Vitamin D Das Sonnenscheinpräparat im Schatten des Geldes

Foto: Candid Shots, Pixabay
Mit Blick in die Sonne: Vitamin D. Foto: Candid Shots, Pixabay

Zur Wirkung von Vitamin D kursieren im Internet eine Menge Gerüchte und Empfehlungen für Pillen und Pulver. In der Diskussion um den Nutzen und die Wirkung gehen die Argumente oft durcheinander. Das könnte auch an den finanziellen Interessen einiger Beteiligten liegen. MedWatch hat sich die Vitamin-D-Szene einmal genauer angesehen.

Vitamin D soll gegen Krebs und Depressionen helfen, die Stimmung aufhellen, Alzheimer mildern – zu guter Letzt sogar vor einer COVID19-Infektion schützen. In den meisten Fällen treffen diese Aussagen jedoch nicht oder nur teilweise zu. Oft werden wichtige Einschränkungen unterschlagen. Um so schöner, wenn Webseiten es sich zur Aufgabe machen, solche Versprechungen gezielt zu hinterfragen. Aber tun sie das wirklich?

„Wissenschaftliche Fakten – klar und übersichtlich zusammengefasst. Hier werden Behauptungen hinterfragt und Tatsachen auf Grundlage aktueller, wissenschaftlicher Erkenntnisse erklärt“, verspricht etwa die Webseite SonnenAllianz. Die Website wird unter anderem durch Spenden auf betterplace.org finanziert. Die Qualitätssicherung erfolgt durch ein „internationale(s) Expertenteam aus dem Umfeld von Medizin und Therapie“ wie es auf der Homepage heißt. Hinter der Seite steckt der Nuklearmediziner, Buchautor und selbsternannte Präventionsexperte Jörg Spitz. Und: Vitamin D scheint eines seiner Lieblingsthemen zu sein, so hat er bereits fünf Ratgeber zu dem Vitamin veröffentlicht. Zudem betreibt er ein ganzes Netzwerk aus verschiedenen Internetseiten, die sich allesamt um Vitamin D und weitere Nahrungsergänzungsmittel drehen, etwa die Akademie für menschlichen Medizin (AMM). Die GmbH machte in 2019 einen Umsatz von 225.000 Euro – Spitz ist ihr alleiniger Mitarbeiter. Doch dazu später mehr.

Vitamin D: Das Super-Molekül

Zunächst zur Einordnung: Vitamin D ist ein Oberbegriff für sogenannte Calciferole, eine Gruppe fettlöslicher Vitamine wie Vitamin D2 und Vitamin D3. Im Körper sind sie an einer Reihe von Stoffwechselvorgängen beteiligt, wirken auf das Immunsystem und fördern die Kalziumaufnahme im Knochen. Das Gros der D-Vitamine stellt unser Körper durch die UV-B-Strahlung der Sonne im Freien selbst her. Einen geringeren Teil nehmen wir über die Ernährung mit beispielsweise fettem Fisch, Milchprodukten, Eiern und einigen Pilzen auf. Unser Vitamin-D-Haushalt unterliegt deshalb saisonalen Schwankungen. Im Winter muss der Körper mit den Reserven auskommen, die er im Sommer aufbaut. Aus Angst vor einem Mangel schlucken viele Menschen daher Vitamin-D-Tabletten.

Spitz und seine Autoren und Autorinnen der SonnenAllianz setzen derweil viel daran, die Bevölkerung von der immensen Wirkung des Vitamins zu überzeugen. Den präventiven Nutzen von Vitamin D belegen sie mit zahlreichen Studien. Darunter ist etwa eine Untersuchung aus Pakistan. Sie stammt aus dem Jahr 2020 und ergab, dass Frauen, die ein Jahr vor Studienteilnahme Vitamin D zu sich nahmen, ein um 68 Prozent verringertes Brustkrebsrisiko hatten als diejenigen, die das Vitamin nicht ergänzten.

Vitamin D-Startseite der “SonnenAllianz”. (Screenshot)

„Bei pakistanischen Frauen, bei denen Vitamin-D-Mangel häufig vorkommt, ist die Erhöhung und Aufrechterhaltung von Vitamin D im Serum auf Bevölkerungsebene eine sichere und erschwingliche Strategie“, schlussfolgern die Autoren und Autorinnen der SonnenAllianz.

In den Quellenangaben befindet sich auch ein Link zu der vielversprechenden Studie. Einmal darauf geklickt, gelangt man jedoch nicht zu der Untersuchung aus Pakistan, sondern zu einer aus Deutschland – untersucht wird hier nicht der Zusammenhang von Vitamin D und Brustkrebs, sondern der zwischen Vitamin D und dem Hodgkin-Lymphom, einer bösartigen Erkrankung des lymphatischen Systems.

