In der „Höhle des Löwen“ auf Vox gewann im September 2018 das Produkt „smartsleep“ die Gunst der Juroren um Carsten Maschmeyer und Frank Thelen. Mit seinem Pitch habe Gründer Markus Dworak ins Schwarze getroffen, informiert der Sender die Zuschauer: Der in der Sendung ausgehandelte Deal sei mit einer Bietersummer von 1,5 Millionen Euro als bisher höchster in der Geschichte von „Die Höhle der Löwen“ eingegangen. Seit diesem Winter ist „smartsleep“ in Drogerien und Supermärkten erhältlich. Ein Leser stellte uns die Frage: Was macht es denn, dieses „smartsleep“?

„Mit Riboflavin – trägt zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung bei“, informiert ein Aufdruck auf der Verpackung von „smartsleep“. Vor dem Schlafen sollen je zwei Kreatin-Kautabletten eingenommen werden, dazu soll eine Flüssigkeit, „Liquid“ genannt, getrunken werden. Die Flüssigkeit enthalte „ausgewählte Vitamine, Mineralstoffe und die Aminosäure Glycin“.

Aber auch wenn bei „smartsleep“ vieles nach „Unterstützung“ und „Schlaf“ klingt, das in schicker silberfarbener Röhre verpackte Nahrungsergänzungsmittel ist nicht als Einschlaf- oder Durchschlafhilfe zu verstehen. Entwickler und „Smartsleep-Firmengründer Markus Dworak aus Erkrath schreibt:

„Die enthaltenen Inhaltsstoffe tragen dazu bei, die im darauf folgenden Schlaf ablaufenden physiologischen Prozesse zu unterstützen indem sie zur normalen Funktion des Nervensystems beitragen (Magnesium), den Energiestoffwechsel unterstützen (Vitamin B6), die Zellen vor oxidativem Stress schützen (Vitamin B2, Vitamin C) und den Eiweiß-, Glykogen und Kohlenhydratstoffwechsel unterstützen (Vitamin B6), sowie auch den Stoffwechsel einiger Neurotransmitter (Panthothensäure) und eine normale DNA-Synthese (Zink).

Diese physiologischen Prozesse sind essentiell für die körperliche und geistige Regeneration. Zudem tragen einige Inhaltsstoffe zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung bei (Riboflavin, Magnesium sowie Niacin).“

Man haben bereits 2010 die ersten Studien zu dem Thema durchgeführt, erklärt Dworak. Ein Teil davon sei bereits 2009 mit dem Nachwuchspreis der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin ausgezeichnet worden. Der Firmengründer schickt uns netterweise noch den Link zur wissenschaftlichen Plattform Pubmed mit, wo wir uns seine Studien zu den einzelnen Inhaltsstoffen heraussuchen könnten.

Studien sollen sich auf das Produkt beziehen, nicht auf einzelne Inhaltsstoffe

Tatsächlich sind viele der hier gelisteten Untersuchungen lediglich Tierstudien, basieren auf Messungen von Gehirnströmen, oder wurden nur mit sehr wenigen Probanden durchgeführt. So heißt es etwa im Jahr 2017 aus einer kleinen Studie an Ratten, dass die Ergebnisse darauf hindeuteten, dass Creatin den Schlafbedarf und den homöostatischen Schlafdruck bei Ratten reduziert habe und damit auf sein Potenzial bei der Behandlung von schlafbezogenen Störungen hinweise. Auch an Mäusen wurde das Geschehen im Gehirn während des Schlafs beobachtet. In einer Studie wurde das Schlafverhalten elf gesunder Kinder untersucht, nachdem diese Sport getrieben hatten.

Zum Nutzen und der Wirkung oder gar möglichen Nebenwirkungen des Produktes „smartsleep“ findet sich keine Studie.

