Wie sollen Medien über Themen wie Impfungen berichten – und welche spezielle Rolle haben öffentlich-rechtliche Sender bei wissenschaftlichen Fragen? Wir haben hierüber mit dem Moderator und Wissenschaftsjournalisten Ranga Yogeshwar gesprochen, der 25 Jahre lang die Wissenschaftssendung „Quarks“ moderiert hat – wie auch „Kopfball“ oder „Die große Show der Naturwunder“. Yogeshwar warnt vor einem zunehmenden Vertrauensverlust der öffentlich-rechtlichen Medien, wenn diese sich nicht klar der Wahrheit und Aufklärung verpflichten. Direkte Fragen zu seiner früheren Tätigkeit bei „Quarks“ wollte er nicht beantworten. Inzwischen arbeitet Yogeshwar als freier Journalist und Autor, kürzlich veröffentlichte er eine Dokumentation zum Thema „Künstliche Intelligenz“. Die Fragen an ihn stellten Nicola Kuhrt und Hinnerk Feldwisch-Drentrup.  

MedWatch: Welche Verantwortung haben Medien beim Thema Impfen?

Ranga Yogeshwar: Es fällt mir schwer, von den Medien zu sprechen, da die Medien sich derzeit völlig verändern: Noch vor einigen Jahren gab es bestimmte Zeitungen und Fernsehsender mit besonderer Relevanz – inzwischen bestimmen jedoch zunehmend die ökonomisch getriebenen Internetplattformen und die sozialen Netze unsere Medienlandschaft. Beim Thema Impfen – wie etwa auch bei Klimathemen – kommt es hierdurch zu einer Verstärkung von Erregungsimpulsen. Es ist sehr spannend, sich den Mechanismus genauer anzuschauen: Warum passiert das?

MedWatch: Was denken Sie?

Yogeshwar: Ich habe lange mit Sinan Aral darüber gesprochen, er ist Professor am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge und hat im vergangenen Jahr eine großartige Studie im Fachmagazin „Science“ publiziert. Aral hat untersucht, wie die Ausbreitung solcher Nachrichten auf Twitter funktioniert. Auf der einen Seite gibt es offensichtlich ein strukturelles Problem: Durch ihre ökonomische Funktionsweise, maximieren die sozialen Netzwerke die Nutzerbindung. Ich spreche gerne von der Erregungsbewirtschaftung. Die Algorithmen priorisieren und steuern den Informationsfluss und verstärken vor allem die Erregtheit. Das zweite ist ein sehr menschliches Problem: Jeder von uns schenkt besonderen Nachrichten, die vielleicht nicht so vernünftig klingen, sondern eher irritierend sind, mehr Aufmerksamkeit. Durch die Kombination beider Aspekte kommt es dann zu einer Selbstverstärkung. Nehmen wir das Thema Impfen: Nachrichten, welche die Wirksamkeit belegen, werden weit weniger angeklickt als solche, bei denen es vielleicht zu Impfschäden gekommen ist. Das führt also zu einer medialen Asymmetrie.

MedWatch: Müssen öffentlich-rechtliche Sender und große Zeitungen dann nicht besonders sorgfältig über Impfthemen berichten?

Yogeshwar: Ja, nicht nur über Impfthemen, doch es gibt einen gefährlichen Ansteckungseffekt. Die Muster der sozialen Medien übertragen sich inzwischen auch auf Fernsehsender und Zeitungen. Auch hier beobachten wir eine zunehmende Erregtheit und Emotionalisierung. Meldungen werden oft zu schnell ausgestrahlt und Stimmungen werden aufgegriffen, ohne diese kritisch zu hinterfragen. Talkshows behandeln in manchen Wochen alle dasselbe Thema. Das konnte man aktuell beim Rezo-Video sehen. Die gefühlte Wahrheit erscheint manchmal wichtiger zu sein als die Fakten, die Story des Betroffenen erregt mehr als die objektive Klarstellung der Tatsachen. Im Ergebnis wird es für die Menschen immer schwerer die Relevanz und Wertigkeit von Themen zu erfassen. Wo wird übertrieben? Was ist wirklich wichtig? Gerade öffentlich-rechtliche Sender sollten sich hier klar anders positionieren. Darüber habe ich viel mit meinen Kollegen diskutiert, denn sie sollten sich nicht an dieser Erregungskultur beteiligen. Aber das ist leicht gesagt.

MedWatch: Verschwörungstheoretiker schimpfen auf ihren Kanälen einerseits gern auf öffentlich-rechtliche Sender, picken andererseits aber einzelne genehme Aspekte als seriösen Beleg für ihre Thesen heraus.