Vitamin-D-Studie: Ergebnisse nicht einfach übertragbar

Die pakistanische Studie ist aber keine Erfindung. Per Suchmaschine lässt sie sich tatsächlich recht leicht finden. Das Fazit der SonnenAllianz, dass Probandinnen, die Vitamin D einnahmen ein geringeres Risiko hatten, an Brustkrebs zu erkranken, stimmt ebenfalls. „Typisch für derartige Studien ist, dass die biochemischen und physiologischen Wirkungen von Vitamin D völlig korrekt geschildert werden – weil das unstrittig ist“, sagt Martin Smollich vom Institut für Ernährungsmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein.

„Das Problem liegt allerdings in der Schlussfolgerung. Denn bei der Untersuchung handelt es sich um eine reine Beobachtungsstudie.“ Kausalitäten ließen sich aus solchen Untersuchungen grundsätzlich nicht ableiten: „Nur weil ein Krebspatient einen niedrigen Vitamin-D-Spiegel hat, bedeutet das nicht, dass dieser den Tumor verursacht hat“, erklärt Smollich. Genauso gut könnte der Mangel durch die Erkrankung auftreten. Das gelte auch für andere Krankheiten wie etwa Diabetes oder Atemwegsinfektionen. „Ein Mensch kann einen Vitamin-D-Mangel haben und dadurch anfälliger für die Erkrankung sein“, sagt Smollich. „Er kann aber auch den Infekt haben und dadurch den Mangel entwickeln.“

Jüngste Studienauswertungen kommen ebenfalls zu dem Schluss, dass es bislang keinen Beleg gibt, dass Vitamin D vor Krebs schützt.

(DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR ERNÄHRUNG)

Den Studienautoren und -autorinnen aus Pakistan ist das bewusst. Sie weisen deshalb selbst darauf hin, dass ihre Ergebnisse noch einmal in einem größeren Setting untersucht werden müssen. Auf die generelle Bevölkerung ließen sich die Ergebnisse nicht übertragen. Was auch daran liegt, dass sie den Vitamin-D-Haushalt nur einmal maßen. Ein Vitamin-D-Mangel lässt sich jedoch nur diagnostizieren, wenn das Vitamin über einen längeren Zeitraum im Körper fehlt.

Insgesamt ist die Studienlage zum Thema Krebs und Vitamin D tatsächlich ernüchternd. Ein geringer Vitamin-D-Spiegel scheint bei einigen Krebsarten zwar öfter aufzutreten, die Kausalität ist jedoch unklar. Metaanalysen, also systematische Zusammenfassungen verschiedener Studien, kommen daher zu dem Schluss, dass die Einnahme von Vitamin D die Möglichkeit, Krebs zu entwickeln, nicht senkt.

Bei Menschen mit bestehendem Vitamin-D-Mangel, die an bösartigen Tumoren erkranken, könne eine Vitamin-D-Gabe allerdings das Sterberisiko senken. „Wenn Krebspatienten optimal mit Vitamin D versorgt sind, haben sie weniger Komplikationen, kommen besser durch die Therapie und haben insgesamt eine bessere Prognose“, sagt auch Smollich. Das bedeute aber nicht, dass eine prophylaktische Vitamin-D-Einnahme vor Krebs schützen würde. Jüngste Studienauswertungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) aus dem Jahr 2020 kommen ebenfalls zu dem Schluss, dass es bislang keinen Beleg gibt, dass Vitamin D vor Krebs schützt.

Vitamin D im „Corona Spezial”: Studien zurückgezogen

„Das Problem ist, dass Vitamin D direkt oder indirekt an jedem Prozess im Körper beteiligt ist“, sagt Smollich, dessen Forschungsschwerpunkt Nahrungsergänzungsmittel und Mikronährstoffe sind.  Studien, egal ob  mit Tieren im Labor oder mit Menschen, zeigten daher praktisch immer einen Effekt. „Die Frage ist dann, wie man diesen Effekt interpretiert”, sagt Smollich.

Untersuchungen an Mäusen oder Zellkulturen ließen sich beispielsweise nicht einfach auf den Menschen übertragen. Und Studien wie die aus Pakistan dienten ohnehin lediglich dazu, Hypothesen zu generieren. Diese müssten dann aber in größeren Settings und mit sogenannten klinischen, randomisierten und kontrollierten Doppelblindstudien überprüft werden. Doppelblind bedeutet, dass weder Forschende noch Teilnehmende wissen, wer das Placebo bekommt und wer das Vitamin-D-Supplement schluckt. So wird verhindert, dass innere Einstellungen und Erwartungen die Ergebnisse verfälschen.

