„Hämo-Pyrrollaktam-Urie“ Was steckt hinter der angeblichen Krankheit „HPU“?

(Screenshot: MedWatch)

Vor etwa zwanzig Jahren tauchte in Deutschland ein Krankheitsbild auf: Die angebliche Stoffwechselkrankheit „Hämo-Pyrrollaktam-Urie“, kurz HPU. Doch für seine Existenz gibt es keine wissenschaftlichen Beweise. Betroffene zahlen dennoch viel Geld für vermeintlich notwendige Therapien und Nahrungsergänzungsmittel.

Fühlen Sie sich oft abgeschlagen, müde und antriebslos? Sind Sie häufig erkältet oder leiden unter Menstruationsbeschwerden? Dann sind Sie womöglich von HPU betroffen – zumindest, wenn man dubiosen Quellen im Netz Glauben schenkt.

HPU ist eine Abkürzung für Hämo-Pyrrollaktam-Urie. Das Syndrom ist auch unter weiteren Namen bekannt, zum Beispiel Hämopyrrolurie, Pyrrolurie oder Kryptopyrrolurie – die sich aber teils leicht unterscheiden sollen. HPU wird den Stoffwechselerkrankungen zugeordnet, genauer den Porphyrien: Das sind seltene, meist angeborene Störungen, welche die Bildung des Häms betreffen. Häm b, ein chemischer Komplex – gelegentlich als roter Blutfarbstoff bezeichnet – ist zentraler Bestandteil des Hämoglobins und damit der roten Blutkörperchen. Diese versorgen den Körper über das Blut mit lebenswichtigem Sauerstoff.

Gestörte Häm-Synthese?

Bei der HPU sollen nun Enzyme betroffen sein, die bei der Herstellung von Häm eine Rolle spielen. Dies und mehr erfährt man zum Beispiel auf einer Informationsseite in Deutschland, die professionell gemacht ist und etwa durch Verwendung von Fachvokabular wissenschaftliche Seriosität verbreitet. Demnach sollen die defekten Enzyme dafür sorgen, dass der Körper „teilweise nicht korrekt gefaltetes Häm“ herstellt, welches dann kein oder nur weniger Sauerstoff mehr transportieren kann.

Betroffene von HPU sollen unter massivem Mangel an Vitamin B6 und Zink leiden. Das Spurenelement Zink ist als Bestandteil zahlreicher Enzyme unter anderem wichtig für den Stoffwechsel und das Immunsystem. Vitamin B6 ist eine Sammelbezeichnung für drei ähnliche Moleküle, die eine wichtige Rolle beispielsweise bei der Häm-Synthese spielen.

Beschreibung meist durch Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker

Die Basis für den Mythos der HPU legte der kanadische Toxikologe Donald G. Irvine. Er veröffentlichte 1961 ein Papier, wonach von ihm untersuchte Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen oder Schizophrenie Substanzen über den Urin ausscheiden sollen, die sich mit einer chemischen Reaktion lila anfärben ließen. Irvine nannte die Substanzen deshalb Mauve-Faktoren (mauve = malvefarben, lila) und dieses neue Syndrom Malvaria. Irvine und Kollegen erklärten in ihren Publikationen, dass sie diesen Mauve-Faktor bei 30 bis 60 Prozent der Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen gefunden hätten.

Das Labor um Irvine war es auch, das hinter den Mauve-Faktoren zunächst Kryptopyrrol beziehungsweise später Hämopyrrol nachzuweisen glaubte. Beide Verbindungen – so die Vermutung der Toxikologen – würden aus einem gestörten Auf- oder Abbau des Häms stammen und für die Krankheitssymptome der Patienten zuständig sein.

Etwa zehn Jahre später veröffentlichte der Mediziner und Biochemiker Carl C. Pfeiffer seine Hypothese, dass Kryptopyrrol – erneut in Verbindung mit Schizophrenie – mit aktivem Vitamin B6 und Zink angeblich einen Komplex formt, welcher später als Hämopyrrollactam (HPL) beschrieben wurde. Allerdings ist dies  nur eine Theorie, die bis heute nicht nachgewiesen werden konnte. Das niederländische Labor KEAC (Klinisch Ecologisch Allergie Centrum) erforscht nach eigenen Angaben seit 1993 das angebliche Syndrom HPU, das mit HPL in Verbindung stehen soll, und hat es im Jahr 2000 entsprechend benannt.

