Mikrobiom-Analysen Das Geschäft mit dem Geschäft

Elektronenmikroskopische Aufnahme von Bakterien
(Foto: pxhere)

Darmflora-Tests boomen. Zahlreiche Firmen, Heilpraktiker und auch Ärzte werben für die Analyse der Bakterien im Stuhl. Der Blick auf das Geschäft gebe Aufschluss über körperliche und seelische Erkrankungen oder die individuell richtige Ernährung. Dabei sind die Tests nach aktuellem Stand der Wissenschaft vollkommen sinnlos.

Der Darm ist zweifellos zu einer Art Superorgan aufgestiegen. Das im Jahr 2014 erschienene populärwissenschaftliche Buch „Darm mit Charme“ brachte ihn erstmals ins Rampenlicht des öffentlichen Interesses, seit rund einem Jahrzehnt erlebt die Erforschung des Darms – ehemals als „Pupswissenschaft“ verschrien – den Aufstieg zu einer wichtigen Forschungsdisziplin. Wissenschaftler widmen sich vor allem dem Mikrobiom, also der Gesamtheit der Bakterien, die das Organ besiedeln. Ihre Zusammensetzung soll über Gesundheit und Krankheit entscheiden.

Und so ist es kaum verwunderlich, dass verschiedene Wirtschaftszweige dieses neue Bewusstsein für die Gesundheit aus dem Bauch entdeckt haben. Einige Hersteller bieten im Internet Darmflora-Tests an, die für etwa 130 Euro aufwärts zu haben sind. Auch Ernährungsberater, Fitnessstudios und Heilpraktiker werben für solche Analysen. Sie versprechen, mittels einer Untersuchung des Mikrobioms Schwachstellen im Körper ausfindig zu machen und so „die Ursache für Schmerzen und Entzündungen, Energiemangel und Übergewicht“ zu finden. So schreibt einer der großen Internetanbieter: „Der Darm ist das Zentrum deiner Gesundheit. Gerät das Darm-Mikrobiom aus der Balance, wirkt sich das auf deinen ganzen Körper aus. Genau deshalb werfen wir einen Blick auf dein Mikrobiom und helfen dir so, deine Bakterien zu verstehen.“ Vor allem „Mikrobiom-Enthusiasten, „Gesundheitsbewusste“ und „Hobby- oder Profisportler“ sollen von dem Test profitieren.

„Mikrobiom-Paket“ für 2500 Schweizer Franken

Käufer bekommen vom Labor oder dem Anbieter ein Test-Kit zugeschickt. Das besteht in der Regel aus einem Wattestäbchen und einem Röhrchen für die Stuhlprobe mit einer DNA-stabilisierenden Lösung darin. Die Probe soll der Käufer anschließend an das Labor zurückschicken.

Viele Anbieter verpacken die Mikrobiom-Analyse in ein noch umfassenderes Angebot: Ein Schweizer Ernährungscoach zum Beispiel wirbt auf seiner Webseite mit einem „Mikrobiom-Paket“ für 2500 Schweizer Franken, umgerechnet rund 2360 Euro, das die versteckten Ursachen für „Energiemangel, Panikattacken, unreine Haut, Allergien, Verdauungsbeschwerden und Nahrungsmittelintoleranzen“ ergründen soll. Schließlich entstünden 80 Prozent aller Krankheiten eben genau dort, im Darm. Der auf die Darmanalyse folgende „Darmglück-Onlinekurs“ und eine Darmsanierung sollen dann „ein Gefühl von nie dagewesener Energie“, einen „flachen Bauch“, „abklingende Tennisarme und Migräne“ bescheren – kurz: Eine Beseitigung sämtlicher gesundheitlicher Alltagsprobleme, die man sich so vorstellen kann.

Auch zahlreiche Heilpraktiker bieten Mikrobiom-Analysen zur Abklärung von Depressionen, „allen chronischen Krankheiten“, Müdigkeit und Bauchschmerzen an. Darüber hinaus verkaufen auch manche Hausärzte Mikrobiom-Analysen als Selbstzahlerleistung.

