Geht es aufwärts oder abwärts mit der Homöopathie? Bereits im vergangenen Herbst veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung eine Falschmeldung hierzu, wie sich später herausstellte. Ähnlich ging es der Deutschen Presse-Agentur, die kürzlich offenbar auf Lobbyarbeit von Homöopathen hereinfiel. Sie zog die Meldung zurück – andere Medien reagierten nicht so transparent.

Globuli-Hersteller wie auch homöopathisch arbeitende Ärzteverbände betonen gerne, dass das Interesse an ihrer „besonderen Therapierichtung“ stetig wachse: Die Nachfrage nach homöopathischen Mitteln zeigt aus Sicht der Anhänger der Lehre Samuel Hahnemanns, dass es sich bei stark verdünnten Homöopathika nicht lediglich um Placebos handelt. Mehrere Jahre waren mehr Packungen homöopathischer Präparate über die Verkaufstische von Apotheken gegangen. Im Jahr 2017 kam es laut Zahlen des Marktforschungsinstitut IQVIA zu einem Rückgang, wie ich im Februar 2018 in einer Meldung für die Deutsche Presse-Agentur aufgeschrieben habe.

Sinken die Zahlen weiter – oder steigen sie?

„Deutsche kaufen 2018 wieder deutlich mehr Globuli“, hatte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) bereits im Oktober 2018 berichtet – sogar mit einer Meldung auf der Titelseite. Trotz der wissenschaftlichen Kritik gebe es eine Gruppe von Menschen, „die von all dem unbeeindruckt scheint, und es ist die entscheidende“ – nämlich die Patienten, schrieb die FAS.

Doch hierbei handelte es sich um eine Falschmeldung: Die Zahlen von IQVIA waren für 2017 und 2018 gar nicht vergleichbar, da das Marktforschungsinstitut inzwischen mehr Präparate in ihrer Datenbank aufgenommen hat. Wenn die gleiche, bisherige Datenbasis für den Vergleich verwendet wird, fiel hingegen der Absatz im niedrig einstelligen Prozentbereich, erklärte IQVIA uns gegenüber Ende Februar dieses Jahres. Der Umsatz stieg im Vergleich zum vorherigen Jahr leicht – es wurden also offenbar teurere Packungen verkauft.

Basierend auf einer Pressemitteilung des Zentralvereins homöopathischer Ärzte veröffentlichte die Deutsche Presse-Agentur Anfang März unter der Überschrift „Geschäft mit homöopathischer Arznei wächst“ dennoch eine Wirtschaftsmeldung, nach der der Absatz im Jahr 2018 gestiegen sei. „Die Verbraucher in Deutschland haben erneut mehr homöopathische Arzneien in Anspruch genommen“, hieß es dort – obwohl laut den IQVIA-Zahlen das Gegenteil richtig ist.

Um die Verbreitung der Falschmeldung zu stoppen, kontaktierte ich die Kollegen der DPA und machte sie darauf aufmerksam, dass die Zahlen gar nicht vergleichbar seien. Diese zog daraufhin einige Stunden später die Meldung gänzlich zurück.

Doch da hatte der Beitrag bereits seine Kreise gezogen – so war er von Spiegel Online, der Online-Redaktion des Handelsblattes, dem Facebook-Team der Tagesschau und von vielen weiteren Medien veröffentlicht worden. Nach einem Hinweis änderte Spiegel Online seine Meldung mit einem entsprechenden Vermerk. „Werden die neuen Daten herausgerechnet, sind 2018 etwas weniger homöopathische Mittel verkauft worden als in den Vorjahren“, heißt es nun im Artikel. Das Handelsblatt berücksichtigte zunächst nicht, dass die DPA die Meldung wieder zurückgezogen hat – erst auf Nachfrage löschte die Redaktion den Artikel vollständig. „Die Seite wurde nicht gefunden“, heißt es nun. „Nachfrage stark gestiegen“, hatte die Pharmazeutische Zeitung zunächst sogar gemeldet – auch sie zog den Artikel zurück.

