Was genau suchen Patienten bei Dr. Google? Und warum und wann suchen Menschen Gesundheitsinformationen im Netz? Erkennen sie, ob sie gerade eine seriöse News lesen oder „Fakenews“ vor sich haben? Vertrauen sie ihren Ärzten wirklich nicht – oder zu wenig?

Die Bertelsmann Stiftung hat untersucht, wie sich Patienten online über gesundheitliche Beschwerden und Krankheiten informieren. Psychologen des Rheingold-Instituts führten im Auftrag der Stiftung 36 Tiefeninterviews und erhielten Aussagen wie

„Die Ärzte hassen ja die aufgeklärten Patienten. Man darf nie direkt zeigen, was man alles gelesen hat. Aber ich versuche dann so zu fragen, dass es in die Richtung geht.“

Ergänzt wurde die qualitative Untersuchung durch eine repräsentative Emnid-Umfrage. In einer standardisierten Telefonbefragung von 1.074 deutschen Internetnutzern im Alter zwischen 18 und 80 Jahren untersuchte das Meinungsforschungsinstitut, welche Bedeutung das Internet als Ratgeber in Gesundheitsfragen hat. Die nach Alter, Geschlecht, Bildungsstand, Haushaltsgröße, Region und Erwerbsstatus gewichtete Stichprobe ist laut Emnid repräsentativ für die deutsche Bevölkerung.

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick

Menschen haben oft soziale und kommunikative Gründe, wenn sie mit gesundheitlichen Fragen ins Netz gehen: Sie suchen nicht nach mehr Informationen, sondern nach Trost, Zuspruch oder Beruhigung. Gesundheitliche Selbsthilfe oder auch die Überprüfung und Ergänzung ärztlicher Informationen spielen eine weitere wichtige Rolle.

Spezialisierte Websites (zumindest, wenn sich ein Mensch zum ersten Mal ins Netz geht) haben dabei eine geringere Bedeutung als umfangreiche Quellen wie Online-Lexika, Gesundheitsportale oder Websites von Krankenkassen. Öffentlich finanzierte Websites werden vielfach nicht als vertrauenswürdiger eingestuft als kommerzielle.

Nur zunächst erstaunlich: 52 Prozent der Patienten, die das Internet bei Gesundheitsfragen nutzen, sind mit dem Ergebnis ihrer Suche zufrieden. 49 Prozent betrachten die Webrecherche als gute Ergänzung zu den Aussagen ihres eigenen Arztes. Dennoch sagen 65 Prozent, im Netz seien vertrauenswürdige Informationen schwer zu erkennen. Jeder Zweite ist der Ansicht, dass die Informationsfülle und das wachsende Angebot an Gesundheitsinfos Patienten verunsicherten, beunruhigten und verwirrten.

Mehrfaches Lesen oder Hören einer Information auf verschiedenen Internetseiten wird häufig als Bestätigung für deren Richtigkeit gewertet: Bekanntes wird als vertrauenswürdig gewertet. Schon das zweimalige Auffinden einer Information reicht, um ihre Glaubwürdigkeit deutlich zu erhöhen, heißt es in der Studie. Kein Proband der Tiefeninterviews habe bei der Online-Suche darüber nachgedacht, ob gefundene Informationen wissenschaftlich fundiert sind.

„Ich nehme immer die ersten drei Treffer, weil ich denke das sind die besten.“

Verzerrte Wahrnehmung: In den Tiefeninterviews zeigt sich, dass Patienten den Suchergebnissen bei Google und Rankings quasi bedingungslos vertrauen. Liefert Google einmal nicht die erwarteten Ergebnisse, entschuldigen Patienten dies mit ihrer eigenen falschen Suchstrategie. Ein gefährlicher Trugschluss, der von mangelnder Medienkompetenz zeugt, schreibt die Bertelsmann Stiftung. Dass die Probanden auch laut den Tiefeninterviews die Quelle einer Information nur in Ausnahmefällen hinterfragen, verstärkt die Annahme, dass dem Web oft blind vertraut wird.

