Nur zersplittert finden Verbraucher im Internet derzeit Angebote mit Gesundheitsinformationen verlässlicher Anbieter. Experten setzen daher viel Hoffnung auf das im Koalitionsvertrag vorgesehene „Nationale Gesundheitsportal“: Es soll die guten Inhalte bündeln. Lange Zeit war es eher still um das Projekt, nun wird es wohl nicht durch eine unabhängige Organisation, sondern durch das Bundesgesundheitsministerium allein umgesetzt. Die Hamburger Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser fürchtet, dass das Nationale Gesundheitsportal dann nicht ausreichend unabhängig sein wird. Ingrid Mühlhauser war langjährige Vorstandsvorsitzende des Netzwerks Evidenzbasierte Medizin und ist Vorsitzende des Arbeitskreises Frauengesundheit.

MedWatch: Wie bewerten Sie die Pläne für das Nationale Gesundheitsportal?

Ingrid Mühlhauser: Ein vorrangiges Kriterium für das Portal war die Unabhängigkeit. Wenn man sieht, dass es beim Bundesministerium für Gesundheit angesiedelt wird, wird es niemals das werden, was wir erhofft haben: Unabhängigkeit von politischer Einflussnahme. Wir haben ja schon die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung – bei der BZgA hat das Ministerium vollen Zugriff und nimmt Einfluss. Die Bundeszentrale ist ja auch nicht unabhängig. Ich finde das äußerst bedauerlich: Die Politik sollte es ermöglichen, dass Bürgerinnen und Bürger wissenschaftsbasierte Informationen bekommen. Wir haben uns erhofft, dass mit dem nationalen Gesundheitsportal endlich die nötigen Ressourcen bereitgestellt werden.

MedWatch: Sind Sie so sicher, dass es falschen Einfluss geben wird?

Mühlhauser: Natürlich – unser Bundesgesundheitsminister hat eine erhebliche Tendenz, die Wirtschaft zu unterstützen. Er scheint nicht primär patientenorientiert zu sein. Hier treffen die verschiedensten Interessen aufeinander: Die Interessen der Pharmaindustrie und Medizinproduktehersteller passen nicht zu einer guten Patienteninformation. Wenn die Politik etwa ausgibt, dass 70 Prozent der Frauen am Brustkrebsscreening teilnehmen müssen, kann man nicht davon ausgehen, dass ein dem Ministerium unterstehendes Gesundheitsportal kritische Informationen bereitstellt.

MedWatch: Was wäre Ihr Alternativvorschlag?

Mühlhauser: Als EbM-Netzwerk haben wir empfohlen, das Portal beim Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, kurz IQWIG, und der Zentralbibliothek Medizin, der ZB MED, anzusiedeln. Im Grunde genommen ist es die Aufgabe einer Bibliothek. Wie in den USA, wo die „National Library of Medicine“ das Portal „PubMed“ und für Bürgerinnen und Bürger „MedlinePlus“ betreibt. Ein Nationales Gesundheitsportal könnte ein innovatives zukunftsorientiertes Projekt für eine moderne medizinische Bibliothek sein. Allerdings ist eine Verknüpfung mit Institutionen, die die notwendige wissenschaftsmethodische Kompetenz bereitstellen, unverzichtbar. Aber ein Problem scheint zu sein, dass sowohl das IQWiG als auch die ZB MED von Stiftungen getragen werden und somit nicht als Träger für das geplante Gesundheitsportal in Frage kommen. Offensichtlich gibt es gar kein Interesse an einem unabhängigen Wissensmanagement und einer nachhaltigen Förderung. Ich würde meinen: Wo ein Wille, da auch ein Weg. Es kann ja nicht sein, dass so ein Projekt scheitert, weil es keinen geeigneten Träger geben soll.

Das Angebot ist chaotisch, fragmentarisch, irreführend

MedWatch: Warum ist das Portal denn überhaupt wichtig – gibt es nicht genug gute Gesundheitsinfos?

Mühlhauser: Die Bereitstellung von Gesundheitsinformationen ist nur eine Aufgabe des Portals. Es soll auch Navigator sein zu persönlichen und telefonischen Beratungsangeboten, Kliniken, Ärztinnen und Ärzte, Pflegeeinrichtungen und anderen Angeboten der Gesundheitsversorgung. Tatsächlich gibt es zu viele Informationsangebote, aber nicht das, was Patientinnen und Patienten brauchen, um gute Entscheidungen treffen zu können. Das Angebot ist chaotisch, fragmentarisch, irreführend und von den Interessen der jeweiligen Anbieter geleitet. Eine unabhängige und vor allem wissenschaftsbasierte Patienteninformation ist umso dringlicher. In Deutschland ist selbst die Unabhängige Patientenberatung Deutschland, UPD, nicht mehr unabhängig. Die UPD wird von einem privatwirtschaftlichen Unternehmen geführt, dem Pharmanähe vorgehalten wird.