Yogeshwar: Gerade bei öffentlich-rechtlichen Sendern haben wir die Pflicht der Aufklärung – nicht die Pflicht der Konsonanz mit Themen, die gerade En-Vogue sind. Das muss man mit aller Kraft angehen. Wenn wir in den nächsten Jahren nicht aufpassen, werden wir ansonsten in der Bevölkerung ein Vertrauensproblem bekommen: Wer sagt noch etwas, was stimmt – wo stellt sich einer gegen Behauptungen, die bedingt durch die Verbreitung in sozialen Netzwerken überborden? Dafür braucht es ein klares Bekenntnis zu Inhalt, und das ist manchmal unbequem. Aber genau diese Unbequemlichkeit wünsche ich mir viel stärker bei den Öffentlich-Rechtlichen.

MedWatch: Können Sie das ein wenig konkreter machen?

Porträtfoto von Ranga Yogeshwar

Er ist der wohl bekannteste Wissenschaftsjournalist Deutschlands: Der Fernsehmoderator Ranga Yogeshwar (60) studierte Experimentelle Elementarteilchenphysik und Astrophysik, ab 1987 arbeitete er für den WDR und leitete teils das Ressort Wissenschaft. Yogeshwar erhielt zahlreiche Preise – und Ehrendoktorwürden der Universitäten Wuppertal und Koblenz-Landau. Die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg ernannte ihn Ende Mai zum Honorarprofessor.

Yogeshwar: Nehmen wir nochmals das Thema Impfen. Ja, es gibt durchaus Menschen, die sich Sorgen über mögliche Nebenwirkungen machen, doch genau hier müssen wir Journalisten das ganze Bild aufzeigen. Hierzu zählt eben auch, die Risiken zu vergleichen und in ein Verhältnis zu den offensichtlichen Vorteilen der Impfung zu stellen. Während meiner Kindheit in Indien war es offensichtlich warum geimpft wird, denn überall sah man Menschen, die unter Polio litten oder durch andere Viren starben. Dank der Impfungen hat sich das Bild verändert. Polio ist inzwischen zum Glück sehr selten. Wenn jedoch der emotionale Fall eines Impfopfers ohne diese entsprechende Einordnung erfolgt, dann hat das Folgen. Die Impfquote geht zurück und die Angst beginnt sich zu verstärken.

In Japan kam es durch diese mediale Hysterie zu einem phänomenalen Rückgang bei der HPV-Impfquote. Die Regierung hat aufgrund dieser Stimmung sogar die Impfempfehlung zurückgezogen und wurde zu Recht von der WHO dafür gerügt. Durch das Nicht-Impfen werden in Zukunft in diesem Land etwa 3000 Menschen im Jahr sterben, weil sie nicht geschützt sind – was für eine Tragik! Da braucht es journalistischen Sachverstand, der klarstellt, dass die Anti-Impf-Hysterie vornehmlich ein mediales Phänomen ist. Das ist nicht trivial in der Vermittlung. Natürlich kann jede Impfung Nebenwirkungen haben. Das heißt aber nicht automatisch, dass die Impfung an sich deswegen schlecht ist.

MedWatch: Von wo sollten Impulse für Veränderung kommen?

Yogeshwar: Manchmal denke ich, man müsste über die Aufsichtsräte gehen. Wir brauchen mehr Besonnenheit in den Medien. Die Öffentlich-Rechtlichen Sender haben mit ihrem Auftrag eine wichtige Funktion in einer verunsicherten Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund ist es für mich geradezu atemberaubend, dass es in einem Industrie- und Technologieland, das von Wissenschaft lebt, innerhalb der ARD keine Primetime-Sendung zum Thema Wissenschaft gibt. Das ist eine Unterlassungssünde, die inakzeptabel ist. Die Gebühren sind für die Aufklärung da – nicht um sich einer Erregungsbewirtschaftung anzugleichen.

MedWatch: Wie haben Sie die Mechanismen im System erlebt?

Yogeshwar: Ein Beispiel ist die Berichterstattung nach Fukushima: Da breitete sich schlagartig eine Hysterie in den Medien aus. Selbst aufgeklärte Journalisten haben mich gefragt, ob sie noch japanische Kameras kaufen können, oder ob diese verstrahlt sind. Es war in diesem Klima schwer gegen den Strom zu schwimmen, doch aufgrund der Glaubwürdigkeit gelang das. In genau solchen Momenten gibt es dann ein sehr klares Bedürfnis nach Aufklärung und eben nicht nach noch mehr Panikmache.

MedWatch: Hysterie ist der Konsens?

Yogeshwar: Ja, es ist ein unausgesprochener Konsens in den Medien. Jeder guckt, was der andere berichtet und springt auf denselben Zug. Da werden Berichte von anderen im Grunde genommen wiedergekaut. Ein Hauptproblem ist diese ständige mediale Referenz. Guter Journalismus hingegen orientiert sich an Fakten. Die gewissenhafte Recherche wird jedoch in heutigen Produktions-Workflows nicht adäquat honoriert. Inszenierung scheint da wichtiger zu sein als Inhalt. Heute fangen zum Teil Stiftungen an, die Budgets für Recherchen zur Verfügung zu stellen – oder das Science-Media-Center macht die Arbeit, die eigentlich eine gute Redaktion machen sollte.