HPU: Kaum einheitliche Aussagen

Generell ist die Informationslage zu HPU wissenschaftlich gesehen fragwürdig. Im Internet finden sich Beschreibungen des Syndroms vornehmlich auf Seiten von Heilpraktikerinnen und Heilpraktikern, die auch gleich entsprechende Therapien anbieten. Die Symptome sind – je nach Quelle – mannigfaltig: Müdigkeit, verringerte Stresstoleranz, Infektanfälligkeit, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, verminderte Fruchtbarkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Übergewicht nach Schwangerschaft oder Schilddrüsenprobleme. Und sogar Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Panikattacken und Depression werden aufgeführt. Faktoren wie Stress und schädliche Umwelteinflüsse sollen die Symptome wahlweise noch verschlimmern oder sind selbst Ursache.

In Fragebögen im Internet kann jeder selbst testen, ob er möglicherweise an HPU leidet. Die Symptome sind allerdings so allgemein gehalten, dass sie auf fast jeden Menschen zutreffen. Einige Fragebögen fragen sogar vermeintliche Charaktereigenschaften wie „Auge fürs Detail“ oder die Fähigkeit, „Farben mühelos aufeinander abzustimmen“, ab. Es ist nach so einem Test also eher unwahrscheinlich, nicht von HPU betroffen zu sein. So überrascht es nicht, dass angeblich zehn Prozent der Menschen weltweit an HPU erkrankt sein sollen, Frauen fast zehnmal häufiger als Männer.

Neben Fragebögen gib es zudem die Möglichkeit, sich auf verschiedene mutmaßlich mit HPU in Verbindung stehende Stoffwechselprodukte hin untersuchen zu lassen. Hämopyrrol etwa lässt sich angeblich mit einfachen Urin-Tests nachweisen, die wahlweise in einer Praxis absolviert oder im Internet bestellt werden können. Je nach Leistungsspektrum kosten dieses Tests ab etwa 50 Euro. Ein umfangreiches „HPU-Screening mit umfassender Allergieforschung“ schlägt mit immerhin gut 330 Euro zu Buche.

Deutsche Krankenkassen übernehmen weder Kosten für die Tests noch für eine angebliche HPU-Therapie. Wie nun letztere aussieht, hängt nach MedWatch-Recherchen vom jeweiligen Heilpraktiker oder behandelnden Arzt ab. Basis ist in den meisten Fällen eine hochdosierte Gabe von Vitamin B6 und Zink, manchmal noch in Verbindung mit Magnesium und Mangan. Manche Testanbieter verkaufen auch gleich passende Nahrungsergänzungsmittel.

Inzwischen finden sich auch zahlreiche Bücher über HPU auf dem Markt. Auffällig ist, dass diese meist von Heilpraktikern und im Eigenverlag oder der „Alternativmedizin“ zugetanen Verlagen publiziert werden. Veröffentlichungen in angesehenen Verlagen gibt es nicht.

Behörden und Experten warnen vor zu viel Vitamin B6

In der Regel nehmen gesunde Menschen alle notwendigen Mikronährstoffe bereits durch eine abwechslungsreiche, vollwertige Ernährung auf. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt für Erwachsene 1,4 bis 1,6 Milligramm Vitamin B6 pro Tag. Bei einer Überdosierung drohen Nervenschäden, die sich etwa in Lähmungserscheinungen der Extremitäten äußern. Deshalb empfiehlt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) eine maximale Menge von 3,5 Milligramm pro Tag für die Aufnahme über Nahrungsergänzungsmittel. Ähnliches gilt für Zink. Hier schlägt das BfR eine Höchstmenge von 6,5 Milligramm Zink pro Tag über Nahrungsergänzungsmittel vor, aber nur für Menschen mit geringer Zink-Zufuhr. Ansonsten sei keine zusätzliche Zufuhr nötig.

