Heiße Milch, Schäfchen zählen, Yoga: Wer nicht gut einschlafen kann oder nachts nicht gut schläft, dem werden die verschiedensten Tipps gegeben. Wenn das aber alles nicht funktioniert, locken auch Einschlafhilfen, die es in Drogerien zu kaufen gibt. Sie versprechen gute Träume – aber kann man hier tatsächlich sorglos zugreifen? Welche Nebenwirkungen haben diese Präparate? Dies wollte ein Leser von uns wissen.

Es gibt viele freiverkäufliche Einschlaf-Hilfen. Wir haben uns in diesem ersten Stück auf die Frage konzentriert, warum manche Mittel mit dem Wirkstoff Melatonin in der Drogerie sein dürfen.

Einschlafhilfen mit Melatonin: Wie funktioniert das?

Melatonin ist ein körpereigenes Hormon und wird von der Zirbeldrüse, einem Teil des Zwischenhirns, produziert. Es beeinflusst das Schlaf-Wachverhalten von Lebewesen. Melatonin wird bei Dunkelheit ausgeschüttet – deswegen werden wir abends müde. Die Konzentration von Melatonin im Blut steigt dabei langsam an. Mitten in der Nacht, so gegen zwei oder drei Uhr, erreicht diese den Höhepunkt. In den frühen Morgenstunden fällt die Hormonkonzentration dann wieder ab.

Melatonin beeinflusst nicht nur den Schlaf-Wach-Rhythmus, sondern auch weitere biologische Funktionen des Körpers wie den Blutdruck oder die Nierenfunktion. Aufgrund der breiten Wirkung sollte die Einnahme gut überlegt erfolgen, sagt Gerd Glaeske, Pharmakologe der Uni Bremen und Mitglied des Beirats von MedWatch. Mit seinem Team hat er in diesem Jahr für die Stiftung Warentest Einschlafhilfen genauer angeschaut. Niedrige Melatoninwerte gehen laut Glaeske nicht automatisch mit Schlafstörungen einher.

Welche Nebenwirkungen gibt es?

Melatonin-Präparate können zu unterschiedlichen allergischen Reaktionen führen, außerdem zu Rachenentzündungen, Bronchitis, Rückenschmerzen sowie in seltenen Fällen zu Gelenkschmerzen. Diese Nebenwirkungen werden unter Melatonin häufiger gemeldet als unter Placebo, berichtet Glaeske. Melatonin kann das Immunsystem beeinflussen und eigne sich daher nicht für Patienten mit Autoimmunerkrankungen. Eine beobachtete Zunahme von Infektionen soll nach der Zulassung weiter überprüft werden.

Als schwere Nebenwirkungen werden auch Bewusstlosigkeit, Stürze, Frakturen sowie Störungen der Blutversorgung des Herzens und des Gehirns angesehen. Aus Tierstudien ergeben sich zudem Risikosignale hinsichtlich Schäden an der Netzhaut im Auge, Tumore der Schilddrüse und Vergiftungen der Leber.

Arzneimittel oder Nahrungsergänzung?

Arzneimittel sollen dazu dienen, Krankheiten oder krankhafte Beschwerden zu verhüten, zu lindern oder zu heilen, physiologische Körperfunktionen positiv zu verändern oder eine medizinische Diagnose zu erstellen. Arzneimittel unterliegen den strengen Bestimmungen des Arzneimittelgesetzes (AMG). Sofern es sich nicht um homöopathische oder andere Mittel der „besonderen Therapierichtungen“ handelt, müssen sie zugelassen werden. Arzneimittel können rezeptpflichtig oder rezeptfrei sein. Fast alle Arzneimittel sind apothekenpflichtig, doch gibt es auch einige wenige, die etwa in Drogerien verkauft werden dürfen.

Nahrungsergänzungsmittel (NEM) sind eine besondere Gruppe Lebensmittel, die der Förderung der Gesundheit dienen sollen. Sie sind dazu bestimmt, die normale Ernährung zu ergänzen. NEM können beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) registriert werden, danach ist die sofortige Vermarktung möglich. Behördliche Kontrollen erfolgen nur auf Verdacht beziehungsweise Aufforderung durch die Lebensmittelüberwachungsbehörden der Länder. Nahrungsergänzungsmittel dürfen nicht als Arzneimittel beworben oder mit Aussagen, die sich auf die Beseitigung, Linderung oder Verhütung von Krankheiten beziehen, angeboten werden.

Diätische Lebensmittel für spezielle Gruppen sollen besonderen Ernährungserfordernissen etwa für Kranke, Schwangere, Kleinkinder oder Säuglinge entsprechen. Die Anforderungen an Lebensmittel für spezielle Gruppen sind in Deutschland in der Verordnung über diätetische Lebensmittel (Diätverordnung) sowie in EU-Verordnungen geregelt. Dort ist auch festgelegt, dass sich Lebensmittel für spezielle Gruppen für den angegebenen Ernährungszweck eignen und aufgrund ihrer besonderen Zusammensetzung oder Herstellung deutlich von normalen Lebensmitteln unterscheiden müssen.

