Die Grün-Schwarze Koalition in Baden-Württemberg hat es sich in den Koalitionsvertrag geschrieben, die so genannte „Alternativmedizin“ zu stärken: „Gemeinsam mit den Einrichtungen der Universitätsmedizin werden wir die wissenschaftliche Forschung im Bereich der Komplementärmedizin und die geschlechterdifferenzierte Weiterentwicklung der Medizin Voranbringen“, heißt es dort unter der Überschrift „Innovative Technik für moderne Medizin“. Auch die Forschung solle gefördert und ein Lehrstuhl eingerichtet werden. „Ziel ist es, dass alternative Heilmethoden langfristig in die Normalversorgung integriert und in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen werden.“ Wie Wissenschaftsministerin Theresia Bauer in der vergangenen Woche bekanntgab, soll der Lehrstuhl an der Universität Tübingen eingerichtet werden. „Die neue Professur soll die Verfahren und Methoden der Naturheilkunde und der Integrativen Medizin wissenschaftsgeleitet erforschen und wird damit einen Beitrag leisten, Potenziale zu heben“, erklärte Bauer.

Doch wie passen „alternative Heilmethoden“ zur Universitätsmedizin? Wir haben Ingo Autenrieth, Dekan der medizinischen Fakultät der Universität Tübingen, befragt. Er ist auch ärztlicher Direktor des Instituts für medizinische Mikrobiologie und Hygiene am Uniklinikum Tübingen.

MedWatch: Herr Autenrieth, überwiegt die Freude über den neuen Lehrstuhl – oder haben Sie Angst, dass Sie sich da ein trojanisches Pferd auf den Campus holen?

Ingo Autenrieth: Es überwiegt die Freude. Was sie ansprechen ist, dass mit dem Thema Aspekte verbunden sind, die man bei der Unimedizin normalerweise nicht auf dem Schirm hat und die jenseits der Wissenschaft liegen. Der neuen Professur liegt ein Beschluss aus dem Koalitionspapier zu Grunde – dahinter stecken verschiedene Motivationen. Wir hatten die Befürchtung, wie Sie sie äußern. Mit unseren Partnern – der Robert Bosch Stiftung, dem Robert Bosch Krankenhaus und dem Wissenschaftsministerium – haben wir uns aber so ins Einvernehmen gesetzt, so dass wir nun eine klare Kontur haben: eine wissenschaftlich fundierte Komplementärmedizin. Deswegen freuen wir uns.

MedWatch: Was verstehen Sie denn unter Naturheilkunde und Komplementärmedizin?

Autenrieth: Beide Begriffe sind in den Weiterbildungsordnungen oder Approbationsordnungen für Ärzte nicht scharf abgebildet, daher werden sie von verschiedenen Personengruppen innerhalb, aber auch außerhalb der Medizin, unterschiedlich verwendet. Für uns umfasst Komplementärmedizin das, was in der Patientenbehandlung neben den klassischen Verfahren zum Einsatz kommt – sofern sie sich einer wissenschaftlichen Betrachtung zugänglich machen. Zum Beispiel sind es die klassische Akupunktur, pflanzliche Heilmittel oder Probiotika. Hier kann man mit klinischen Studien überprüfen, ob sie wirksam und sicher sind. Wenn beides der Fall ist, dann ist es möglich, den Kassen Vorschläge zu unterbreiten, in welchen Kontexten sie einen Mehrwert bieten – und finanziert werden sollten.

MedWatch: Wie sieht es denn mit der Homöopathie aus?

Autenrieth: Aus der Politik und dem öffentlichen Raum gab es Vorschläge und Wünsche, sich der Homöopathie zu widmen. Einige Studien zeigen, dass sie ebenso wirksam sein kann, wie ein Placebo. Daher wird sich unsere Forschung auf andere wirksamere Verfahren richten. Aber wir reflektieren über die Homöopathie in der Lehre, weil natürlich unsere Patienten davon hören und nicht wissen, was sie davon erwarten können. Insofern müssen Ärztinnen und Ärzte auf solche Fragen vorbereitet sein und informiert antworten können. Unsere Partner wie das Robert-Bosch-Krankenhaus, die sich noch vor einigen Jahrzehnten auch der Homöopathie verschrieben haben, haben ganz klar die Homöopathie verlassen und aus ihrer Mission gestrichen. Für uns ist die Homöopathie kein Forschungsthema – es ist für uns ein Reflexionsthema im Bereich der Lehre und Weiterbildung, weil viele Patienten dazu eine Antwort von ihrem behandelnden Arzt oder ihrer Ärztin suchen.

MedWatch: Was sollten Ärzte ihren Patienten denn sagen, wenn sie fragen, ob Homöopathie ihnen hilft?

