdauer meist nur relativ kurz ist, haben alle großen Pharmahersteller in diesen Monaten mehr oder weniger öffentlich ihren Ausstieg aus diesem Markt erklärt. Aktuell existieren noch eine Handvoll Reserveantibiotika, die gegen multiresistente Keime eingesetzt werden können.

Die Fraktionen der bayerischen „Freien Wähler“ (FW) und der CSU wollen der Krise nun begegnen: Sie haben im August den Antrag „Todesfälle durch multiresistente Keime vermeiden IV – Studie zu einem reduzierten Antibiotikaeinsatz“ in den bayerischen Landtag eingebracht (Drucksache 18/3320). Die Staatsregierung wolle beschließen, „durch eine Studie zu untersuchen bzw. untersuchen zu lassen, wie ein reduzierter Antibiotikaeinsatz im medizinischen Bereich realisiert werden kann“, schreiben 30 Mitglieder der Fraktionen. Dabei solle auch und insbesondere die Rolle alternativmedizinischer Methoden in den Blick genommen werden.

Antrag setzt auf Homöopathie statt Antibiotika

Als Begründung geben die bayerischen Politiker an, dass das Problem der gefährlichen Keime zum einen durch oftmals unnötige Antibiotikaverordnung entstanden sei, zum anderen habe die Anzahl an Antibiotikaverordnungen generell zugenommen.

Doch es gebe „wissenschaftliche Studien, speziell im Bereich der HNO-Erkrankungen“, die zeigen würden, „dass durch den Einsatz klassischer Homöopathie sowohl ein Einsatz von Antibiotika vermieden als auch eine Verbesserung der individuellen Infektabwehr erreicht werden konnte“. Auch bei einer schweren Sepsis habe eine Studie zur Sterblichkeit von Patienten darauf hingewiesen, „dass eine homöopathische Behandlung eine nützliche zusätzliche Behandlungsmethode bei schwer septischen Patienten darstellen könne.“

Weil es aber der wissenschaftliche Diskurs um Homöopathie und andere „Alternativmethoden“ als Antibiotika-Ersatz oder als Antibiotikatherapie-begleitende Präparate uneinheitlich sei, solle der Bayerische Landtag nun eben selbst eine Studie anstrengen.

Doch welches sind die wissenschaftlichen Studien, die angeblich die besondere Wirkung der Homöopathie belegen? Die Pressestellen der Fraktionen können zunächst keine einzige nennen, zuständige Referenten müssten befragt werden, die gerade nicht im Dienst seien. Nach knapp drei Wochen schickt dann die CSU-Fraktion eine kleine Studie, die offenbar den gesamten Antrag der Fraktionen untermauern soll:

CSU-Pressestelle: Es gibt verschiedene Studien, u.a.: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11224838

Hinter dem genannten Link steckt eine Pilotstudie aus dem Jahr 2001. Pilotstudien sind kleine Voruntersuchungen, die die Tauglichkeit einer These in einer kleinen überschaubaren Gruppe von Versuchspersonen belegen sollen. So auch hier: In einer privaten Kinderarztpraxis in Seattle wurden 75 Kinder im Alter von 18 Monaten bis 6 Jahren mit Mittelohrerguss und Ohrenschmerzen untersucht. Die Kinder erhielten entweder ein individualisiertes homöopathisches Mittel oder ein dreimal täglich verabreichtes Placebo. Dies entweder für 5 Tage – oder bis die Symptome abgeklungen waren.

Keine fundierten Belege für Aussagen des Antrags

Man kam zu einem vermeintlich positiven Ergebnis, das aber nicht statistisch signifikant war – die Studie hat also keinerlei wissenschaftlich tragfähige Erkenntnisse gebracht. Demnach litten 12 von 39 Kindern der Placebogruppe nach fünf Tagen noch unter Schmerzen in den Ohren, bei der Homöopathiegruppe waren es 7 von 36. Das Ergebnis kann aber eben vollständig durch Zufall erklärt werden – aufgrund natürlicher Streuung könnten die mit Homöopathika behandelten Kinder schneller schmerzfrei geworden sein.