Besonders kritisch wird es auf der Webseite der SonnenAllianz unter dem Menüpunkt „Aktuelles“. Hier findet sich ein sogenanntes „Corona Spezial“. In diesem gibt es einen Beitrag eines Autors namens Stefan Schütz. Um den präventiven Nutzen von Vitamin D im Falle einer COVID-19-Infektion zu belegen, zitiert er eine sogenannte Echtzeit-Metaanalyse. Im Gegensatz zu Untersuchungen in Zeitschriften werde diese laufend durch die neuesten Studien aktualisiert. Die Metaanalyse sei damit nicht statisch, sondern dynamisch, schreibt Schütz.

Nach Begutachtung der Arbeit zieht er das Fazit: „Das Ziel, die Anzahl der Toten und kritischen Verläufe deutlich zu senken, kann mit Vitamin D erreicht werden. Man müsste es nur anwenden: Mit Vitamin D hätte man die Krise im Griff!“ Vitamin D solle daher nicht erst in der Klinik verabreicht werden: „Jeder sollte es immer zu Hause vorrätig haben.“ Mit Krise meint Schütz die derzeitige Pandemie. Smollich hat sich die „Echtzeit-Metaanalyse“ für MedWatch genauer angeschaut. Was ihm gleich auffiel: Die Ergebnisse beruhen teilweise auf Studien, die methodisch entweder sehr umstritten sind oder auf Analysen basieren, die aufgrund von statistischen Fehlern inzwischen zurückgezogen wurden.

Spitz bittet um Spenden für seine Sonnenallianz.
Spitz bittet um Spenden. (Screenshot: MedWatch)

Die Untersuchung der Wissenschaftlerin Marta Entrenas Castillo zeigt beispielsweise, dass von den 50 Menschen, die wegen einer COVID-19-Erkrankung im Reina-Sofia-Krankenhaus in Córdoba behandelt wurden und zusätzlich zur Standardtherapie Vitamin D erhielten, nur eine Person auf der Intensivstation landete. In der Kontrollgruppe mit 26 Patienten und Patientinnen, die kein Vitamin-D-Präparat erhielten, musste hingegen gut die Hälfte intensivmedizinisch behandelt werden, zwei von ihnen starben.

Das Problem: In der Gruppe ohne Vitamin-Gabe hatten die Menschen mehr Vorerkrankungen wie Bluthochdruck und Diabetes – beides Risikofaktoren für einen schweren COVID-19-Verlauf. Verwunderlich, dass dies in der selbsternannten „Echtzeit-Metaanalyse“ nicht berücksichtigt oder zumindest angesprochen wurde. „Viele Menschen halten Metaanalysen für den Goldstandard, weil darin sehr viele Einzelstudien zusammengefasst werden“, sagt Smollich. „Doch auch Metaanalysen können nur so aussagekräftig sein, wie es die Methodik der eingeschlossenen Studien hergibt.“

Vitamin-D-Studie: Im Nachhinein korrigiert

Schütz selbst bezeichnet sich auf seiner Webseite als Wirtschaftsinformatiker, Journalisten und „zukünftigen Buchautor“. Ob das stimmt, lässt sich schwer nachprüfen. Im Internet lassen sich zumindest keine journalistischen Artikel von ihm finden. Dafür darf man auf seiner Homepage für die Fertigstellung seines Buches zu COVID-19 und Vitamin D spenden. Er verspricht, dass die Quellen seines Buches so ausgewählt sind, „dass sie möglichst gut zugänglich und verständlich sind.“ Er werde daher unter anderem auch mehrmals auf die SonnenAllianz verweisen.

Auf Anfrage von MedWatch antwortet Schütz: „Ich bin nicht Autor der Echtzeit-Meta-Analyse, sondern Journalist und berichte über diese. Dabei beschränke ich mich jedoch nicht auf eine reine Übersetzung oder Wiedergabe, sondern analysiere diese auch selbst und ergänze sie um eigene Gedanken.“

Schütz kennt die Kritk an der Studie von Castillo. Für ihn ist sie dennoch „statistisch“ relevant. Außerdem passten die Ergebnisse gut ins Bild der Vitamin-D-Forschung. Der Allgemeinmediziner Dr. von Helden habe die Studie zudem im Nachhinein korrigiert, berichtet Schütz. Das heißt, er rechnete vier Patienten aus der Studie heraus. Und nach dieser „Bereinigung“ sei die Untersuchung weiterhin signifikant. In der Wissenschaft gelten solche Korrekturen allerdings als unseriös. Dr. von Helden ist außerdem nicht nur Mediziner, er bietet über die AMM auch sogenannte Vitamin-D-Sprechstunden an.