Eine große Diskrepanz besteht zwischen der Bekanntheit von Gesundheits-Websites und der Einschätzung, wie vertrauenswürdig diese sind. Während einige Angebote zwei von drei oder mehr Nutzern bekannt sind, liegt die Quote der als vertrauenswürdig eingestuften Angebote deutlich niedriger und bei neun der elf vorgegebenen Portale unter 50 Prozent. Bemerkenswert ist, dass darunter auch Websites sind, die von durchaus verlässlichen Einrichtungen stammen. Darüber hinaus werden Angebote ähnlich vertrauenswürdig eingestuft, die Verbraucherschutzeinrichtungen als sehr problematisch bewerten. Für viele sind die Informationsangebote im World Wide Web intransparent und unübersichtlich.

Patienten und Arzt: Ein neues Verhältnis

Wenn Patienten sich von ihrem Arzt ungenügend informiert oder auch emotional im Stich gelassen fühlen, dann versuchen sie oftmals, die offenen Fragen im Netz zu stellen und so das Gesprächsbedürfnis zu kompensieren. Insbesondere nach der Diagnose einer schweren Erkrankung ziehen Menschen das Internet zurate. Sie suchen Halt und Hilfe, um den Befund zu verarbeiten, schreiben die Mitarbeiter der Bertelsmann Studie: „Foren und Netzwerke mit Gleichgesinnten bieten Trost und Kraft. Das Netz wiegt Defizite der realen Ärzte auf, die sich zu wenig Zeit nehmen (können) oder keine ausreichenden kommunikativen Kompetenzen haben.“

Nach dem Arztbesuch gehen etwas mehr Nutzer ins Internet als vor dem Besuch. Gründe hier: Der Arzt hatte zu wenig Zeit (22%), hat sich nicht patientengerecht und verständlich ausgedrückt (34%).

Gegenüber ihrem Arzt verschweigen 30 Prozent der Befragten, dass sie sich bereits im Netz informiert haben, was durchaus auf ein gestörtes Vertrauensverhältnis zwischen manchen Ärzten und Patienten hindeutet, so die Bertelsmann Stiftung.

Nur eine Minderheit der Befragten gibt an, dass Ärzte sich eher geärgert haben, wenn sie als Patient im Gespräch ihre Internetinformation eingebracht haben. Umgekehrt erklärte dann aber nur jeder Vierte, dass der Arzt eine positive Reaktion auf die Internetinitiative des Patienten gezeigt hat.

Ärzte zeigen eine zurückhaltende Position gegenüber Gesundheitsinformationen aus dem Netz: Zwar raten nur sehr wenige Ärzte explizit von einer eigenständigen Informationssuche im Netz ab, aber es sind auch nicht viele Mediziner, die hier entschieden zuraten. Dass jeweils fast die Hälfte der Ärzte auf gute Informationsquellen hinweist oder den Patienten sogar Materialien mitgibt, ist dagegen positiv zu vermerken – auch wenn es noch Luft nach oben gibt, schreibt die Bertelsmann Stiftung: Ärzte, die skeptisch sind hinsichtlich der Seriosität der im Netz verbreiteten Informationen über Diagnosen und Therapien, sollten nicht zögern (wie es derzeit jeder Zweite tut), den Patienten vertrauenswürdige Materialien mitzugeben oder zumindest auf seriöse Seiten zu verweisen.

Fazit: Die Experten der Bertelsmann-Stiftung stellen eine ambivalente Bewertung der Internetinformationen zu Gesundheitsfragen fest: Nutzer sind zwar zufrieden, dass ihnen diese zusätzliche Möglichkeit der Information grundsätzlich zur Verfügung steht, doch sie bemängeln die konkrete Ausgestaltung: Die Fülle der Informationen verwirren manche Nutzer, und überdies ist wenig transparent, wie vertrauenswürdig die Informationen sind.

 

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