Dass die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern – die frühere Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig – die Schirmherrschaft der diesjährigen Jahrestagung des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) übernommen hat, stieß bundesweit auf Kritik. „Schwesigs neuer Job als Homöo-Patin“ titelte der Nordkurier, auch Extra3 und der Spiegel kritisieren die Unterstützung der Veranstaltung durch die SPD-Politikerin. Schon früher stießen ähnliche Schirmherrschaften auf erhebliche Kritik: Als die Bremer Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt, die auch den Vorsitz in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz innehat, vor drei Jahren die Schirmherrschaft der Jahrestagung übernahm, starteten Kritiker eine Petition. Vor zwei Jahren übernahm die frühere parlamentarische Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz als damalige Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium die Schirmherrschaft des Weltärztekongresses Homöopathie, was das Informationsnetzwerk Homöopathie als Tabubruch bezeichnete.

Es sei ihr eine große Freude, die Tagungsteilnehmer in Stralsund willkommen zu heißen, beginnt Schwesig ihr Grußwort nun. „Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte, die sich mit der Homöopathie beschäftigen und in ihrer täglichen Praxis anwenden, nimmt stetig zu“, sagt sie weiter. „Das ist Ausdruck der zunehmenden Akzeptanz der Methodik der Homöopathie.“ Es sei sehr wichtig, darüber zu forschen, „wie im Säuglings- und Kleinkindalter alternative Methoden wie die Homöopathie in der Therapie wirksam eingesetzt werden können“, erklärt die Ministerpräsidentin. Für die Landesregierung sei entscheidend, was der Patientin oder dem Patienten helfe.

Die Zahlen sprechen eine andere Sprache

Doch nach Recherchen von MedWatch sind nicht nur die allgemeinen Aussagen der Ministerpräsidentin zur Homöopathie fragwürdig: Schlicht falsch ist ihr Statement, die Zahl der homöopathisch tätigen Ärzte nehme „stetig zu“. Zwar gibt es aktuell deutlich mehr Ärzte mit der Zusatzweiterbildung Homöopathie als vor Jahrzehnten, doch sind die Zahlen seit Jahren rückläufig. 2015 waren nach Angaben der Bundesärztekammer bundesweit knapp 6000 Ärzte mit Zusatzweiterbildung Homöopathie tätig, zum Ende des vergangenen Jahres fiel die Zahl auf 5482.

Bei der Ärztekammer Westfalen-Lippe absolvierten vor zehn bis zwanzig Jahren jährlich noch dutzende Ärzte die Weiterbildung, zwischen 2012 und 2017 waren es nur noch ein bis drei Ärzte pro Jahr. Und im Stammland von Schwesig? Auf Anfrage von MedWatch erklärt die Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern, in den vergangenen Jahren habe es acht Ärzte gegeben, die die Zusatzweiterbildung absolviert haben. Deutlich mehr homöopathisch tätige Ärzte gehen also offenbar in den Ruhestand, als Kollegen neu mit der Therapierichtung beginnen.

Laut den verfügbaren Zahlen der Ärztekammern Westfalen-Lippe und Mecklenburg-Vorpommern boomt Zusatzweiterbildung Homöopathie derzeit nicht. (Grafik: MedWatch)

Ein „Ausdruck der zunehmenden Akzeptanz der Methodik der Homöopathie“ zeigt sich derzeit auch anderswo nicht. Es gibt deutliche Kritik – und auch der Absatz mit Homöopathika ist nach Auswertungen des Marktforschungsunternehmens IQVIA in den letzten beiden Jahren rückläufig gewesen. Ärzte verschreiben homöopathische Mittel außerdem deutlich seltener auf Rezept.

„Auf Angaben des Veranstalters gestützt“

Wie kann es sein, dass Schwesig dennoch über stetig steigende Zahlen schreibt und behauptet, dies sei Ausdruck der zunehmenden Akzeptanz der Methodik der Homöopathie? „Wir haben uns hier auf Angaben des Veranstalters gestützt“, erklärt ihr Sprecher. Nach Angaben des DZVHÄ habe sich die Zahl der homöopathisch tätigen Ärzte in Deutschland seit den Neunzigerjahren „mehr als verdreifacht“. „Diese Zahl war Ausgangspunkt für die von Ihnen angesprochenen Sätze in unserem Grußwort“, schreibt der Regierungssprecher.

„Die Zahl der homöopathischen Ärzte in Deutschland hat sich in den letzten 20 Jahren mehr als verdreifacht und ist auf mehr als 7.000 gewachsen“, schreibt der Zentralverein tatsächlich auch auf seiner Homepage. Dabei bezieht er sich nicht nur auf die Zahlen der berufstätigen Ärzte, sondern auch auf etwa im Ruhestand befindliche Ärzte, ergibt sich aus der Antwort des Sprechers des Vereins. Diese habe 2018 bei 6875 gelegen. „Der DZVhÄ rundet diese Zahl auf 7000 Ärzte auf“, erklärt er. 1993 habe es 2500 Ärzte mit Zusatzbezeichnung Homöopathie gegeben. Unklar bleibt, warum der Verein dennoch schreibt, die Zahl habe sich „in den letzten 20 Jahren mehr als verdreifacht und ist auf mehr als 7.000 gewachsen“ – wo sie doch selbst bei Berücksichtigung der inaktiven Ärzte unter dieser Zahl liegt.

Ministerpräsidentin offenbar nicht auf Fehler hingewiesen

„Vor diesem Hintergrund spricht der DZVhÄ auch aktuell von rund 7000 Ärzten mit Zusatzbezeichnung Homöopathie in Deutschland“, schreibt der Sprecher. Warum hat der Zentralverein das Büro von Frau Schwesig nicht darauf hingewiesen, dass die Aussage offenbar falsch ist, die Zahl homöopathisch tätiger Ärzte eben nicht stetig wächst? Auf Nachfrage von MedWatch nimmt der Sprecher der DZVhÄ hierzu keine Stellung.

„Was der Kinderpsychiater Autismus nennt, mag vom homöopathischen Arzt als Impfschadensyndrom, als Geburtstrauma oder Bindungsproblem bezeichnet werden“: Auf der Veranstaltungs-Homepage lächelt die Ministerpräsidentin auch neben Vortragsankündigungen. (Foto: Screenshot)

Wie wird Schwesig mit dem Fehler in ihrem Grußwort umgehen? Ihr Sprecher erklärte, hierzu nicht kurzfristig Rückmeldung geben zu können. Und warum hält die Ministerpräsidentin wie im Grußwort geschrieben Forschung zu Homöopathika für wichtig, obwohl nach Einschätzung von Experten die Wirkungslosigkeit ausreichend klar ist, sodass sich weitere Forschung erübrigt? „Die Frage, ob und wie Homöopathie sinnvoll eingesetzt werden kann, kann nur Gegenstand von Forschung und wissenschaftlichem Diskurs sein“, schreibt ihr Sprecher lediglich.

„Es ging uns nicht darum, uns mit der Schirmherrschaft in den Methodenstreit über die Homöopathie einzuschalten“, heißt es in einem Statement, das die Landesregierung nach der Kritik an veröffentlicht hat. „Wir haben die Schirmherrschaft übernommen, weil hier ein bundesweiter Medizinkongress in unser Land kommt.“ Doch nach dieser Logik müsste die Landesregierung etwa auch bundesweite Tagungen von Impfgegner-Ärzten mit einer Schirmherrschaft beehren.


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