Auf die Kritik an der Nogues-Studie antwortet Schütz, dass diese, als er den Artikel für die SonnenAllianz schrieb, noch nicht Teil der Metaanalyse  war. Warum die Studienautoren und -autorinnen den Fehler bislang nicht korrigierten, weiß er nicht: Die Echtzeit-Meta-Analyse sei ein „ehrenamtliches Projekt, das Korrekturen nicht immer umgehend einfügen kann, insbesondere wenn es dafür keine Routine gibt und dies nicht automatisiert wurde.“

Für mehr Informationen zur Studie empfiehlt Schütz das FAQ der Homepage vdmeta.com, auf der die „Echt-Zeit-Meta-Analyse“ veröffentlicht ist. Wer genau die Metaanalyse verfasst hat, verrät dies allerdings nicht. Stattdessen beschreiben sich die Studienautoren und -autorinnen kryptisch als „PhD researchers, scientists, people who hope to make a contribution, even if it is only very minor”, die ihren Namen nicht in der Öffentlichkeit sehen möchten. Nicht mal der Betreiber der Webseite wird auf vdmeta.com kenntlich gemacht. Ihr Twitter-Account wurde ebenfalls gesperrt.

Für Christiane Seidel vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) ist diese fehlende Transparenz ein Zeichen „von mangelnder Seriosität“. Ob die Studien, auf die hier verwiesen wird, richtig zitiert werden und wissenschaftlich haltbar sind, kann sie nicht beurteilen. Seidel kritisiert jedoch, dass die Ergebnisse kompliziert dargestellt werden. Damit wird es Verbrauchern erschwert, die Behauptungen auf der Seite nachzuvollziehen.

Vitamin D als Corona-Retter? Datenlage unzureichend

Dafür spricht auch die Einschätzung des Bundesinstitutes (BfR) für Risikobewertung. In einer Meldung vom 15. Februar 2021 heißt es: „Es sind dem BfR derzeit keine Studien bekannt, die belegen, dass die Einnahme von Vitamin-D-Präparaten vor einer Infektion mit diesem Virus bzw. vor der Auslösung der Erkrankung schützt. Es ist wissenschaftlich unstrittig, dass Vitamin D zur normalen Funktion des Immunsystems beiträgt und dass eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung wichtig für die Gesundheit ist. Das heißt aber nicht, dass man deshalb vorbeugend und ohne ärztliche Kontrolle hoch dosierte Vitamin-D-Präparate zu sich nehmen sollte. Fallberichte weisen darauf hin, dass die eigenständige Einnahme von Vitamin-D-Präparaten in sehr hohen Dosen gesundheitliche Risiken bergen kann.“

Spitz selbst, auf deren Seite Schütz‘ Beitrag veröffentlicht ist, will die Kritik so wenig wie dieser selbst nicht gelten lassen. Er bezieht sich stattdessen auf die sogenannten „Bradford-Hill-Kriterien“. Diese wiesen darauf hin, dass für die Beurteilung der Evidenz von Lebensstilmaßnahmen die „klassischen Pharma-Kriterien“ (doppelblind, randomisiert, Placebo kontrolliert etc.) nicht allein gelten könnten. Der Epidemiologe und Statistiker Bradford Hill hat 1965 deshalb neun Kriterien veröffentlicht, die dabei helfen können, Kausalitätszusammenhänge anhand bloßer Beobachtungsstudien zu bewerten.

Das BfR stimmt Spitz zu, dass „Wirkaussagen zu Nährstoffen auch auf Basis von Beobachtungsstudien beziehungsweise epidemiologischen Studien evidenzbasiert beurteilt werden können.“ Die Anwendung der „Bradford-Hill-Kriterien“ könne bei der Beurteilung helfen. Zu Vitamin D in Zusammenhang mit COVID-19 liegen laut BfR auch zahlreiche Beobachtungstudien vor.

Um eine Ursache-Wirkungs-Beziehung abzuleiten, sei die Datenlage dennoch unzureichend. Gründe dafür sind unter anderem das unterschiedliche Studiendesign und die Studiendurchführung. Außerdem wurden weitere Risikofaktoren für eine COVID-19-Erkrankung zum Teil nur unzureichend berücksichtigt, darunter hohes Alter, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus, Adipositas und Bluthochdruck.

Klickt man sich durch das Angebot, findet man ziemlich schnell Produkte, die die Kennzeichnungspflichten nicht einhalten und mit dubiosen Health Claims werben.