MedWatch: Welche Rolle haben denn Wissenschaftsjournalisten in den öffentlich-rechtlichen Sendern – also auch außerhalb der Wissenschaftssendungen?

Yogeshwar: Seit Jahren wiederholen wir die Argumente: Der Wissenschaftsjournalismus ist als Fachressort viel zu wenig in die gesamte Berichterstattung integriert. Wenn es Themen gibt, die einen wissenschaftlichen Bezug haben, müsste man die Kollegen kontaktieren und um eine Einschätzung bitten. Aber genau das passiert viel zu wenig. Stattdessen gibt es manchmal ein echtes Nebeneinander, teils widersprechen sich zwei Berichte im selben Sender diagonal. Wissenschaft ist auch bei Öffentlich-Rechtlichen in der Prioritätenagenda nicht weit genug oben angesetzt. Das sieht man auch an der Besetzung von Talkshows, die sich manchmal nicht nach der Vernunft, sondern nach der Aufmerksamkeit richtet – und es werden Themen diskutiert, bei denen man sich fragt, warum ausgerechnet diese Gäste eingeladen sind. Ein aktuelles Beispiel: Vor kurzem lief in Hannover die IdeenExpo. Fast 400.000 Besucher aus der gesamten Bundesrepublik, die meisten davon Schüler und Lehrer, besuchten das Event. In großen Hallen wurden Naturwissenschaft und Technik vermittelt. Das war einzigartig, doch schauen Sie sich die Berichterstattung an. Die IdeenExpo kam kaum vor – auch nicht bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Dieses Versagen ist für mich inzwischen inakzeptabel, denn es gibt eine Pflicht, über solch relevante Ereignisse zu berichten, zumal der Fachkräftemangel im MINT-Bereich offensichtlich ist. Doch auch in den eigenen Reihen gibt es ein Problem: Der Wissenschaftsjournalist fühlt sich oft nicht angesprochen, wenn es um eine aktuelle Thematik geht. Oft gibt es Themen, bei denen ich denke: Da müssen wir doch drauf reagieren. Aber teils sagen mir die Kollegen, sie seien im Moment in einer anderen Geschichte. Da werden also auch manche Wissenschaftsjournalisten ihrer Aufgabe nicht gerecht.

MedWatch: Wird es irgendwann einen großen Knall in der Medienlandschaft geben?

Yogeshwar: Wir erleben den größten Umbruch in der Branche. Noch vor ein paar Jahren hat eine Zeitung gut leben konnte. Aber die Werbung ist abgewandert und wird immer mehr im Internet ausgespielt. Den Medien fehlen die Businessmodelle und Google & Co werden immer reicher. Die Auflagenzahlen befinden sich im freien Fall. Und wenn es so weitergeht, dann wird es in absehbarer Zeit praktisch keine Zeitungen und Zeitschriften mehr geben.

Wenn dich heute ein junger Mensch fragt, ob er Wissenschaftsjournalist werden soll, weiß ich nicht mehr, was ich ihm antworten soll. „Ja, es ist total wichtig für die Gesellschaft, es ist ein spannender Job“ – aber gleichzeitig müsste ich ehrlich genug sein, ihm zu sagen, dass er davon nicht leben kann. Das gilt eben nicht nur für den einzelnen Journalisten, denn wir werden in den nächsten Jahren das Ende vieler Verlage beobachten. Und dann steht der Bürger da und fragt sich: Wo kann ich mich noch vernünftig informieren? Es gibt wenige, die den Sprung geschafft haben. Mein großes Vorbild ist die New York Times, sie hat tatsächlich Qualitätsjournalismus von der Papier- in die Onlinewelt überführt. Aber das ist die Ausnahme.

MedWatch: Können wir denn noch Hoffnung haben?

Yogeshwar: Hoffnung sollte man immer haben. Sobald genügend Menschen begreifen, dass der klassische Journalismus so nicht mehr operieren kann, werden viele aufwachen. Die Zukunft kann nicht eine Welt der kommerziellen Influencer sein, die in verschiedenen Echokammern agieren. Jede Gesellschaft brauch ein Forum des gemeinsamen Dialogs. Journalismus hat hier eine wichtige demokratische Funktion. Die größte Herausforderung, die wir haben, ist ein adäquates Businessmodell für guten Journalismus zu finden. Die klassischen Medien schaffen es nicht, viele versuchen es mit Stiftungen. Es kann aber nicht Aufgabe von Stiftungen sein, dafür sorgen, dass es guten Journalismus gibt. Vielleicht müssen wir die großen Plattformen in die Pflicht nehmen und auch die öffentlich-rechtlichen Medien müssen ihre Prioritäten neu setzen.

Titelfoto: Jan Zappner / re:publica (CC BY-SA 2.0)


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