Samstagmorgen im „Cinestar“, gelegen direkt neben dem Dortmunder Hauptbahnhof. Knapp 300 Männer und Frauen aller Altersgruppen stehen vor Saal 1 und warten auf Einlass. Schnell kommen die Besucher miteinander ins Gespräch. Ein Jugendlicher erzählt einem Gleichaltrigen spontan von seinem Sportunfall, wegen dem er heute mit Krücken anreisen musste. Der Andere hat sofort einen Gesundheitstipp für ihn: Borax solle er nehmen, das würde seine Knochen so stark machen, dass sie nicht mehr brechen könnten. Wie alle günstigen und wirksamen Heilmittel werde es jedoch durch die Pharmaindustrie unterdrückt und sei als Medikament nicht zu kaufen. Als Reinigungsmittel könne er es aber bestellen, der Vorrat reiche ewig.

Einen Film möchten die Menschen, die hier in der Warteschlange stehen, nicht sehen. Im Kinosaal 1 findet heute der Gesundheitskongress „Bewusst leben“ statt. Veranstalter Jassin Rosstem behauptet, sich selbst von Krebs geheilt zu haben. Die Tickets kosten 70 Euro, verknüpft sind sie mit einem großen Versprechen: Wer den Kongress besucht, könne „lernen, wie leicht du jede Krebserkrankung hinter dir lässt“. Die Heilung soll sogar „in wenigen Tagen“ geschehen, schreibt Rosstem in einem Flyer, den er auf seiner Homepage veröffentlicht hat. Kurz nach dem Kongress wurde dieser wieder gelöscht.

Die Heilsversprechen, die Rosstem und die weiteren Referenten des Kongresses im Laufe der siebenstündigen Veranstaltung machten, sind nicht nur unrealistisch, sondern auch gesundheitsgefährlich. In seinem Eröffnungsvortrag erklärte Rosstem etwa, er rate seinen Klienten von Chemotherapien ab, da diese „zu null Prozent“ helfen würden. Statt auf Behandlungsmethoden zu setzen, deren Wirksamkeit wissenschaftlich untersucht und belegt ist, sollen Krebspatienten Rosstem zufolge also ausschließlich auf „Naturheilung“ setzen.

Dabei ist die Studienlage hier eindeutig: Verzichten Krebspatienten auf etablierte und wissenschaftlich fundierte Behandlungsverfahren wie Operationen, Chemotherapie oder Bestrahlung, steigt das Risiko zu sterben deutlich an.

Wundervitamine, die es nicht gibt

Rosstem selbst hat bei seiner Krebserkrankung nicht ausschließlich auf alternative Heilmethoden gesetzt, sondern zunächst auch auf Operationen und Chemotherapien. Den letzten Zyklus der Behandlung will er jedoch abgebrochen haben, weil diese heftige Nebenwirkungen bei ihm ausgelöst habe. Auf Youtube habe er sich dann über alternative Heilverfahren informiert und diese eingesetzt.

Rosstem beschreibt seine eigene Geschichte auch in seinem Buch, „Ein neues Leben“ heißt es. Ein Kapitel widmet er der „Heilkost“: Um sich zu heilen, habe er zum Beispiel bittere Aprikosenkerne gegessen, „die Vitamin B17 gegen meine Krebszellen“ enthalten sollen. Doch ein Vitamin B17 gibt es gar nicht. Stattdessen enthalten die Aprikosenkerne Amygdalin. Im Körper setzt es Blausäure frei, was zu Vergiftungen führen kann. Sowohl das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) als auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte warnen vor dem Konsum des angeblichen Heilmittels – zumal keine positiven Wirkungen der Kerne bekannt sind. Die Deutsche Krebsgesellschaft weist darauf hin, dass in einer klinischen Studie zu Amygdalin bei Patienten sehr hohe Blausäurespiegel bis hin zur tödlichen Dosis beobachtet worden sind. Zudem würde Vitamin C die Giftwirkung des Amygdalins verstärken. Davon ist in Rosstems Buch allerdings nichts zu lesen.