(Christiane Seidel vom Bundesverband der Verbraucherzentrale)

„Es ist wissenschaftlich unstrittig, dass eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung zur normalen Funktion des Immunsystems beiträgt. Auch zeigen Studien, dass Menschen mit einer unzureichenden Vitamin-D-Versorgung ein erhöhtes Risiko für akute Atemwegsinfekte aufweisen und von der Gabe von Vitamin-D-Präparaten profitieren. Für Personen mit einem adäquaten Vitamin-D-Status konnte ein solcher Nutzen bisher nicht belegt werden. Eine generelle Empfehlung zur Vorbeugung von akuten Atemwegserkrankungen durch die Einnahme von Vitamin D-haltigen Präparaten ist daher derzeit evidenzbasiert nicht begründbar”, schreibt das BfR.

Auf der Webseite der SonnenAllianz werden die Zweifel des BfR jedoch an keiner Stelle erwähnt. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass Studien auf Basis der Bradford-Hill-Kriterien bewertet werden. Was schade ist, da die „Bradford-Hill-Kriterien“ keine Voraussetzungen für eine Kausalität sind, sondern lediglich bei der kritischen Einschätzung helfen können.

Jörg Spitz: Das Vitamin-D-Imperium

Die SonnenAllianz selbst gehört übrigens zur bereits erwähnten Akademie für menschlichen Medizin (AMM). Diese bezeichnet sich als Informationsplattform für Prävention und ganzheitliche Medizin. Neben Informationen zu Vitamin D bietet die AMM auch unzählige Artikel etwa über „die Selbstheilungskräfte des Gehirns“ und gibt Veranstaltungshinweise zu Kongressen und Webinaren. Gründer der AMM ist abermals Jörg Spitz.

Tatsächlich ist die AMM keine reine Informationsplattform: Die GmbH ist eine Art Webshop für digitale Produkte rund um Vitamin D und andere oft teure Nahrungsergänzungsmittel. Auch bei Spitz‘ SonnenAllianz lassen sich immer wieder Rabattgutscheine und Links zu ausgewählten Produkten finden.

Verbraucherschützerin Seidel hat sich die Produkte genauer angeschaut: „Klickt man sich durch das Angebot, findet man ziemlich schnell Produkte, die die Kennzeichnungspflichten nicht einhalten und mit dubiosen Health Claims werben.“ Mit „dubiose Health Claims“ meint die Verbraucherschützerin Werbung für Lebens- und Nahrungsergänzungsmittel, die einen Gesundheitsnutzen versprechen, der wissenschaftlich nicht belegt ist. Solche Werbung ist in Deutschland untersagt und kann rechtlich abgemahnt werden. „In diesem Fall ist das allerdings schwierig“, sagt Seidel. Betreiber Spitz verweist nämlich ganz klar darauf, dass er die Produkte nicht selbst anbietet, sondern nur weiterleitet und empfiehlt. „Spitz tritt daher nicht selbst als Lebensmittelunternehmer auf“, sagt die Verbraucherschützerin.

Einige der Anbieter sitzen zudem gar nicht in Deutschland, sondern in Österreich. In solchen Fällen können deutsche Behörden in der Regel nicht tätig werden. Ein Problem, das bei der unsachgemäßen Vermarktung von Nahrungsergänzungsmitteln im Internet häufig vorkommt.


Auf die Kritik angesprochen, reagiert Spitz entspannt. Die Produktwerbung dienten „der weiteren Wissensvermittlung (zur Beschaffung von Ressourcen) und nicht dem Verkauf“, sagt er. Verbraucherschützerin Seidel kann dieses Argument nicht nachvollziehen: „Wenn es Herrn Spitz tatsächlich nur um Wissensvermittlung geht, wieso veröffentlicht er dann Rabattcodes auf seiner Seite für Produkte, die er ,empfiehlt‘?“, fragt sie. Ihr scheint das nicht ganz frei von ökonomischen Interessen zu sein.

Zu der Kritik, dass es auf seinen Seiten „Health Claimes“-Aussagen gebe, die aber nicht belegt sind, antwortet Spitz, dass er dankbar sei, wenn man ihm die entsprechenden Produkte einfach nenne. Dann könne er selbstverständlich tätig werden.

Zur AMM gehört auch Spitz‘ Deutsche Stiftung für Gesundheitsinformation und Prävention (DSGIP). Sowie die Initiative Kompetenz statt Demenz. Laut dieser begünstigt Vitamin-D-Mangel den kognitiven Verfall sowie das Risiko, eine Demenz zu entwickeln. Für nähere Information empfiehlt die Webseite natürlich: die SonnenAllianz. Spitz hat sich offenbar seinen ganz eigenen Kosmos aufgebaut.

