Birgit Schrowange sagt, sie habe ein Geheimnis. Die Moderatorin, die seit über 25 Jahren die Sendung „Extra“ auf RTL moderiert, setzt nicht etwa auf Yoga oder ausgedehnte Spaziergänge, nein, ihr Energieturbo ist: eine vermeintliche „Entsäuerung“ mit „Basica“. Die Pulver und Mikroperlen sind ein Topseller des Unternehmens Protina. Der Mittelständler aus Bayern, der neben Basica auch Nahrungsergänzungsmittel wie das Magnesium-Präparat „Diasporal“ vertreibt, meldete im Geschäftsbericht für 2017 Umsatzerlöse in Höhe von gut 46 Millionen Euro, sowie einen Jahresüberschuss von rund 6 Millionen Euro. Im Vergleich zum Vorjahr verlor die Firma bei „Basica“ 2,2 Prozent Umsatz, erwähnt aber gleichzeitig hohe Investitionen in Marketing und Vertrieb.

„Basica“-Produkte sollen ein Säure-Basen-Gleichgewicht im Körper herstellen und vermeintlich problematische Säuren neutralisieren. Schrowange ist die sogenannte Markenbotschafterin des Unternehmens. In großformatigen Bildern erklärt sie:

Ich hab im Leben einen Grundsatz: Wer an sich glaubt, kann alles schaffen. In meiner Karriere habe ich das immer wieder bewiesen – vor allem mir selbst. Das Ding ist allerdings: Sich zu verwirklichen braucht neben dem Glauben an sich auch Ausdauer, Kraft und Energie. Mein persönliches Energie-Geheimnis ist die regelmäßige Entsäuerung mit Basica®.

Eine Basenkur unterstütze demnach den Körper zu „entsäuern“, und sorge für einen ausgeglichenen Säure-Basen-Haushalt, heißt es dazu auf der Basica-Website. Bei einer 14-tägigen Intensivkur werden beispielsweise morgens zwei Basica-Kapseln und eine Trinkampulle Basica eingenommen, abends wird ein Trinkgranulat in Wasser aufgelöst und nach der Mahlzeit getrunken. Die Nahrungsergänzungsmittel enthalten laut Basica jeweils eine spezielle Kombination aus Mineralstoffen und hochdosierten Vitaminen, die für ein ausgewogenes Säure-Basen-Gleichgewicht sorgten und den Energiestoffwechsel unterstützten. Beides sei eine wichtige Voraussetzung für Vitalität und Leistungsfähigkeit. Kostenpunkt für die Kur: rund 30 Euro.

Keine Evidenz für „Übersäuerungshypothese“

Auch andere Hersteller bieten „basische“ Pulver, Tees oder Kuren an. Das Prinzip ist ähnlich, das Magazin „Gute Pillen, schlechte Pillen“ (GPSP) berichtete bereits 2015: Eine angeblich chronische Übersäuerung des Körpers soll im Wesentlichen durch eine falsche Ernährung mit „säurebildenden“ Lebensmitteln entstehen. Zu den als problematisch erklärten Lebensmitteln zählen tierische Eiweißquellen wie Fleisch, Milch und Käse, aber auch Zucker, Kaffee, Getreideprodukte und Mineralwasser mit Kohlensäure. „Sie sollen im Stoffwechsel große Mengen an Säuren entstehen lassen, die der Körper nicht wieder los wird.“ Durch eine angebliche Übersäuerung des Körpers soll der Mensch sich energielos fühlen, auch eine erhöhte Brüchigkeit der Knochen, Diabetes oder Herzprobleme seien die Folge.

Was die Marketingabteilungen dieser Firmen und im aktuellen Fall die Werber von Basica und Birgit Schrowange nicht sagen: Der Mensch braucht keine zusätzlichen „basischen“ Ernährungsergänzungsmittel. Der Körper hält den Säure-Basen-Haushalt in der Regel selbst in der richtigen Balance. Wissenschaftlich korrekt sei, dass der pH-Wert im Blut relativ konstant ist und Abweichungen auf Krankheiten hindeuten können, schreibt GPSP. Vertreter der „basischen Medizin“ vermischten in ihrem Konzept allerdings Mythen und Fakten. So kann das Blut beispielsweise eine Menge von sauren oder basischen Stoffwechselprodukten aufnehmen, ohne dass sich der pH-Wert nennenswert zu einer Seite verschiebt. Chemiker bezeichneten diese Fähigkeit als „Puffer“.

Obst und Gemüse führen durch ihren geringen Proteingehalt und den hohen Gehalt an Natrium, Kalium und Magnesium im Körper zu einem Basenüberschuss, berichtet Martin Smollich, Leiter der Arbeitsgruppe Pharmakonutrition am Institut für Ernährungsmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Lübeck. Eine hohe Proteinzufuhr wiederum – insbesondere durch tierisches Protein, weil es einen besonders hohen Anteil schwefelhaltiger Aminosäuren besitzt – bewirkt einen Säureüberschuss. In einer „durchschnittlichen deutschen Mischkost“ sei es also so, dass netto ein Säureüberschuss besteht, sodass der Urin meist einen leicht sauren pH-Wert aufweist, erklärt Smollich. Wenn man mehr pflanzliche Lebensmittel und weniger tierische isst, werde der Urin tatsächlich basischer.

Nicht auf Verdacht zu Basenprodukten greifen

Die Theorie der Befürworter der „basischen Ernährung“, also der „Übersäuerungshypothese“, besteht nun in dem Schluss, dass der Säureüberschuss einer durchschnittlichen Mischkost im Körper zu einer ständigen Übersäuerung, einer sogenannten „latenten Azidose“, führe, die wiederum gesundheitsschädlich sein soll, erklärt Smollich. Und genau dafür gebe es keine klinische Evidenz.