Welche Produkte sind auf dem Markt?

Als Arzneimittel ist das Präparat Circadin (2 mg Melatonin) zur Behandlung von Schlafstörungen bei über 55-Jährigen zugelassen und in Apotheken erhältlich.

In deutschen Drogerien sind aktuell zwei Nahrungsergänzungsmittel erhältlich, die – nach der grundsätzlichen Einschätzung des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) – so viel Melatonin enthalten, dass sie auf Basis wissenschaftlicher Studien eigentlich eine Zulassung als Arzneimittel bedürften. Das sind:

  • Alsiroyal GutEinschlafen (2 mg Melatonin pro Kapsel), Hersteller Alsitan ist ansässig in Bayern.
  • Greendoc Schneller Einschlafen Kapseln (0,5 mg Melatonin pro Kapsel), Herstel­ler Windstar ist ansässig in Hessen.

„Es gibt eine klare Einschätzung zum Melatoningehalt seitens der Bundesbehörde“, sagt ein BfArM-Sprecher MedWatch. Das BfArM und das frühere Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz hätten bereits 1996 zu dieser Frage Stellung bezogen:

„…Danach handelt es sich bei Melatonin um eine Substanz mit pharmakologischer Wirkung und nicht um ein Nahrungs- oder Nahrungsergänzungsmittel. Diese Bewertung erfolgt dosisunabhängig. D.h. sie gilt auch für geringe Melatoningehalte wie z.B. 0,1 mg. Als Fertigarzneimittel bedarf Melatonin einer Zulassung durch das BfArM; Voraussetzung hierfür ist der Nachweis von Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit.“

Präparate mit Melatoningehalten von 0,1 bis 2,0 mg erhöhen die messbare Konzentration von Melatonin im Blut bereits in einem Maß, wie er durch das körpereigene Hormon als Spitzenspiegel in der Nacht erreicht wird, berichteten die Behörden damals. Schon diese Werte könnten schlaffördernd wirken und zu einer Beeinträchtigung der Fahrtüchtigkeit führen.

Melatonin in isolierter und konzentrierter Form aus pflanzlichen Lebensmitteln diene weder der Ernährung oder dem Genuss, noch bestehe ein Bedarf im Sinne eines lebensnotwendigen Mikronährstoffes (siehe Kasten). Damit sei Melatonin nicht als Nahrungsergänzungsmittel einzustufen. Wegen der unerwünschten Wirkungen bestehen außerdem erhebliche gesundheitliche Bedenken gegen die unkontrollierte Aufnahme größerer Stoffmengen von Melatonin.

Und jetzt?

Laut Gesetz sind die Landesbehörden gefragt. „Die Einschätzung des BfArM (Anmerk. der Red.: Melatonin hat eine pharmakologische Wirkung, es ist kein Nahrungsergänzungsmittel) versetzt die für die Überwachung des Verkehrs mit Arzneimitteln zuständigen Behörden der Länder in die Lage, ordnungsbehördliche Maßnahmen zum Schutz der Patientinnen und Patienten einzuleiten, zum Beispiel die Einfuhr oder den Vertrieb dieser Produkte zu untersagen“, sagt uns der BfArM-Sprecher.

Wir haben also bei den zuständigen Landesbehörden in Bayern (Alsiroyal) und Hessen (Greendoc) nachgefragt, ob sie bereits aktiv geworden sind. Und tatsächlich: In beiden Ämtern war das Problem bekannt. Aber: „Der Bescheid des BfArMs wird zurzeit angefochten, damit ist dieser nicht rechtskräftig und kann daher auch nicht in eine Maßnahme der Landesbehörde umgesetzt werden.“, schreibt uns ein Sprecher des Landesgesundheitsamts Hessen. Der Hersteller von Greendoc hatte gegen die Entscheidung Widerspruch eingelegt, eine Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Münster steht noch aus. Derweil darf das Präparat weiter vertrieben werden, so lange kein rechtskräftiges Urteil vorliegt. „Da nicht von einem akuten gesundheitlichen Risiko für den Verbraucher ausgegangen werden kann, wäre eine Untersagung des Inverkehrbringens mit Sofortvollzug weder erforderlich noch angemessen.“

Die Antwort der in Sachen Alsiroyal zuständigen Regierung von Oberbayern fällt ähnlich aus:

Im Zusammenhang mit dem Vertrieb melatoninhaltiger Produkte durch die Firma Alsitan GmbH sind der Regierung von Oberbayern zwei Produkte bekannt, die unter dem Handelsnamen „Alsiroyal Gut Einschlafen Melatonin“ in Form von Kapseln sowie in Form eines Schokotrunkes in den Verkehr gebracht werden. Das Inverkehrbringen der in Rede stehenden Produkte wurde seitens der Regierung von Oberbayern gegenüber der Firma Alsitan GmbH wegen fehlender Zulassung mit sofortiger Wirkung untersagt.