„Tatsächlich ist der Einfluss von Vitamin D auf das Risiko für Demenz einschließlich Morbus Alzheimer ebenso wenig belegt wie die Abnahme der kognitiven Leistungsfähigkeit“, sagt Antje Gahl von der DGE nach der Auswertung systematischer Übersichtsarbeiten. Ein Zusammenhang sei zwar möglich, der Nutzen von Vitamin-D-Gaben zur Prävention wissenschaftlich jedoch nicht bewiesen.

Instagram: Influencerin preist Vitamin D an

Mit seiner Euphorie für Vitamin D ist Spitz nicht alleine: Auf sozialen Plattformen wie Facebook oder Instagram wird der Nutzen von Vitamin D ebenfalls fleißig beworben. Ein Beispiel ist „dr.baiba.babiel”“. In einem Beitrag berichtet die „Anästhesistin und zweifache Mutter, dass Menschen mit niedrigem Vitamin D Spiegel, ein höhere Risiko haben, eine Depression zu entwickeln.

Das Problem ist das Gleiche wie bei den bereits zitierten Krebs-Studien: Ein niedriger Vitamin-D-Spiegel geht Studien zufolge zwar oft mit Depressionen einher. Und tatsächlich sind Depressionen auch ein Symptom für einen schweren Vitamin-D-Mangel. Das bedeutet aber nicht, dass Vitamin D grundsätzlich Depressionen vorbeugen kann. Ebenso wenig wirkt Vitamin D bei Menschen mit Depressionen antidepressiv, wenn diese gar keinen Vitamin-D-Mangel aufweisen. Selbst eine umgekehrte Kausalität kann im Einzelfall eine Rolle spielen: Menschen mit depressiven Symptomen sind meist antriebslos und gehen daher weniger raus – tanken also weniger Sonne. Die National Institutes of Health wie auch die DGE kommen nach Durchsicht der Studienlage daher zu dem Schluss, dass sich bislang nicht belegen lässt, dass Vitamin-D-Präparate zur Vorbeugung oder Behandlung von depressiven Symptomen oder leichten Depressionen beitragen.

Bei Instagram hat „dr.baiba.babiel“ auch ihre Homepage verlinkt. Ein Click führt jedoch erst einmal auf einen Linktree (eine Webseite mit mehreren Links zur Auswahl). Darunter: Ein Zehn-Euro-Gutscheincode für ein bestimmtes Vitamin-D-Produkt eines Unternehmens, das Nahrungsergänzungsmittel verkauft. Gesundheitsempfehlungen und finanzielles Interesse geraten also auch hier durcheinander. Auf die Frage, ob sie für die Werbung Geld bekommt, antwortet Babiel nicht. Ebenso wenig auf die kritische Nachfrage zu dem von ihr propagierten Zusammenhang zwischen Vitamin D und Depressionen.

Tatsächlich wird mit Vitamin D viel Geld verdient – allein, wenn man sich bekannte Auswertungen aus den Apotheken ansieht: Im Jahr 2019 erzielte der Verkauf von Vitamin D und Vitamin A in den Pharmazien einen Umsatz von etwa 108 Millionen Euro. Nicht mitgerechnet sind dabei die Verkäufe in Drogeriemärkten oder im Internet. Zwischen Januar und März 2020 legte der Verkauf der beiden Vitamine über die Apotheken sogar um 35 Prozent zu – was vermutlich an der COVID19-Pandemie liegt.

Vitamin-D-Fan: Partner der Indoor-Bräunungsindustrie

Ambitionierter Verfechter von Vitamin D ist auch der Physiker William B. Grant. Er hat das Sunlight Nutrition and Health Research Center gegründet. Der Name ist ambitioniert: Er scheint tatsächlich der einzige Mitarbeiter zu sein. Laut einem Artikel im Ärzteblatt wird Grants Arbeit finanziell von Firmen unterstützt, die mit dem Verkauf von Vitaminen Geld verdienen. Grant ist außerdem Buchautor – einer seiner beliebtesten Co-Autoren ist Jörg Spitz.