Autenrieth: Wichtig ist, dass man einem Patienten sagt, was sichere und, durch Studien belegt, wirksame Verfahren sind – Patienten haben ein Recht darauf. Wenn ich als behandelnder Arzt oder Ärztin eine solche Aussage treffe, muss ich mich darauf verlassen, dass die Produkte in wissenschaftlichen Studien untersucht worden sind. Diese Mechanismen muss ein Patient erwarten können – doch es gibt einen Wirksamkeitsnachweis jenseits des Placeboeffekts für die Homöopathie nicht. Das ist ein eindeutiger Unterschied. Wenn es dennoch Wünsche gibt, muss ein Arzt über Risiken und Nebenwirkungen aufklären. Es liegt ja in der Freiheit eines jeden Patienten, sich dennoch für eine bestimmte Heilmethode zu entscheiden.

MedWatch: Muss ein Arzt nicht auch über die Frage aufklären, ob Therapien wirken?

Autenrieth: Ja, natürlich. Es gibt Studien, die zeigen, die Homöopathie hat keine über den Placeboeffekt hinausgehende Wirkung. Es ist Aufgabe eines Arztes, seine Patienten darüber zu informieren.

„Der Lehrstuhl fokussiert sich auf klinische Studien und wissenschaftlich nachvollziehbare Nachweise“

MedWatch: Die Vorfreude von Firmen wie Wala oder Weleda über den neuen Lehrstuhl ist also verfrüht? Weleda erhofft sich offenbar Unterstützung für die „bewährte Therapierichtung“ Homöopathie, wie ein Sprecher sagte.

Autenrieth: In der Tat haben sie sich gefreut – weil grundsätzlich das Thema anders behandelt wird. Akupunktur, pflanzliche Heilmittel oder Probiotika waren oftmals in der „Schmuddelecke“ der Medizin, weil sie nicht hinreichend untersucht worden sind. Es ist für die Firmen, vermute ich, eine Chance, diese Bereiche wissenschaftlich untersucht zu sehen – sie sollten genauso erforscht werden, wie klassische Pharmazeutika. Die Firmen finden es wohl vom Grundsatz her gut. Der Lehrstuhl fokussiert sich aber auf klinische Studien und wissenschaftlich nachvollziehbare Nachweise von Wirkungen. Wenn der Sprecher also von einer „bewährten Therapierichtung“ spricht, dann ist die Frage, was „bewährt“ heißt: Vielleicht ist die Homöopathie für sein Unternehmen bewährt, aber in Bezug auf Wirknachweise ist aus unserer Sicht überhaupt nichts bewährt. Ansonsten wäre das Thema bei der Ausschreibung des Profils der Professur auch nicht ausgeklammert. Wir schreiben dem Professor oder der Professorin nicht vor, was erforscht werden soll – aber es muss nachvollziehbar und transparent sein und den Grundsätzen der guten wissenschaftlichen Praxis folgen. Dort, wo es Anhaltspunkte gibt, dass etwas funktionieren kann und es ein Substrat gibt, das wirken könnte, ist alles gut und für die Forschung zugänglich.

MedWatch: Sie sagten, die Akupunktur sei kaum erforscht – aber es gibt ja Studien, die zeigen, dass Akupunktur praktisch genauso gut wirkt wie eine Scheintherapie, bei der Nadeln unabhängig von der Lehre der Akupunktur gesetzt werden.

Autenrieth: Das ist ein schönes Beispiel: Akupunktur ist erstmal das Setzen von Nadeln, da kann man die Sicherheit untersuchen. Der Ort, wo sie stechen, und die Art und Weise, wie Sie die Nadeln setzen, das ist ja Gegenstand von Untersuchungen. Wenn sich für einzelne Anwendungen herausstellen sollte, dass der Ort zweitrangig ist und es kommt nur auf den physikalischen Reiz an, dann kann es das Behandlungsverfahren verbessern. So ist es überall in der Medizin: Wenn wir Acetylsalicylsäure – also Aspirin – geben können wir untersuchen, was die richtige Dosis ist – oder wie wir Nebenwirkungen verringern können.

MedWatch: Aber bei der Akupunktur gibt es ja wie auch bei der Homöopathie ein Jahrhunderte altes Glaubenskonstrukt. Kann es nicht für Patienten gefährlich sein, wenn eine Uni Patienten indirekt vermittelt, da könnte was dran sein?

Autenrieth: Diesen Anschein wollen wir nicht wecken und dem klar entgegentreten. Wir wollen die spezifische Wirkung von der Ideologie trennen. Ansonsten könnte die Einrichtung eines solchen Lehrstuhls „Applaus von der falschen Seite“ hervorrufen. Einige könnten sagen: Es gibt einen Lehrstuhl für Komplementärmedizin an der Uni Tübingen – deshalb ist die Komplementärmedizin oder die Homöopathie wirksam. Das wollen wir vermeiden. Wir wollen daher auch die Öffentlichkeitsarbeit angehen und darüber aufklären, zwischen wirksamen Therapien und Ideologie zu unterscheiden. Das ist für mich neben der Forschung und Lehre ein wichtiger dritter Baustein: Die Reflexion nicht nur innerhalb eines Forschungskreises, sondern ein Dialog in und mit der Öffentlichkeit, um das Wissen über das, was ist wissenschaftlich fundiert ist und was jenseits von Grauzonen liegt, zu vermitteln. Wenn wir über Urologie oder Gynäkologie sprechen, weiß jeder, was gemeint ist – bei Komplementärmedizin nicht.