MedWatch: Gibt es mit wissenschaftlichen Leitlinien nicht eine gute Grundlage?

Mühlhauser: Da hat sich sehr viel verbessert, aber wir sind weit entfernt von einer modernen Aufbereitung von Wissen zur einfachen Nutzung durch die Ärztinnen und Ärzte und Patientinnen und Patienten. Diese ganze Leitlinienerstellung erfolgt ja ehrenamtlich, die Leute machen das in ihrer Freizeit – das ist keine nachhaltige Struktur. Die Leitlinienerstellung ist auch eine Aufgabe des Wissensmanagements. Wir haben keine nachhaltigen Formen des Wissensmanagements – das ist aber wichtiger denn je, mit Google und Amazon. Bei Google gibt es keine sinnvolle Ordnungsstruktur, nützliche Seiten werden unsortiert neben falschen und minderwertigen Informationen gelistet. Der durchschnittliche Nutzer kann hier gute von schlechten Angeboten nicht unterscheiden. Die besten Informationen sind oft schwer zu finden.

Aber auch die Leitlinien sind bisher für Bürgerinnen und Bürger nicht für persönliche medizinische Entscheidungen nutzbar. Nicht nur die Ärzteschaft, sondern auch Beratungseinrichtungen bräuchten Informationsmaterial, das modernen Kommunikationsanforderungen entspricht. Es geht nicht nur um Husten und Schnupfen. Vor allem bei schwerwiegenden oder chronischen Erkrankungen wollen die Patientinnen und Patienten informiert mitentscheiden. Die dazu nötigen Informationsmaterialien in Form von Entscheidungshilfen fehlen. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, das medizinische Wissen systematisch in einer nachhaltigen Art und Weise für die allgemeine Nutzung in verständlicher Form aufzubereiten und kostenfrei zur Verfügung zu stellen.

Es wäre sehr wichtig, dass es in die Medien kommt

MedWatch: Weiß die Öffentlichkeit genug über die Pläne für das Nationale Gesundheitsportal?

Mühlhauser: Darüber wird nicht gesprochen – es wäre sehr wichtig, dass es in die Medien kommt. Zufällig findet man eine Stellenausschreibung vom Bundesministerium, aus der hervorgeht, dass es definitiv erstmal dort angesiedelt wird – offenbar weil die Pläne für das Portal im Koalitionsvertrag stehen und Herr Spahn den Vertrag abarbeitet. Abhängigkeit vom Ministerium ist total gegen das, was wir alle wollten – auf keinen Fall sollte es so sein. Egal, aus welcher Partei der Minister ist.

MedWatch: Gibt es noch weitere Beispiele?

Mühlhauser: Wir haben vom Netzwerk Evidenzbasierte Medizin gerade Änderungen stark kritisiert, die mit Einführung der Implantateregister kommen sollen: Das Ministerium hat sich in den Gesetzentwürfen herausgenommen, per Verordnung die Bewertungsmaßstäbe für neue medizinische Verfahren kurzerhand selbst festzulegen. Entsprechend Sozialgesetzbuch V ist seit vielen Jahren geregelt, dass das IQWiG und der Gemeinsame Bundesausschuss innovative Methoden nach den international gültigen Standards der evidenzbasierten Medizin bewertet.

MedWatch: Was soll sich nun ändern?

Mühlhauser: Mit der von Spahn geplanten Gesetzesänderung werden die Regelungen des SGB V, die vor allem dem Schutz der Patientinnen und Patienten vor ungeprüften, schädlichen oder unnützen Methoden dienen, ausgehebelt. Entscheidungen über die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung werden unmittelbar zum Spielball politischer Interessen und von Lobbygruppen. Ich glaube, die Bevölkerung kriegt überhaupt nicht mit, was da passiert. Auch beim „Health Innovation Hub“ der Bundesregierung gibt es praktisch keine fachliche Kompetenz in den Methoden der Evidenzbasierten Medizin. Wissenschaftsbasierte, Fakten-gestützte Medizin soll offenbar aus dem Gesundheitssystem eliminiert werden – Gesundheitswirtschaft ist das Motto.

Titelfoto: privat


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