Ein anderes bekanntes Gesicht ist Michael Holick. Der Endokrinologe hat zig Artikel zum Thema Vitamin D geschrieben und in mehreren wissenschaftlichen Veröffentlichungen vor einer „Vitamin-D-Mangel-Pandemie“ gewarnt. Auch er wird gern von Spitz zitiert. Holick vertrete die Überzeugung, dass „Vitamin-D-Mangel in allen Altersgruppen sehr häufig ist“, berichtete die New York Times. Dementsprechend sollte viel auf Vitamin D getestet werden. Dies mache er offenbar nicht ganz uneigennützig: Holick nutze seine Position, um andere Unternehmen zu unterstützen – darunter Arzneimittelhersteller und Firmen der Indoor-Bräunungsindustrie. Das ergab eine Untersuchung der Kaiser Health News für die New York Times. Hollick selbst soll von den Unternehmen „Hunderttausende von Dollar“ bekommen haben. In einem Interview meinte er jedoch, dass ihn das nicht beeinflusse, wenn er über die gesundheitlichen Vorteile von Vitamin D spreche.

Offensichtlich treffen hier Interessen aufeinander. Auf der einen Seite die Befürworter von Vitamin-D-Präparaten, die nicht müde werden, vermeintliche Verbindungen zu Erkrankungen zu konstruieren; auf der anderen Seite diejenigen, die sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützen und vor der übermäßigen Einnahme solcher Präparate warnen. Aus Sicht der Befürworter sind aber letztere „Teil des Systems“, denn eine beliebte Kritik lautet: : Der vorbeugende Nutzen von Vitamin D ist noch nicht belegt, weil Zulassungsstudien meist von Pharmafirmen finanziert werden. Die steckten ihr Geld allerdings lieber in der Erforschung teurer Arzneimittel. Pharmakologe Smollich findet diese Kritik „absolut naiv“.

„Auch Hersteller von Vitamin-D-Präparaten produzieren nicht aus altruistischer Nächstenliebe, sondern ganz einfach deshalb, weil sich damit leicht Geld verdienen lässt. Sie haben das gleiche ökonomische Interesse wie Pharmafirmen.“ Ohnehin werde ein Großteil der Nahrungsergänzungsmittel von genau diesen Pharmafirmen hergestellt, gegen die sich die Kritik richtet. Dazu kommt noch etwas Anderes: „Da die Hersteller von Vitamin D – anders als Arzneimittelhersteller – ja keine Wirksamkeitsstudien durchführen und Zulassungen beantragen müssen, haben sie keine Kosten für Forschung und Entwicklung und können daher ihr gesamtes Budget ins Marketing werfen“, erklärt Smollich.

Vitamin D-Einnahme: Bei Risikogruppen und Menschen mit nachgewiesenem Mangel

Martin Smollich, Institut für Ernährungsmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein

Ihm selbst werde häufig unterstellt, dass er per se gegen die Einnahme von Vitamin D sei. Sobald er sich öffentlich kritisch zu dem Vitamin äußert, quelle sein E-Mail-Postfach über und das Telefon stehe nicht mehr still. „Da folgt eine Beschimpfung und Beleidigung der nächsten“, berichtet der Ernährungsexperte. „Das passiert bei keinem anderen Vitamin oder Nahrungsergänzungsmittel, zu dem ich mich äußere“, sagt er, „nur bei Vitamin D“.

Tatsächlich sieht sich Smollich auch wissenschaftlich gar nicht als „Vitamin-D-Gegner“. „Das wäre auch komplett unsinnig“, sagt er. Vitamin D sei eine physiologische Substanz, ohne die wir nicht leben können. Man könne ja auch kein „Wasser-Gegner“ oder „Hormon-Gegner“ sein, meint Smollich. Er befürwortet die Einnahme sogar: „Allerdings nur bei Risikogruppen und Menschen mit nachgewiesenem Mangel“. Und dieser ist weit verbreitet: In Deutschland sind laut RKI gut 56 Prozent der Erwachsenen nicht ausreichend mit Vitamin D versorgt, wobei der Vitamin-D-Spiegel in unseren Breitengraden – wie bereits erwähnt  – starken saisonalen Schwankungen unterliegt.

Vitamin D: Wer es möchte, sollte mit Ärztin sprechen

„Menschen mit starkem Vitamin D Mangel sollten dieses ergänzen“, bestätigt Verbraucherschützerin Seidel. Wichtig sei die Ergänzung mit seinem Arzt oder seiner Ärztin zu besprechen. Durch eine zu hohe Zufuhr könne es nämlich zu einer Überdosierung kommen. „Bei einer übermäßig hohen Einnahme von Vitamin D entstehen im Körper erhöhte Kalziumspiegel (Hyperkalzämie), die akut zu Übelkeit, Appetitlosigkeit, Bauchkrämpfen, Erbrechen oder in schweren Fällen zu Nierenschädigung, Herzrhythmusstörungen, Bewusstlosigkeit und Tod führen können“, warnt das RKI.