Was hat es also mit den Tests auf sich, wo sich doch die seriöse Wissenschaft tatsächlich mit dem Mikrobiom befasst?

Vorstellung erwies sich als kaum haltbar

„Die Tests sind wahnsinnig teuer und nach aktuellem Stand der Wissenschaft vollkommen sinnlos“, sagt Christian Schulz und gibt damit auch die Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie wieder. Schulz forscht am Universitätsklinikum München über Mikroorganismen in den Verdauungsorganen und sagt: „Es kann gar nicht oft genug auf die Unsinnigkeit dieser Tests hingewiesen werden“.

Zwar gibt es viele wissenschaftliche Hinweise darauf, dass die bakteriellen Bewohner des Darms einen neuen Zugang zu einer Vielzahl von Körperfunktionen und damit zu Krankheiten wie Parkinson, Diabetes oder sogar zur menschlichen Psyche bieten. Forscher hoffen, dass diese sich durch Veränderungen des Mikrobioms heilen oder beeinflussen lassen. Doch bislang hat sich diese Vorstellung in den allermeisten Punkten als nicht haltbar erwiesen.

Es existieren mittlerweile durchaus viele Studien und Zahlen zum Thema Mikrobiom. Unstrittig ist, dass die Zusammensetzung der Darmflora unverzichtbare Dienste bei der Verdauung leistet und dass sie eine Rolle bei der Entstehung von Krankheiten spielt. Doch welche, ist noch unklar. Denn die allermeisten Studien stellen bislang nur Thesen auf. „Die Zusammenhänge sind noch rein assoziativ“, sagt Schulz. Das bedeutet: Wissenschaftler testeten beispielsweise das Mikrobiom von Menschen, die an Parkinson erkrankten und ermittelten, dass ein bestimmtes Bakterium im Darm aller Kranken auftauchte. Die Ärzte stellten also die These auf, dass bestimmte Mikroorganismen im Darm Einfluss auf die Entstehung der Krankheit haben. „Aber da wir überhaupt nicht wissen, welche Wirkung und Funktion die allermeisten Bakterienarten haben, können wir keinen echten kausalen Zusammenhang herstellen.“

Klebte das Bakterium nur am Salatblatt?

Eine Mikrobiom-Analyse kann zum Beispiel die genetischen Spuren eines Bakteriums ermitteln, das schlicht und einfach tot an einem ungewaschenen Salatblatt klebte, verspeist und anschließend ausgeschieden wurde – ohne dass es irgendeinen Einfluss auf den Körper hatte. In den Analysen taucht dieses Bakterium also auf, obwohl seine Existenz keine Aussage hat.

Im Gegensatz dazu sind die seit Jahrzehnten etablierten Stuhltests zur Darmkrebsvorsorge durchaus sinnvoll. Sie analysieren unter anderem, ob sich Blut im Stuhl befindet. „Auch die Suche nach bestimmten Krankheitserregern wie Clostridium difficile, der heftige Darmentzündungen auslöst, hat ihre Berechtigung“, betont Schulz.

Doch die handelsüblichen Mikrobiom-Analysen testen einfach wild das gesamte Spektrum aller Bakterien im Darm. „Wir wissen bis heute nicht, wie ein gesundes Mikrobiom des Menschen aussieht“, sagt Schulz. „Und wenn wir das Ziel nicht kennen, können wir das Mikrobiom auch nicht in die richtige Richtung verändern oder irgendwelche Empfehlungen geben.“ Hausärzte, die Darmflora-Tests anbieten, empfehlen laut Schulz ihren Patienten typischerweise danach, den Zuckerkonsum und das Gewicht zu reduzieren. „Das schadet fast nie, aber ein fundierter Rat ist das nicht.“

Die Erforschung der Rolle aller Mikroorganismen in unserem Körper ist tatsächlich ein enorm komplexes Unterfangen. Das zeigt schon die Tatsache, dass die handelsüblichen Mikrobiom-Tests nur die genetischen Spuren von Bakterien untersucht. „Doch was ist mit Pilzen und Viren?“, sagt der Gastroenterologe. Die seien sehr wahrscheinlich nicht weniger wichtig.