In einigen Facebook-Gruppen mit teils tausenden Mitgliedern tauschen sich HPU-Anhänger aus und empfehlen angeblich Betroffenen diverse frei erhältliche Nahrungsergänzungsmittel. Nach MedWatch-Recherche enthalten diese Präparate je nach Hersteller je 25 Milligramm Zink und Vitamin B6 oder sogar mehr. Damit liegen die täglichen Dosen teils deutlich über den empfohlenen Höchstmengen. Die Menschen geben also nicht nur eine Menge Geld für überdosierte Nahrungsergänzungsmittel aus: Sie gefährden auch ihre Gesundheit, wenn sie die Mittel dauerhaft und ohne kompetente medizinische Begleitung einnehmen.

Die Wissenschaft sagt: HPU ist eine Pseudokrankheit

Bereits im Jahr 2007 hat das Robert-Koch-Institut (RKI) eine Einschätzung zu HPU veröffentlicht. Unter anderem ist dort nachzulesen: „Die in der früheren Literatur geäußerten Hypothesen über einen Zusammenhang zwischen Pyrrolen im Urin und verschiedenen Erkrankungen wurden nicht bestätigt. Außerdem sind Herkunft und chemische Identität der in Rede stehenden Stoffe nicht hinreichend geklärt. Neuere wissenschaftliche Literatur fehlt.“

So haben andere Autoren außer Irvine und Pfeiffer entweder überhaupt keine Pyrrole im Urin gefunden oder diese keinem Krankheitsbild zugeordnet. Unklar ist zudem, inwiefern welche Tests überhaupt Pyrrole nachweisen – und detektieren sie Kryptopyrrol, Hämopyrrol oder doch HPL?

Schon für die Labortests zum Nachweis von HPL gibt es keine wissenschaftliche Basis. Welchen Einfluss haben Ernährung oder Medikamente auf die Ausscheidung von Pyrrolen? In den Sechzigerjahren – also zu der Zeit, als Irvine die ersten Thesen zu HPU aufstellte – waren bereits zyklische Antidepressiva wie Imipramin auf dem Markt. Abbauprodukte solcher Arzneimittel könnten zu hohen Pyrrol-Werten im Urin führen.

Außerdem: Selbst wenn es den HPL-Komplex geben sollte, würde dessen Ausscheidung nicht zu einem Mangel an Vitamin B6 und Zink führen, da die Mengen viel zu gering wären, schreiben die Autoren der RKI-Stellungnahme. Außerdem äußerten sich Mangelerscheinungen von Vitamin B6 und Zink anders als dies bei einer möglichen HPU geschildert wird.

„HPU sollte als Pseudokrankheit eingestuft werden“

Damit sind die Daten von Irvine und Pfeiffer – auf die sich die mögliche Diagnose einer HPU stützen – nicht reproduzierbar, was bei einer angeblichen Verbreitung des Syndroms bei mehr als acht Millionen Menschen allein in Deutschland mehr als unwahrscheinlich scheint. Deshalb heißt es in der vom RKI veröffentlichten Einschätzung weiter: „Eine darauf aufbauende Diagnose oder gar Therapieform entbehrt beim heutigen Kenntnisstand der wissenschaftlichen Grundlage. Die Pyrrolurie ist ein Befund, der nach wissenschaftlichen Kriterien keiner Krankheit zugeordnet werden kann.“ Oder anders: Bei HPU handelt es sich um eine Pseudoerkrankung, die wissenschaftlich nicht anerkannt ist. So führt auch das ICD-System der Weltgesundheitsorganisation HPU nicht als Krankheit

Auf Anfrage bestätigt das RKI, dass es keine neuen Erkenntnisse in Sachen HPU gebe. Ebenso äußerten sich die zentrale Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen in Deutschland (GKV-Spitzenverband), das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) und der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) als das höchste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen. Zumindest in Deutschland ist HPU also nicht als Erkrankung anerkannt. Ein Artikel in einer medizinischen Fachzeitschrift aus den Niederlanden, der „Nederlands Tijdschrift voor Geneeskunde“, kam bereits 2003 zu dem Schluss: „Nach Durchsicht aller verfügbaren Daten sind wir der Meinung, dass HPU als Pseudokrankheit eingestuft werden sollte.“

                  

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