Offenbar muss Facebook noch üben, wenn es um ein klares Vorgehen gegen gefährliche Gesundheitsnews im Netz geht. Das soziale Netzwerk hat in den vergangenen Tagen mehrere Gruppen gelöscht, auf denen sich Nutzer über gefährliche Chlordioxid-Präparate wie „Miracle Mineral Supplement“ (MMS) ausgetauscht haben, MedWatch berichtete. Dieses ätzende Mittel wird auf schädliche Weise beispielsweise bei Kindern mit Autismus angewandt. Nach den Löschungen entstanden kurzfristig neue Gruppen wie „MMS nach Jim Humble & alternative Heilmethoden (neu nach Löschung)“, welche Facebook offenbar nach Meldungen durch Nutzer jedoch gleichfalls schnell entfernt hat.

Ein hin und her gab es aber beispielsweise mit der Gruppe „MMS-Einläufe nach Klinghardt & Kalcker“. Facebook habe „festgestellt, dass sie nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards verstößt“, erklärt das Unternehmen noch am Montag vergangener Woche – obwohl in dieser Gruppe auch der Austausch über die rektale Anwendung des Produktes gepflegt wird. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat allerdings bereits seit 2012 vor MMS gewarnt. Später nahm Facebook die Gruppe dann doch offline. Dienstag war sie dann erneut freigeschaltet, später am Tag verschwand sie jedoch wieder aus dem sozialen Medium.

Schließungen rund um das „Chlorzeugs mit den drei Buchstaben“

Die Gruppe mit dem kryptischen Titel „OPC, Vitamin D3 & Co ‚Deine Gesundheit liegt in deiner Hand‘“ ließ Facebook offenbar unter Auflagen wieder zu. „Die Gruppe ist wieder da“, schrieb ein Administrator am Dienstag. „Kommentare mit unerlaubten Substanzen mussten wir aber löschen“, erklärte er – zum Beispiel „das Chlorzeugs mit den drei Buchstaben“. „Sicherheitshalber“ sei auch ein ähnliches Mittel entfernt worden, da Facebook laut dem Administrator nur eine Chance böte. „Falls denen immer noch irgendwas nicht passt, wäre die Gruppe unwiderruflich gelöscht worden“, schrieb er. Was aber genau noch gehe, wisse er nicht.

Offenbar herrscht bei Facebook selbst Verwirrung statt klarer Regeln, denn der US-Konzern schloss auch Gruppen und Seiten, in denen sich Kritiker über gefährliche Produkte und Verschwörungstheorien ausgetauscht hatten. Es traf etwa „Die lockere Schraube – Aufklärung über die Verschwörungsszene“ und „Nothing but the Truth – Aktiv gegen Chemmies und andere VT’ler”. Letzte Gruppe war Anfang der Woche kurzzeitig wieder erreichbar. Nach Auskunft der Administratoren erhielten sie zunächst eine Benachrichtigung über die endgültige Löschung, praktisch gleichzeitig jedoch auch eine Nachricht, dass sie wieder geöffnet wurde. „Wir haben Nothing but the Truth – Aktiv gegen Chemmies und andere VT’ler überprüft festgestellt (sic), dass sie nun nicht mehr gegen unsere Gemeinschaftsstandards verstößt“, erklärte Facebook. „Daher haben wir die Gruppe wiederhergestellt.“ Kurz danach wurde sie wegen „Verherrlichung von Diebstahl und Vandalismus“ jedoch wieder geschlossen. Die „Lockere Schraube“ ist derzeit weiterhin geschlossen, doch wurde vorübergehend eine Ausweichseite angelegt.

Auf eine Anfrage von MedWatch, aus welchen Gründen es zu den Sperrungen und zeitnahen Freischaltungen kam, antwortete die Pressestelle des Konzerns nicht. Bereits in der vergangenen Woche hatte eine Sprecherin nicht zu Einzelfällen Stellung nehmen wollen, sondern nur auf die allgemeinen Nutzungsbedingungen verwiesen.

Mehr Transparenz statt „toxischer Inhalte“

In Deutschland ist Facebook aktuell insbesondere wegen einer Gerichtsentscheidung zu seinen Datenschutzbestimmungen in der Diskussion: Auf Klage des Bundesverbands der Verbraucherzentralen hatte das Landgericht Berlin Anfang der Woche entschieden, dass beispielsweise die teilweise automatisch vorgenommene Aktivierung von Ortungsdiensten rechtswidrig sei, und dass Nutzer nach dem Telemediengesetz das Recht hätten, Facebook unter dem Schutz eines Pseudonyms zu nutzen.

Parallel gab der Nahrungsmittel- und Haushaltsprodukte-Hersteller Unilever bekannt, zukünftig nicht mehr in verschiedenen sozialen Medien Werbung zu schalten.

„Unilever wird nicht mehr in Plattformen investieren, die Kinder nicht schützen und eine Spaltung der Gesellschaft verursachen“, erklärte Marketingchef Keith Weed, der von einem „Sumpf“ sprach. Da IT-Konzerne illegales, unethisches und extremistisches Verhalten auf ihren Plattformen augenscheinlich nicht ausreichend unterbinden, sei das Vertrauen in die sozialen Medien „auf einem neuen Tiefstand“, erklärte Weed. Er betonte, dass es in Zeiten von „Fakenews“ und „toxischen Online-Inhalten“ mehr Transparenz bedürfe. Auch um die eigenen Marken – hierzu gehören Langnese, Becel, Knorr oder Axe – zu schützen, müssten die sozialen Medien im Jahr 2018 Vertrauen zurückgewinnen.

Die IT-Konzerne gaben sich hieraufhin reumütig. „Wir unterstützen das Engagement von Unilever und arbeiten eng mit der Firma zusammen“, erklärte Facebook auf Nachfrage. Den Zielen des Konzerns, der nun die Werbung auf der Plattform einstellen will, „sollten wir alle uns verpflichten“, hieß es weiter. „Es ist wichtiger, unsere Gemeinschaft zu schützen, als unsere Gewinne zu maximieren“, erklärte Facebook.

So habe Facebook bereits zahlreiche Schritte unternommen, um beispielsweise mit Hilfe unabhängiger „Fact-Checking-Organisationen“ die Verbreitung von Falschnachrichten einzudämmen. Jedoch würden die Herausforderungen über Facebook hinausgehen, betonte der Konzern. „Daher arbeiten wir mit anderen Firmen und Regierungen zusammen, um die schwierigsten Probleme anzugehen – von Falschnachrichten bis hin zu unangemessenen Inhalten.“

Google reagierte ähnlich auf die Kritik von Unilever-Marketingchef Keith Weed. „Keith hat uns und die Branche immer dazu ermutigt, uns zu verbessern“, erklärte der Konzern angesichts der harschen Kritik auf Nachfrage. „Es gibt nichts, was wir ernster nehmen, als das Vertrauen und die Sicherheit unserer Nutzer, Kunden und Partner. Wir werden weiterhin daran arbeiten, uns dieses Vertrauen jeden Tag zu verdienen.“

Wer wirbt noch auf Facebook?

Das Bundespresseamt erklärte auf Nachfrage von MedWatch, es habe auf den Auftritten der Bundesregierung auf Facebook, Twitter oder Youtube keine finanzielle Mittel für Werbung aufgewendet. Unklar ist jedoch, inwieweit dies auch auf die einzelnen Ministerien zutrifft. „Für Informationen zu den Werbeausgaben der Ministerien müssten Sie direkt bei den Ressorts anfragen“, erklärt ein Sprecher lediglich.

Share This