Vieles kann schiefgehen

Und selbst wenn man Pilze und Viren außer Acht lässt, so ist eine Analyse der Bakterienvielfalt allein aus dem Stuhl sehr wahrscheinlich kaum aussagekräftig. Eine vielbeachtete Untersuchung aus dem Jahr 2019 im Fachjournal Gastroenterology legt nahe, dass in verschiedenen Teilen unserer Verdauungsorgane – also Schleimhäute des Magens, verschiedene Darmabschnitte oder Mund – völlig unterschiedliche Bakterien zuhause sind und sein sollten. „Das wirft die Frage auf, was wir im Stuhl eigentlich messen, wo nun das relevante Mikrobiom ist. Ich fürchte, wir wissen es einfach noch nicht“, sagt Schulz.

Zu all diesen Punkten kommt noch hinzu, dass bei Transport und Auswertung einer Stuhlprobe einiges schiefgehen kann. Im menschlichen Körper leben viele Mikroorganismen, die nur unter Luftabschluss leben können – sogenannte anaerobe Bakterien. Das macht eine Analyse schwierig.

Bis vor kurzem liefen Darmflora-Tests folgendermaßen ab: Der Patient gab eine Stuhlprobe oder einen Stuhlabstrich ab. In einem Labor wurden die Bakterien dann in einem Nährmedium kultiviert und dann erst analysiert. Leider kommen die Bakterien bei der Kultivierung aber mit Sauerstoff in Kontakt – das überleben nur rund 15 Prozent aller Darmbakterienarten. Das Ergebnis war also kaum aussagekräftig. Zwar gibt es seit Kurzem neue Methoden, die eine Analyse der Darmbakterien ohne eine Kultivierung zulassen. Immerhin wirbt einer der größten Anbieter mit einem neuen Verfahren. Doch selbst dann ist die Wahrscheinlichkeit gegeben, dass viele Mikroorganismen die Reise ins Labor nicht gut vertragen. „Wenn die eingeschickte Stuhlprobe bei der Post ein paar Tage bei Raumtemperatur herumsteht, verfälscht dies das Analyseergebnis“, erklärt Schulz.

Möglicher Schaden für Patienten

Leider erleichtert eine Mikrobiom-Analyse nicht nur den Geldbeutel. So ein Test kann durchaus negative Effekte auf die Gesundheit haben: Denn aus den Ergebnissen leiten manche Ernährungscoaches, Heilpraktiker und Ärzte Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder -allergien ab, manchmal auch die Neigung zu bestimmten chronischen Erkrankungen. Die Patienten machen sich in Folge unnötig Sorgen. Oder sie streichen Milchprodukte oder Getreide von ihrem Speiseplan, schränken so ihre Lebensqualität ein und erhöhen das Risiko für eine Mangelernährung – und das alles völlig grundlos.

Dabei klingt das Motto des Schweizer Ernährungscoaches, der das teure Mikrobiom-Paket auf seiner Webseite anbietet, so schlüssig: „Nicht raten, sondern messen.“ Ja, wenn man denn wüsste, was man mit dem Ergebnis anfangen sollte.

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Ein Kommentar zu „Das Geschäft mit dem Geschäft

  1. Ich habe mir gerade den Vortrag von Christoph Kaleta von der CAU Kiel angehört “Elucidating the contribution of the gut microbiome to aging”. Er forscht zu diesem Thema.
    Sicherlich gibt es sehr viele unsinnige Angebote, die oft auch noch völlig überteuert sind, dennoch sollte man nicht alles als unnütz verteufeln.

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