„Zahnstörfelder schmerzen in der Regel selbst nicht. Diese Tatsache erschwert die Diagnose erheblich.“ Das schrieb Johannes Lechner schon 2001. In der Zeitschrift „Naturarzt“ konnte er die Theorie der angeblich „biologischen Zahnmedizin“ umfangreich erläutern. Auch heute noch bietet er Störfelddiagnostik und Störfeldsanierungen mit großer Überzeugung an und warnt davor, dass von wurzelgefüllten Zähnen Giftwirkungen ausgehen können, die die Gesundheit gefährden können. Lechner, Zahnarzt aus München, ist einer der Wortführer dieses alternativmedizinischen Feldes, das öffentlich deutlich weniger kritisiert wird als etwa die Homöopathie. Dabei werden hier teils gesunde oder erhaltenswerte Zähne gezogen oder gar Kieferknochen ausgefräst.

Doch Vertreter dieser „Alternativen Zahnmedizin“ können seit Jahrzehnten relativ ungestört solch fragwürdige Behandlungen anbieten. Neben Johannes Lechner erfährt derzeit auch Dominik Nischwitz viel mediale Aufmerksamkeit. Er hat ein Buch geschrieben über biologische“ Zahnmedizin und durfte die Theorien von Entgiftung, Amalgamentfernung, gestörtem Gleichgewicht, sogenannten „Lymphozytentransformationstest“ und neuromodulative Trigger in mehreren Medien ausbreiten. Für Nischwitz sind wurzelbehandelte Zähne „ein typisches Störfeld“. An „jedem toten Zahn“ hänge „ein kranker Mensch“.

„Das Weltbild ist superschlicht und frei von wissenschaftlichen Kenntnissen“

Zwar gibt es seit vielen Jahren Debatten um die Qualität der Wurzelkanalbehandlung, da die feinen Kanäle nicht keimfrei verschlossen werden können. Aber die meisten Zahnärzte halten es für unwissenschaftlich, konkrete Zusammenhänge herzustellen zwischen wurzelgefüllten Zähnen und anderen Krankheiten. Norbert Schmacke vom Institut für Public Health und Pflegeforschung (IPP) der Uni Bremen sieht hier dasselbe Muster wie bei allen „Alternativheilern“. Es gebe immer ein Kernübel, das mit „frei definierten Energiefeldern geortet wird und hier im Falle der Zahnheilkunde durch ‚toxische‘ Metalle oder nicht erkannte tote oder faule Zähne getriggert wird“, sagt Schmacke. „Das Weltbild ist superschlicht und frei von wissenschaftlichen Kenntnissen, es ist ein geschlossenes System, das absolut erkenntnisresistent ist.“

Auch den Bremer Zahnarzt Hans-Werner Bertelsen, wie Schmacke Mitglied des Münsteraner Kreises, bringt das in Rage. Schon 2012 versuchte er mit einer Anfrage bei „biologisch“ tätigen Kollegen die Theorien ad absurdum zu führen. Denn in der ganzheitlichen Zahnmedizin werden Zähne nicht nur selbst als Organe bezeichnet, sondern auch mit anderen Organen in Beziehung gebracht. Die oberen Schneidezähne etwa mit Niere und Blase, die seitlichen Schneidezähne mit Galle und Leber und die Weisheitszähne mit Herz und Dünndarm. Solche Zuordnungen folgen der Theorie der traditionellen chinesischen Medizin, dass es Meridiane, Energiebahnen, im Körper gibt – welche jedoch noch nie wissenschaftlich nachgewiesen werden konnten. Wer also etwa an „unerklärlichen und chronischen wiederkehrenden Entzündungen von Niere und Blase“ leide, solle tote Schneidezähne als „mögliche Belastungsfaktoren in Betracht ziehen“, schrieb Lechner 2001 im „Naturarzt“. Werde ein solches Störfeld entfernt, schaffe man die Voraussetzung, „dass der Körper sein verlorenes Gleichgewicht wiederfinden kann“.