Leben allein von Licht – auch hier gab es schon Tote

Ein weiterer „Star“ auf Rosstems Kongress ist „Mr. Raw“, der in Frankfurt ein veganes Restaurant betreibt und mit bürgerlichem Namen David Ekwe-Ebobisse heißt. Auf Youtube fällt er mit fragwürdigen Gesundheitstipps auf. Zuletzt sei sein Kanal durch Youtube gelöscht worden, unter anderem, weil er offen über Chemtrails rede, erklärt Ewobisse im Dortmunder Kino. Doch sein neuer Kanal hat bereits wieder mehr als 3.000 Abonnenten und über 60.000 Aufrufe – seit Mitte Juni dieses Jahres. Dort bewirbt er das auch als Insektengift eingesetzte Borax als „Wundermittel“, dabei kann dessen Konsum für den Menschen tödlich sein. Borax habe das Potenzial, „fast alle schwerwiegenden Krankheiten im Keim zu ersticken“.

Ein anderes Video trägt den Titel „Lichtnahrung – Leben ohne Essen ist möglich!“ Der Glaube, sich ohne herkömmliche Lebensmittel allein von Licht ernähren zu können, mag auf den ersten Blick zu abstrus erscheinen, um ernsthaft Nachahmer zu finden. Doch weltweit sind bereits Todesfälle bekannt, die auf die Lichtnahrungsideologie zurückzuführen sind.

Ewobisse beschränkt sich auf dem Kongress jedoch darauf, herkömmliche Lebensmittel zu verteufeln. Er preist stattdessen eine Kombination aus Rohkost und Nahrungsergänzungsmitteln wie Spirulina und Chlorella an. Man könne sich sogar ausschließlich von Chlorella ernähren, sagt Ewobisse. Praktischerweise hat er direkt vor dem Kinosaal einen Stand aufgebaut, an dem er die passenden Produkte als Nahrungsergänzungsmittel unter seiner Marke „Mr. Raw“ verkauft.

Darf nicht fehlen: Böse Parasiten und MMS

Auf dem „Bewusst Leben-Kongress“ werden nicht nur unwirksame und gefährliche Behandlungstipps zu real existierenden Krankheiten wie Krebs gegeben. Auch gegen frei erfundene Leiden wie einen Parasitenbefall, von dem angeblich jeder betroffen wäre, werden Kuren angepriesen. Als Experte für „Parasitenkuren“ tritt „Alex Green“ auf. Dieser heißt im wahren Leben Alexander Vulcaneanu. Er behauptet, nahezu alle körperlichen und psychischen Erkrankungen würden von Parasiten ausgelöst. Zudem seien diese in der Lage, die Menschen und sogar die gesamte Gesellschaft fremdzusteuern. Da auch Ärzte von Parasiten befallen seien, lehnten diese deshalb auch Parasitenkuren ab.

Wesentliche Bestandteile von Vulcaneanus Parasitenkur sind gesundheitsgefährlich. So empfiehlt er Einläufe, Bäder und das Trinken von Wasserstoffperoxid und das sogenannte Wundermittel Miracle Mineral Supplement (MMS). Hinter MMS verbirgt sich Natriumchlorit, welches mit einer Säure gemischt wird. Dabei entsteht giftiges Chlordioxid. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte warnt deshalb vor der Substanz. Sie könne „schwere Verätzungen der Haut und schwere Augenschäden“ hervorrufen. Es seien bereits Nebenwirkungen wie Nierenversagen, Verätzung der Speiseröhre und Atemstörungen beobachtet worden. Außerdem könne es zu Durchfall und Erbrechen kommen. Auch Wasserstoffperoxid ist ähnlich wie MMS ätzend und kann Gesundheitsschäden hervorrufen.