Einen Bezug zum bayerischen Antibiotika-Antrag hat die Pilotstudien aber in keinem Fall: Es wurde eine homöopathische Therapie mit Placebo verglichen. Eine Aussage im Vergleich zu der konventionellen Therapie ist also unmöglich.

MedWatch: Welche Studie ist gemeint, die zur Mortalität von Patienten mit Sepsis eine homöopathische Behandlungsmethode als zusätzlich und nützlich zeigte?

CSU-Pressestelle: Das bezieht sich auf Veröffentlichungen von Prof. Dr. med. Michael Frass, Universitätsprofessor und Mediziner am Wiener AKH. 

In ihrer Antwort zieht die CSU hier die Aussagen eines Mediziners zu Rate, der selbst Verfechter der Homöopathie ist. Laut eigener Website ist Frass Präsident des Österreichischen Dachverbands für ärztliche Ganzheitsmedizin, außerdem Vorsitzender der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie.

Seine früheren Homöopathie-Vorlesungen an der Medizinischen Universität Wien darf Frass seit 2018 hingegen nicht mehr halten. Der Rektor der Uni begründet den Schritt gegenüber der Tageszeitung „Der Standard“ damit, dass sich „die Med-Uni von unwissenschaftlichen Verfahren und Scharlatanerie klar distanziert“. Wie „Der Standard“ berichtete, habe der Rektor Frass mitgeteilt, dass er nicht länger seine „persönlichen Interessen – also Homöopathie – nicht mit seiner Funktion als Wissenschaftler der Med-Uni Wien vermischen darf“.

Nach Aussagen von Frass, dass Homöopathie bei Krebserkrankungen unterstützend wirke und er das mit Studien belegen könne, informierte der Rektor die Ethikkommission der Uni. „Gemäß den Unterlagen der Kommission seien die Studien, die Frass in Medien zitierte, aufgrund ihrer Methodik und Fallzahl ungeeignet, um daraus einen wissenschaftlichen Beweis abzuleiten“, berichtet „Der Standard“ weiter. Ähnliche Kritik entzündete sich auch an der durch die CSU zitierten Sepsis-Studie. Hier hat Frass etwa versäumt, zu Beginn deutlich festzulegen und zu trennen, an welcher Art Sepsis ein Mensch erkrankt war und welche Überlebensprognosen sie hatten. So sind die in der Studie genannten Fälle nicht vergleichbar und daher nicht aussagekräftig. 

„Globuli bei Infektionskrankheiten zu empfehlen, ist unverantwortlich. Entweder sind sie überflüssig oder sie verzögern oder verhindern eine wirksame Behandlung“, kommentiert Norbert Schmacke vom Institut für Public Health und Pflegeforschung Universität Bremen den Antrag der bayerischen Politiker. Seiner Einschätzung nach ist das eigentliche Problem, dass in zu vielen Fällen Antibiotika verschrieben werden, die gar nicht nötig wären. Schmackes Fazit: „Wenn man statt nicht medizinisch angezeigter Antibiotika empfiehlt, in der Nase zu bohren, würde vermutlich niemand auf die Idee kommen, dem Nasebohren Heilkraft zuzusprechen. Der substanzlosen Homöopathie wird so etwas aber immer wieder zugetraut.“

Die Fraktion der Freien Wähler hat sich bis heute nicht gemeldet, mit welchen Studien sie den Antrag begründen. Derweil wurde dieser zunächst im federführenden Ausschuss für Gesundheit und Pflege beraten und die Zustimmung empfohlen, erklärt ein Sprecher des bayerischen Landtags. Nach einer Mitberatungspflicht gehe der Antrag dann ins große Plenum des Landtags. „Es wird noch in diesem Jahr beraten.“

Foto: pixabay


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