Titan gilt als „unbiologisch“

„Biologisch“ arbeitende Zahnärzte entfernen also eigentlich erhaltenswerte Zähne und ersetzen sie – zum Beispiel durch teure Keramik-Implantate, weil Titan als „unbiologisch“ gilt. Die Deutsche Gesellschaft für Endodontologie und zahnärztliche Traumatologie (DGET), die sich auch mit wurzelkanalbehandelten Zähnen befasst, hält das für nicht vertretbar und erklärt Patienten auf ihrer Webseite, was besser ist – Wurzelkanalbehandlung oder ein Implantat: „Ein direkter Vergleich zwischen der Erfolgsrate von wurzelbehandelten Zähnen und Implantaten ist schwierig, da in der Implantologie keine einheitlichen Erfolgskriterien existieren wie sie für wurzelbehandelte Zähne definiert wurden. Jedoch sollten stark geschädigte Zähne niemals vorschnell zugunsten eines Implantates entfernt werden, denn oft ist durch eine Wurzelkanalbehandlung der betroffene Zahn langfristig noch zu erhalten.“

Hans-Jörg Staehle, Ärztlicher Direktor der Poliklinik für Zahnerhaltungskunde am Universitätsklinikum Heidelberg, kritisiert die „fragwürdigen Testmethoden“ dieser alternativmedizinisch tätigen Zahnärzte: „Sie fokussieren sich nicht nur auf Zahnschmerzen, sondern auf unklare allgemeine Beschwerden wie Müdigkeit, Aufmerksamkeitsprobleme, Verspannungen oder Verstimmungen. Sie ziehen deswegen sogar vitale und gesunde Zähne.“ Schon 1996 und 2012 warnte die amerikanische Vereinigung der Endodontologen (AAE) vor aggressiven Behandlungen mit mehreren chirurgischen Eingriffen bis in den Kieferknochen, mit denen solche Zahnärzte Schmerzen im Kieferbereich behandelten und einen Zusammenhang mit wurzelkanalbehandelten Zähnen oder mit Kieferentzündungen herstellten – der jedoch nicht wissenschaftlich belegt sei, so die AAE. Somit sei es unethisch, wurzelkanalbehandelte Zähne zu ziehen, um Kieferknochenentzündungen oder anderen Krankheiten vorzubeugen.

Irrlehren mit irreführenden und wohlklingenden Namen

Anfang dieses Jahres warnten dann drei amerikanische Fachvereinigungen, die American Dental Association (ADA), die American Association of Endodontists (AAE) und die American Association of Dental Research (AADR), vor dem Film „Root Cause“. In dem Film verbreitet der australische Regisseur Frazer Bailey seinen Glauben, die Ursache für sein chronisches Erschöpfungssyndrom sei eine frühere Wurzelkanalbehandlung, diese bringt er in Zusammenhang mit Krebs („98 Prozent der Frauen mit Brustkrebs hatten zuvor eine Wurzelkanalbehandlung auf der Seite der erkrankten Brust“). Die Annahmen Baileys gingen auf Forschungsarbeiten aus den 1920er Jahren zurück, die widerlegt seien, sagen die Zahnarztverbände. Auch eine europäische Fachgesellschaft veröffentlichte eine Stellungnahme zum Nutzen der Wurzelkanalbehandlung. Die Deutsche Gesellschaft für Endodontologie und zahnärztliche Traumatologie (DGET) schloss sich dieser Stellungnahme an.

Johannes Lechner dagegen nennt das Statement der AAE von 2012 „oberflächlich“, es sei das gleiche wie das von 1996. Er verweist auf angeblich zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen mit anderen Ergebnissen, die eine Rekontamination durch Bakterien nach Wurzelkanalfüllungen belegten, welche längerfristig zu einer Infektion des umgebenden Kieferknochens führen sollen. Er spricht von „erbitterten Grabenkämpfen mit der Kollegenschaft“. Nischwitz erklärt auf Anfrage, für eine kurze Rückmeldung sei das Thema zu komplex – er schickt drei seiner Artikel. „Wurzelbehandelte Zähne stellen chronisch-entzündliche Herde dar, die sowohl vor Ort, meist aber an anderer Stelle im Körper zu chronischen Problemen führen können“, behauptet er dort etwa. Es „bilden sich Giftstoffe und Entzündungsmediatoren, die an anderer Stelle im Körper vielerlei Symptome hervorrufen können. Die Therapie besteht in der vollständigen chirurgischen Entfernung dieser entzündlich veränderten Areale und anschließender Desinfektion mit Ozon.“

Die Anwendung nicht allgemein anerkannter Behandlungsmethoden ist grundsätzlich nicht verboten. Es gilt die Therapiefreiheit des Zahnarztes und das Selbstbestimmungsrecht des Patienten. Wer vom Standard abweicht, begeht nicht direkt einen Behandlungsfehler, muss aber die Vor- und Nachteile sorgfältig und gewissenhaft abwägen und den Patienten ausreichend gut aufklären. „Je schwerer und radikaler der Eingriff in die körperliche Unversehrtheit des Patienten ist, desto höher sind die Anforderungen an die medizinische Vertretbarkeit der gewählten Behandlungsmethode“, urteilte der Bundesgerichtshof 2017.