Ätzendes Wunder, Endstation Kloschüssel

Doch diese Nebenwirkungen werden von MMS-Propagandisten wie Vulcaneanu einfach zu einem Wirksamkeitsbeweis umgedeutet. Die Parasiten würden Giftstoffe enthalten, erklärt er seinen Zuhörern in Dortmund. Wenn die Parasiten durch die Kur angegriffen würden, dann würden auch diese Gifte frei werden. Dass die Kur wirksam sei, könne zudem in der Kloschüssel beobachtet werden. Denn durch die „Kur“ würden die Parasiten ausgeschieden. Bis zu 1,3 Meter lange Würmer habe er beobachten können, sagt Vulcaneanu und fordert sein Publikum auf, ihm Fotos ihrer vermeintlichen Krankheitserreger zu schicken. Dass es sich bei den „Würmern“ offenbar um Teile der Darmschleimhaut handelt, die durch das ätzende MMS zerstört wird, sagt er nicht. Stattdessen motiviert er seine Anhänger, die Kur auch dann fortzusetzen, wenn sie bereits unter heftigen Nebenwirkungen leiden.

An ungefährlicher Gesundheitsvorsorge haben die Besucher des Kongresses hingegen kein Interesse. Als ein Referent fragt, wer im Saal nicht geimpft sei, gehen alle Hände nach oben. Impfstoffe abzulehnen und gleichzeitig Selbstbehandlungen mit gefährlichen Reinigungsmitteln durchzuführen gilt in der MMS-Szene als Beweis dafür, sich aus den Klauen der Pharmaindustrie befreit zu haben – und nicht als Gefahr für die eigene Gesundheit oder die der Kinder.

Laut Cinestar war ein Kongress zu Gesundheit und Rohkost angemeldet

Das Multiplex-Kino aus der Cinestar-Kette, in dem der Kongress stattfand. (Foto: Mbdortmund / Wikimedia, CC BY-SA 3.0)

Warum unterstützt ein Kino einen derartigen Kongress, bei dem sich schon aus dem Veranstaltungsflyer Zweifel an der Seriösität entstehen können? Die Presseanfrage von MedWatch an die Firma „CMS Cinema Management Services“, die das Cinestar-Kino betreibt, landet bei einer externen Presseagentur – die jedoch erklärt, nicht für das Unternehmen sprechen zu können. Cinestar sei nur der Veranstaltungsort und nicht für die Inhalte des Kongresses verantwortlich gewesen, argumentiert die Agentur. Der Veranstalter hätte das Kino mit den thematischen Hinweisen gesundes Leben, Mineralien, Rohkost und gesunde Ernährung gebucht. Für die Einholung erforderlicher Genehmigungen sei der Veranstalter selber verantwortlich. Ist es tatsächlich so, dass Cinestar jegliche Veranstaltungen in seinen Räumlichkeiten akzeptiert – egal ob rechtsextrem, fremdenfeindlich oder gesundheitsgefährdend? Und inwiefern überprüft die Firma, ob Kongresse oder andere Verkaufs- und Bewerbungsveranstaltungen ordnungsgemäß bei den Behörden angemeldet sind? Fragen hierzu blieben zunächst unbeantwortet – der zuständige Ansprechpartner sei erst kommende Woche erreichbar.

Ein Sprecher der Stadt Dortmund erklärt, die städtischen Behörden seien nicht über die den Kongress informiert gewesen. „Beim Ordnungsamt der Stadt Dortmund ist zu dieser Veranstaltung keine Anmeldung eingegangen – folglich wurde sie auch nicht kontrolliert“, sagt er gegenüber MedWatch. Der Verkauf von Nahrungsergänzungsmitteln sei grundsätzlich erlaubt. In Bezug auf die Frage, inwiefern gesundheitsbezogene Werbung in Ordnung ist, verweist er lediglich auf das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Münsterland-Emscher-Lippe.

Wie schon beim Kongress „Spirit of Health“ im März in Berlin oder dem „Akasha“-Kongress im Mai in der Nähe von Köln zeigt sich somit erneut, dass die Überwachungsbehörden selber oft nichts von Quacksalber-Veranstaltungen mitbekommen – und selbst dann kaum eingreifen, wenn sie Kenntnis haben. Im Internet läuft der Verkauf der Produkte und Bücher derweil ungehemmt weiter.

(Titelfoto: Screenshot)

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