Wer Vitamin D ohne ärztliche Kontrolle supplementieren möchte, dem rät Smollich, die von der europäischen Lebensmittelbehörde (EFSA) empfohlene Höchstmenge von 4.000 Internationalen Einheiten (IE) nicht zu überschreiten*. In Deutschland sind höher dosierte Präparate zwar gar nicht außerhalb der Apotheke zugelassen, im Internet finden sich dennoch immer wieder Produkte mit Dosierungen von bis zu 5.000 IEs.

Das macht den Markt mit Vitamin-D-Präparaten nicht nur attraktiv für Hersteller und Anbieter dieser Nahrungsergänzungsmittel, sondern auch sehr gefährlich für Verbraucherinnen und Verbraucher, die von falschen Heilsversprechen gelockt werden.

  • am Tag.

Redaktion: Sigrid März, Nicola Kuhrt

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Das Hormonpräparat Duogynon wurde in den 1960er- und 1970er als Schwangerschaftstest genutzt.

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5 Kommentare zu „Das Sonnenscheinpräparat im Schatten des Geldes

  1. Zitat: “Wer Vitamin D ohne ärztliche Kontrolle supplementieren möchte, dem rät Smollich, die von der europäischen Lebensmittelbehörde (EFSA) empfohlene Höchstmenge von 4.000 Internationalen Einheiten (IE) nicht zu überschreiten. In Deutschland sind höher dosierte Präparate zwar gar nicht außerhalb der Apotheke zugelassen, im Internet finden sich dennoch immer wieder Produkte mit Dosierungen von bis zu 5.000 IEs.”
    Wäre es hier nicht sinnvoll, die zeitliche Dimension der Einnahme mit zu erwähnen? 4.000 IE am Tag/ in der Woche?

    1. Hallo Herr Siefert, vielen Dank für Ihren Kommentar. Es sind 4000 IE am Tag. Dies beschreibt aber die Höchstmenge! Wir werden es im Text ergänzen.

      Beste Grüße, Nicola Kuhrt

      1. “In Deutschland sind höher dosierte Präparate zwar gar nicht außerhalb der Apotheke zugelassen …” Was hier als Präparate bezeichnet wird, sind in Apotheken Arzneimittel und unterliegen damit den entsprechenden Regeln. Außerhalb der Apotheken ist Vitamin D Nahrungsergänzungsmittel, muss also lediglich registriert werden und wird insgesamt wenig reguliert. Entsprechend kann man im Netz leicht auch Angebote von Vitamin D mit 10.000 i.E. und auch 20.000 i.E. finden.
        Gefunden hab ich das hier: https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2016/05/31/wann-ist-vitamin-d-ein-arzneimittel
        Soweit ich weiß, sind zwar Änderungen geplant, aber geschehen ist bisher nichts.

  2. Mit VitaminD Präparaten verdient man aufgrund der geringen Preisen kaum Geld. Es ist kein profitables Geschäft. Das sollte ihre Recherche auch festgestellt haben. Dafür empfehlen Fachgruppen aus der Schweiz (wie kürzlich im Blick erschienen) die präventive Einnahme von Vitamin C,D, Zink und Omega 3. Ich kann die hektische und tendenziöse Berichterstattung von Medwatch daher nicht nachvollziehen. Viel interessanter wären die aktuellen Verflechtungen und institutionellen Korruptionsaffären in der Big Pharma/ Impfindustrie – und was die zahlreichen bezahlten Influencer und Impfluencer zu treiben. Wollt ihr dieses Eisen auch mal in die Hand nehmen, oder passt das nicht ins Portfolio?

    1. Hallo Herr Bernard, danke für Ihre Mail – Ihre Kritik können wir, wie Sie sich denken können – nicht ganz nachvollziehen, denn teils werden für Vitamin D-Produkte ebenfalls ordentliche Summe aufgerufen.
      Wir würden uns sehr gern genauer ansehen, was sie mit “aktuellen Verflechtungen und institutionellen Korruptionsaffären in der Big Pharma/ Impfindustrie – und was die zahlreichen bezahlten Influencer und Impfluencer zu treiben“ meinen – und würden uns über weiterführende Informationen sehr freuen.

      Herzlicher Gruß, Nicola Kuhrt

Wir freuen uns über kritische Kommentare, Feedback und Vorschläge. Wir bitten darum, Kommentare sachlich zu halten und auf Beleidigungen zu verzichten – und behalten uns vor, Kommentare ansonsten nicht zu veröffentlichen. Bitte belegen Sie Ihre Aussagen nach Möglichkeit auch mit Links oder anderen Verweisen. Wir prüfen alle Kommentare vorab und schalten sie frei - insbesondere am Abend oder am Wochenende geschieht dies teils zeitverzögert. Besten Dank und schöne Grüße vom MedWatch-Team!

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