In der Bevölkerung bestünde eine „hohe Beharrlichkeit im Glauben an nicht wissenschaftlich fundierte Irrlehren“, sagt Hendrik Terheyden, Chefarzt der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der DRK-Kliniken Nordhessen und ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Implantologie (DGI).. Davor mache auch die Zahnheilkunde nicht halt. „Diese Irrlehren werden unter irreführenden und wohlklingenden Namen angeboten“ sagt Terheyden: „Keiner kann per se etwas gegen eine ganzheitliche, biologische Zahnmedizin haben“, erklärt er. Aber jeder gute Zahnarzt werde den ganzen Menschen sehen, Entzündungsherde beseitigen und keine Metallkorrosion im Mund zulassen. „Die Biologie ist die wichtigste Grundlagenwissenschaft für die Medizin und Zahnmedizin“, sagt Terheyden. Medizin müsse aber vor allem wissenschaftlich fundiert sein. Terheyden kritisiert zudem die oft horrenden Rechnungen in der alternativen Zahnmedizin: „Warum kostet eine ganzheitliche Zahnextraktion für die, die daran glauben, 560 Euro, wenn es exakt den gleichen Eingriff je nach Aufwand für ein Krankenkassenhonorar ab rund zehn Euro gibt? Die Entfernung von Amalgamfüllungen zieht in der Regel den Ersatz mit Keramikinlays für manchmal über 20.000 Euro nach sich. Das sind sehr lukrative Felder, die hinter schönen Namen einen zweiten Gesundheitsmarkt eröffnen.“

Ganzheitlichkeit sei ohnehin kein Alleinstellungsmerkmal der „Alternativmedizin“, betont Staehle. Die Zahnmedizin sei Bestandteil des gesamten medizinischen Fächerkanons und bekenne sich damit zu einer betont ganzheitlichen Sichtweise von Soma und Psyche.

Räumliche und organisatorische Trennung nötig

Die Bundeszahnärztekammer beobachtet die „biologische/ganzheitliche“ Sichtweise insgesamt sehr kritisch, sagt Pressesprecherin gegenüber MedWatch. Man sei hier „im Konsens mit den wissenschaftlichen Fachgesellschaften“. Wenn ein Zahnarzt auch als Heilpraktiker tätig sei, müsse dies im Übrigen laut Musterberufsordnung wie bei anderen berufliche Nebentätigkeiten „sachlich, räumlich und organisatorisch sowie für den Patienten erkennbar von der zahnärztlichen Tätigkeit getrennt sein“.

Norbert Schmacke fordert, dass die Ärzte- und Zahnärztekammern „zunächst einmal alles, was von Glauben und nicht von Wissen getragen wird, ohne Umschweife so bezeichnen“ sollten. Da herrsche noch viel zu viel Schweigen. „Dass approbierte Ärztinnen und Ärzte sich aus ideologischen und finanziellen Gründen auf unsinnige und zum Teil auch richtig gefährliche Glaubensrichtungen verlegen können, ist unfassbar, aber Realität.“ In seiner Praxis, sagt Hans-Werner Bertelsen, habe sich gerade telefonisch eine Patientin gemeldet, „die von ihrem Zahnarzt das volle Esoterik-Programm erhalten sollte“: Der Zahnarzt habe sie gewarnt, tote Zähne störten ihre Organe und ihre „Amalgambelastung“ sei „zu fühlen“ – verbunden mit der Aussage, sie werde „bald sterben“. Außerdem müsse ihre Wirbelsäule mit Akupunktur begradigt werden. Die Patientin informierte die zuständige Zahnärztekammer.

Ulrich Volz, Schweizer Zahnarzt und sogenannter Keramik-Pionier, hält das jedoch nicht davon ab, für „jede medizinische Therapieentwicklung“ eine ganz eigene Reihenfolge aufzustellen: „Beobachten – Erkennen – Handeln – Beweisen“. „Beweisen“ kommt für den Inhaber der Swiss Biohealth Clinic also nach „Handeln“. Der Wahrheitsfindung dürfte das nicht dienen.

Update vom 15.07.2019: Die Antwort von Dominik Nischwitz auf unsere Anfrage wurde noch ergänzt. 

Titelfoto: Jon TysonUnsplash


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