Das Bild, welches Hersteller Protina mit Basica dabei auf seiner Website transportiert, ist überraschend schlicht wie eingängig. Man fühlt sich nicht recht wohl. Etwas ist nicht im Gleichgewicht – warum also nicht zu einem ausgleichenden Pulver greifen?

„Zeigen Sie mir eine Studie, die belegt, dass der Einsatz von basenreichen Nahrungsergänzungsmitteln die Menschen gesünder macht“, sagt Martin Smollich. Habe ein Mensch gesundheitliche Probleme, ausgelöst durch ein Missverhältnis des Säurehaushalts, sollte dies durch einen Arzt therapiert werden. Dafür gebe es wirksame, zugelassene Arzneimittel. Aber bei Verdacht und nur weil man etwa viel Stress habe, zu Basenprodukten zu greifen, sei ohne Nutzen für den Verbraucher – die Hersteller verdienen natürlich gut an diesem Irrglauben.

Tatsächlich gibt es keine qualitativ hochwertigen Untersuchungen. Auch ein angebliches Risiko für Knochenbrüche im Alter, ausgelöst durch eine vermeintliche Übersäuerung, sieht Smollich nicht. Die Theorie, dass zur Neutralisation der überschüssigen Säuren Kalzium aus dem Knochen gelöst wird, wodurch langfristig die Knochenstärke abnimmt, wurde aufwendig untersucht. Eine Forschergruppe überprüfte in zwei systematischen Meta-Analysen diese Vermutung anhand bisher veröffentlichter wissenschaftlicher Studien. Es zeigte sich, dass eine sogenannte säurebetonte Ernährung keine negativen Auswirkungen auf die Knochen hat.

Ökotest vergab ein „ungenügend“ für Basica

Noch dünner sei der Zusammenhang zwischen „basischer Ernährung“ und Arteriosklerose, berichtet GPSP: Zwar sei gut belegt, dass eine gesunde Ernährung das Risiko für eine Verkalkung der Herzkranzgefäße senken kann. Das beweise aber nicht, dass eine verringerte „Säurelast“ diesen gesundheitlichen Effekt bewirkt. Aussagekräftige Studien, die explizit die Auswirkungen einer basischen Diät auf die Herzgesundheit untersuchen, konnte GPSP trotz einer ausgedehnten Suche in der wissenschaftlichen Literatur nicht finden.

Das Verbrauchermagazin „Ökotest“ hat in 2015 gut 30 Nahrungsergänzungsmittel, die einen Säure-Basenausgleich versprechen, untersucht. Ergebnis: „Einige wenige Produkte kommen gerade noch mit einem ‚mangelhaft‘ davon, der Rest ist ‚ungenügend‘. Fehlender Nutzen für den gesunden Verbraucher, überdosierte Inhaltsstoffe und eine lausige Deklaration führen zu diesem vernichtenden Urteil“, heißt es in der Bewertung. Auch Basica erhielt aus diesen Gründen die Note „ungenügend“.

Dem Physiologen Rolf Zander ist die fragwürdige Werbung für Basica schon länger ein Ärgernis, in einem offenen Brief übte er deutliche Kritik an Tätigkeit Schrowanges als Markenbotschafterin. Eine Antwort hat er bis heute nicht erhalten.

Wir fragen bei Basica-Hersteller Protina nach, wie sie den Nutzen ihres Produkts belegen. Die Basica-Pressestelle sendet eine E-Mail, der Tonfall ist ärgerlich: Unbestritten sei, dass eine langfristige dauerhafte „säurelastige“ Ernährung negative Folgen haben kann, etwa eine chronische Nierenerkrankung, oder ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes, schreibt Sprecherin Tanja Werner. Dazu sendet sie einen ganzen Schwung Studien, die den Nutzen und die Wirkung der Basica-Produkte untermauern sollen.

Doch weit gefehlt.

Ohne Zweifel ist es empfehlenswert, eher Obst und Gemüse als zu viel Fleisch zu essen, wie es Vertreter der Basentheorie auch empfehlen. Doch weder macht deren Theorie laut Experten wie Smollich Sinn – noch sind die beworbenen Mittel empfehlenswert. Einen wissenschaftlich validen Beleg, dass „basenreiche“ Produkte wie Basica Vorteil für den Menschen haben können, enthalten die von der Pressestelle beigefügten Studien nicht: Es sind allesamt Studien, die lediglich Effekte in einzelnen Teilbereichen, sogenannte Surrogatparameter, zeigen. Ein Beispiel dafür sind etwa bessere Nierenwerte. „Mit Surrogatparametern kann man Hypothesen aufstellen, aber für die Realität nichts beweisen“, sagt Smollich. „Die Studien enthalten keine klinisch aussagekräftigen Endpunkte, also den Beleg, dass Menschen zum Beispiel weniger stürzen, seltener erkranken oder später sterben.“

Zwei der durch Basica mitgeschickten Belege sind zudem lediglich Abstracts, also Zusammenfassungen, zu einem Kongress in der Slowakei im Jahr 2018. Verfasst wurden diese unter anderem durch die Basica-Sprecherin selbst, gesponsort wurden sie durch Basica-Hersteller Protina persönlich.

Fazit: Ein „basisches“ Produkt unterstützt höchstens den Umsatz des Herstellers, hilft einem eigentlich gesunden Verbraucher aber nicht.

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