„Es ist keine Komplementärmedizin, sondern schlicht Medizin“

MedWatch: Aber gibt tatsächlich so etwas wie „Komplementärmedizin“ oder „Alternativmedizin“?

Autenrieth: Ich gebrauche solche Begriffe nicht: Ich kenne nur eine wirksame und sichere Medizin. Dann ist es keine Komplementärmedizin, sondern schlicht Medizin. Der Name Komplementärmedizin suggeriert, es gebe etwas außerhalb der Medizin, was aber unsinnig ist.

MedWatch: Selbst Wissenschaftsministerin Theresia Bauer spricht in ihrer Pressemitteilung von komplementären Behandlungsmethoden, mit der sie die Einrichtung des Lehrstuhls ankündigt.

Autenrieth: Das ist eine Presseerklärung, die nicht den Raum und die differenziere Bandbreite haben kann, von der ich spreche. Diese Termini werden in der Ärzteschaft und in der Öffentlichkeit durchaus benutzt, man geht eben damit um. Es hat sich historisch so entwickelt. Es ist erstmal ein Begriff – aber wir wollen mit der neuen Professur darauf hinwirken, dass wir in zehn oder zwanzig Jahre vielleicht gar nicht mehr so einen Begriff nutzen.

Ausschnitt aus dem Koalitionsvertrag der Baden-Württembergischen Landesregierung.

MedWatch: Wie soll der neue Lehrstuhl denn heißen? Im Koalitionsvertrag steht: „Wir wollen im Land einen Lehrstuhl für Komplementärmedizin einrichten.“

Autenrieth: Dies wird erst noch von uns und den Fakultätsgremien genau festgelegt. Wir werden die Professur international und so breit ausschreiben, dass wir eine Person finden, die auf höchstem Niveau hierzu forscht. Es könnte ein Arzt oder eine Ärztin sein, die Pflanzenwirkstoffe pharmakologisch untersucht, aber auch ein Naturwissenschaftler, ein epidemiologischer Forscher oder ein Sozialwissenschaftler. Hauptsache ist: Die Forschung ist auf hohem Niveau – und erkenntnisreich. Uns ist klar, dass das Bewerberfeld begrenzt sein wird.

„Es ist sehr wichtig, genau die richtige Tonalität zu treffen“

MedWatch: Auf der Homepage der Kinderonkologie der Charité war über Jahre zu lesen, dass die Homöopathie geeignet sie, sogar schwerste Krankheiten zu heilen. Ist es nicht ein gefährliches Signal, dass Ihre neue Professur ausgerechnet in der Onkologie des Robert-Bosch-Krankenhauses angesiedelt ist? Tumorpatienten sind ja oft besonders verzweifelt.

Autenrieth: Wenn es so formuliert wäre, wie Sie es über die Charité-Homepage gesagt haben, wäre es genauso falsch wie gefährlich. Das ist aber genau das, wie nicht geplant ist und was vermieden werden muss. Wir haben gemeinsam mit dem Robert-Bosch-Krankenhaus ein von der Deutschen Krebshilfe zertifiziertes Centrum für Tumorerkrankungen eingerichtet, das Comprehensive Cancer Center Tübingen-Stuttgart. Es ist sehr wichtig, genau die richtige Tonalität zu treffen und die Sachverhalte so präzise darzustellen, dass keine falschen Hoffnungen geweckt werden. Das wäre sonst ganz fatal, das darf uns nicht passieren – es wäre unseriös und unwissenschaftlich.

MedWatch: Sind Sie auf scharfe Kontroversen vorbereitet?

Autenrieth: Es ist sicherlich ein Thema, das von unterschiedlichen Seiten mit Glauben, Ideologie und Vorurteil besetzt ist. Wir wollen dem mit einer Medizin begegnen, die fundiert ist und auf fundierten Daten basiert. Das gehört zu dem Plan – und darauf sind wir auch vorbereitet.

MedWatch: Die Pressesprecherin der Uni konnte mir aber noch nicht bestätigen, ob die Uni den Lehrstuhl annehmen wird. Wie sieht es da aus?

Autenrieth: Es wurde mit allen Beteiligten vorgeplant – es wäre nicht vom Kabinett beschlossen worden, wenn wir nicht mit dem Land und der Robert-Bosch-Stiftung und dem Robert-Bosch-Krankenhaus alles genau geplant hätten. Wir haben es ein Jahr lang genau durchdacht. Der Kabinettsbeschluss ist für uns der Startschuss, das Geplante nun umzusetzen.

(Foto: Uniklinik Tübingen)


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