Der inzwischen gelöschte Beitrag des Tagesschau-Redaktion auf Facebook. (Foto: Screenshot)

Kein Korrektur-Hinweis seitens der Tagesschau

Die Tagesschau löschte die Meldung nach einigen Stunden wieder von ihrer Facebook-Seite – es gab bereits hunderte Kommentare zu dem Beitrag. Die Nutzer erfuhren jedoch nicht im Nachhinein, dass es sich um eine Falschmeldung handelte. Warum? Bei Beiträgen mit Foto gebe es bei Facebook keine Korrektur-Funktion, erklärt uns eine Pressesprecherin des NDR, bei dem die Tagesschau angesiedelt ist. „Sollte sich eine Fehlinformation in ein Foto-Posting einschleichen, kann eine Weiterverbreitung der Falschinformation nur durch Herunternahme des Postings verhindert werden“, schreibt sie. Die Tagesschau habe sich im vergangenen Jahr in direkten Gesprächen mit den Plattformbetreibern mehrfach für die Einbindung einer nachträglichen Korrekturfunktion eingesetzt – um größtmögliche Transparenz zu ermöglichen.

Die Redaktion wollte jedoch auch nicht in einem neuen Beitrag darauf hinweisen, dass sie eine Falschmeldung veröffentlicht hat. „Leider können Sie nicht davon ausgehen, dass ein zweites Posting der Tagesschau exakt diejenigen User erreichen würde, denen bereits das erste Posting in ihren Timelines ausgespielt wurde“, begründet die Sprecherin die Entscheidung. „Deshalb ist es für die Tagesschau primär wichtig, die Weiterverbreitung der Info aus der falschen Agenturmeldung zu stoppen – und sich in den Gesprächen mit den Plattformbetreibern stark zu machen für die Einführung einer Korrekturmöglichkeit.“

„In der Medienbranche nicht üblich“

In einem Nachtrag zu seiner Pressemitteilung macht der Zentralverein homöopathischer Ärzte inzwischen darauf aufmerksam, dass die Daten von 2017 und 2018 nicht direkt vergleichbar seien. „Deshalb hat der DZVhÄ hier auch keinen direkten Vergleich 2017/2018 angestellt“, erklärt er nun – versehen mit der Behauptung, Medien wie die DPA seien hierauf aufmerksam gemacht worden. Doch obwohl dem Verband bekannt ist, dass der Vergleich unzulässig ist, teilte er Anfang März erneut die Falschmeldung der FAS vom vergangenen Herbst auf Facebook. Warum? Eine Nachfrage unsererseits lässt der Pressesprecher des Zentralvereins unbeantwortet.

Und wie geht die FAS mit der Falschmeldung um? Eine Pressesprecherin des Verlags betont, dass die Redaktion zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht gewusst habe, dass die Zahlen nicht vergleichbar seien – sie habe „belastbare und vergleichbare Daten“ bei IQVIA angefragt. Eine Sprecherin des Marktforschungsinstituts bestätigt, dass die Datenerweiterung „leider noch nicht vermerkt“ gewesen sei und somit der FAS auch nicht bekannt sein konnte.

Doch die FAS hat kein Problem damit, dass ihr inzwischen als Falschmeldung erkannter Beitrag weiterhin auf der Homepage abrufbar ist – und möchte ihre Leser auch nicht darauf hinweisen. „Es ist in der Medienbranche und auch bei uns nicht üblich, jeden einzelnen Artikel nach seinem Erscheinen anzupassen, sobald sich eine neue Erkenntnis- oder Nachrichtenlage ergibt“, erklärt die Sprecherin. Diese fänden jedoch „selbstverständlich Eingang in die weitere Berichterstattung“, sagt sie.

Der Pressekodex sieht dies etwas anders. „Veröffentlichte Nachrichten oder Behauptungen, insbesondere personenbezogener Art, die sich nachträglich als falsch erweisen, hat das Publikationsorgan, das sie gebracht hat, unverzüglich von sich aus in angemessener Weise richtig zu stellen“, heißt es dort.

Titelfoto: Pharmazeutische Zeitung / Screenshot


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