Allerdings sei der Entscheid nach einer Klage des Herstellers wieder aufgehoben worden. Daher ist das Mittel wieder im Handel erhältlich. Die Behörde erklärt gegenüber MedWatch, sie prüfe derzeit die Möglichkeiten, rechtlich gegen die Entscheidung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshof vorzugehen.

Was sagen die Hersteller?

Die Firma Alsitan (Alsiroyal) teilt mit, ihr Produkt sei in der Dosierung von 2 mg pro Tag sehr wohl als Nahrungsergänzungsmittel verkehrsfähig – es brauche nicht den strikteren Arzneimittel-Regeln unterworfen werden:

Eine objektive Bewertung durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), welche die Wirksamkeit von Nahrungsergänzungs- und Lebensmitteln in Europa verantwortet, hat für Melatonin die folgende gesundheitsbezogene Angabe zugelassen:

„Melatonin trägt dazu bei, die Einschlafzeit zu verkürzen.“

Diese Einstufung basiere auf verschiedenen, den strengen Maßstäben der EFSA entsprechenden, klinischen Studien. Mit dieser Einstufung der EFSA könnten Verwender sicher sein, dass die Alsiroyal Kapseln als Nahrungsergänzungsmittel wirksam sind.

Das Verwaltungsgericht Köln hat allerdings eine solche Argumentation bereits 2014 nicht gelten lassen: „Die Feststellung, ob es sich bei einem bestimmten Erzeugnis um ein Arzneimittel handelt, obliegt nach der Rechtsprechung des EuGH den nationalen Gerichten und Behörden“, schreibt es in ihrer Urteilsbegründung.

Die Windstar GmbH (Greendoc) erklärt, die „entsprechende Auffassung des BfArM und einige ältere, die Auffassung des BfArM bestätigende Urteile“ seien bekannt. Doch „möglicherweise ist Ihnen nicht bekannt, dass die Mehrzahl der aktuellen gerichtlichen Entscheidungen aufgrund neuer Tatsachenerkenntnisse zu einer anderen rechtlichen Bewertung gekommen ist“, erklärt die Pressesprecherin von Windstar. Dabei verweist sie etwa darauf, dass „sich entsprechende Mengen an Melatonin auch über die übliche Ernährung aufnehmen“ lassen, was „das Überschreiten der sogenannten Erheblichkeitsschwelle, die zwingende Voraussetzung für die Einstufung eines Funktionsarzneimittel ist“, widerlege.

Das stimmt laut der Erklärung der Bundesbehörden von 1996 allerdings nicht:

Melatonin „kommt in sehr geringen Mengen auch in pflanzlichen Lebensmitteln vor. Um dem Körper nur 0,1 mg des Hormons zuzuführen, müssten allerdings z. B. 1 Tonne Gurken oder 200 Kilogramm Bananen verzehrt werden. Präparate mit Melatoningehalten von 0,1 bis 2,0 mg dagegen erhöhen den Plasmaspiegel von Melatonin bereits in einem Maß, wie er durch das körpereigene Hormon als Spitzenspiegel in der Nacht erreicht wird.“

Die nächste Entscheidung eines Gerichts in Sachen Melatonin wird für 2019 erwartet. Bis dahin stehen Aussage gegen Aussage und die Einschlafkapseln bleiben auf dem Markt.

Für Gerd Glaeske ist die Situation ein Skandal. „Es wird etwas aufgedeckt, aber es folgen keine adäquaten Konsequenzen, der Verbraucherschutz fällt hinten runter.“ Es gäbe nun mal eine offizielle Behörde für die Definition von Arzneimitteln und für die Notwendigkeit von Zulassungen. Und die hat Mittel mit Melatonin als zulassungspflichtig eingestuft. Wie kann es sein, fragt Glaeske, dass Firmen über Jahre immer wieder Lücken suchen und finden, den Arzneimittelstatus, den das BfArM für melatoninhaltige Produkte festgestellt hat, auszuhebeln?

Ausblick

In einem weiteren Artikel zum Thema Einschlafhilfen geht es um die melatoninhaltigen Produkte, die über das Netz bestellt werden können. Außerdem begeben wir uns in die „Höhle des Löwen“ – in der Fernsehshow gewann das Produkt „Sleep well“ die Gunst der Juroren um Carsten Maschmeyer und Frank Thelen, es ist seit kurzem in Drogerien erhältlich. Hier stellt sich die Frage: Wie gut schläft  man – mit „Sleep well“?

Außerdem bleiben wir natürlich an den beiden hier genannten Melatonin-Mitteln dran.

Titelfoto: Hans / pixabay


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