Kein Einzelfall, wie auf einer Infoseite der Verbraucherzentralen zu lesen ist:  Studien zu Nahrungsergänzungsmitteln gibt es viele, doch nur ein kleiner Teil sei wirklich aussagekräftig, heißt es dort. Studien an Tieren oder an Zellkulturen im Reagenzglas reichten zum Beispiel nicht aus, berichten die Verbraucherschützer weiter. Und: Studien sollten sich zudem auf das Produkt beziehen, nicht auf einzelne Inhaltsstoffe.

Wir fragen also noch einmal bei „smartsleep“ nach, ob es denn keine Studie gebe, die sich auf das Produkt in Gänze bezieht.

Bisher wohl nicht: „Die positiven Effekte der einzelnen smartsleep® Inhaltsstoffe wurden in unabhängigen wissenschaftlichen Studien gezeigt“, erklärt Dworak und schickt uns netterweise noch eine andere Übersicht mit Studien zu, die die Wirkung der einzelnen Inhaltsstoffe zeigen sollen. Zu Creatin findet sich etwa eine Studie, in der Wissenschaftler des Imperial College London zehn Rugby-Profis untersuchten, um herauszufinden, ob Creatin und Koffein einen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit bei Sportlern nach Schlafentzug hat.

Zu den in „smartsleep“ enthaltenen Vitaminen und zu Magnesium verweist Dworak auf verschiedene Übersichtsarbeiten. „Eine weitere randomisierte, Placebo-kontrollierte Studie befindet sich gerade in der Auswertung“, schreibt er. „Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse, sowie die langjährige Erfahrung der Gründer im Bereich der Schlafforschung boten die Grundlage zur Entwicklung von smartsleep.“

„Werbung, aber keine seriöse Studienlage, aus der man irgendetwas ableiten könnte“

Nicht alle sind von dem Ergebnis so überzeugt wie sein Schöpfer. „Von Schlafforschern entwickelt“ steht auf der Packung – „damit soll wohl eine wissenschaftlich seriöse Botschaft vermittelt werden“, sagt der Bremer Arzneimittelexperte Gerd Glaeske. Wir haben den Pharmazeuten, der Mitglied des Beirats von MedWatch ist, gebeten, das Nahrungsergänzungsmittel für uns zu begutachten.

Glaeske findet es schon beinahe skandalös, dass für dieses zweifelhaft zusammengesetzte Produkt aus Vitaminen, Aminosäuren, Mineralstoffen und Spurenelementen mit Slogans wie „Für Deinen Schlaf“ geworben wird. Damit erreiche man automatisch auch die Menschen, für die Schlafstörungen ein wirkliches Problem darstellten. „Diese Menschen brauchen keine Scheinlösungen, sondern eine wirksame Hilfe“, sagt Glaeske.

Wir haben auch Kai Spiegelhalder, Arzt, Psychologe und Psychotherapeut am Universitätsklinikum Freiburg, zu „smartsleep“ befragt. Er könne dessen Wirkung oder auch die der einzelnen angegeben Inhaltsstoffe zwar nicht im Detail analysieren, erklärt er. „Kombinationen aus verschiedenen Substanzen, die möglicherweise pharmakologisch wirksam sind, sollten meiner Meinung nach aber in randomisierten kontrollierten klinischen Studien auf ihre Effektivität hin untersucht werden, wie es für zugelassene Medikamente Pflicht ist“, kritisiert Spiegelhalder. „Dies sollte erfolgen, bevor offensiv Werbung für solche Produkte betrieben wird.“ Es sei die Aufgabe von Herstellern, ausreichend gute wissenschaftliche Studien durchzuführen, damit die Kunden wie auch andere Forscher am Ende nicht herumraten müssen, ob das Produkt irgendeinen sinnvollen Effekt haben könnte oder nicht. Derartige Untersuchungen gebe es aber offenkundig nicht. „Es gibt Werbung, aber keine seriöse Studienlage, aus der man irgendetwas ableiten könnte.“

Fazit: Es handelt sich bei „smartsleep“ offenbar eher um „smartmoney“.

Foto: MedWatch


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