Bei Fortbildungen für Ärzte soll es eigentlich darum gehen, Mediziner wissenschaftlich weiterzubilden: Sie sollen ihre Patienten bestmöglich über die besten Therapien aufklären können, wie auch über mögliche Nebenwirkungen. Die Unabhängigkeit von Interessen Dritter – etwa der Industrie – auf die Fortbildungsinhalte wird als Anforderung in den Fortbildungsordnungen der Ärztekammern formuliert. Wir haben mit zwei Medizinern gesprochen, die sich mit den Fallstricken der Branche gut auskennen: Mit dem Präsidenten der Berliner Ärztekammer Günther Jonitz, der beim gestrigen Bundesärztetag dem bisherigen Ärztepräsidenten Frank-Ulrich Montgomery nachfolgen konnte, dabei aber wie zwei andere Kandidaten dem Hausarzt Klaus Reinhardt unterlag. Und mit Henning Schaefer, Leiter der Abteilung Fortbildung und Qualitätssicherung der Ärztekammer Berlin. Am Mittwoch hatten wir mit Jonitz bereits über die Frage gesprochen, wie sich das Gesundheitssystem weiterentwickeln sollte. Die Fragen stellen Nicola Kuhrt und Hinnerk Feldwisch-Drentrup.

MedWatch: Ein großer Fortbildungsveranstalter ließ sich von Pharmaunternehmen wie Bayer, Amgen, Lilly oder Boehringer Ingelheim seine Fortbildungskongresse mit bis zu 53.000 Euro sponsorn, wie auch der Ärzte-Verein „Mein Essen zahle ich selbst“ (MEZIS) berichtet hat. Ärztekammern haben teils die Veranstaltungen nicht mehr zertifiziert, der Veranstalter der Fortbildungen ist mittlerweile nicht mehr auf dem deutschen Markt aktiv. Haben Sie in Berlin ähnlichen Ärger erlebt?

Günther Jonitz: Wir haben 2013 einmal eine ähnliche Story durchgefochten mit dem Verlag und Fortbildungsveranstalter Medical Tribune, der ein Seminar bei uns angemeldet hatte und auch durchgeführt hat. Die haben uns Vortragsfolien bei der Anmeldung vorgelegt, die ganz schlicht waren. Im Seminar gab es dann andere, mit der Angabe „Ein Beitrag der Firma XY“ unter jedem einzelnen Vortrag.

Henning Schaefer: Ich war selbst bei der Veranstaltung anwesend, denn das, was im Programm angemeldet wird bei uns und das, was in den Vorträgen passiert, ist ja unter Umständen noch einmal etwas anderes. Es ist quasi ein Vertrauensvorschuss von uns, wenn wir für ein geplantes Seminar CME-Punkte vergeben. Wir prüfen und beurkunden also Papier. Da kann so einiges untergeschoben werden. Und so war es hier. Es sind auch rein mündlich sehr viele Produktnamen gefallen, von Herstellern, die draußen in der Industrieausstellung ihre Werbestände hatten. Bei rund 14.000 Fortbildungsveranstaltungen für Ärzte, die im Jahr bei uns in Berlin angemeldet werden, ist so ein Check vor Ort natürlich nicht immer leistbar. Aber hier wurde unser Verdacht bestätigt. Wir haben festgestellt, dass Zweidrittel der Veranstaltung nicht konform gewesen sind mit den Fortbildungsregeln der Ärztekammer Berlin und so haben wir am Ende zusammen mit unseren Juristen entschieden, dass wir die Punkte aberkennen müssen.

MedWatch: Wie waren die Reaktionen?

Schaefer: Das alles war ein sehr großer Aufwand, wir standen kurz vor der Klage durch die Medical Tribune, doch davon haben sie dann Abstand genommen. Ärgerlich an der Rücknahme der CME-Punkte war, dass dies die Medical Tribune am wenigsten traf, sondern die, die bei der Veranstaltung dabei gewesen sind: Das waren über 150 Ärzte. Die waren sauer, weil sie natürlich davon ausgegangen sind, dass sie sich auf die von der Ärztekammer vergebenen CME-Punkte verlassen können, wenn sie eine Veranstaltung besuchen. Das sollte auch so sein. Wir sprechen seither auch nicht mehr von „Zertifizierung“, sondern von „Anerkennung einer Veranstaltung“, weil wir ja im Vorfeld der Veranstaltung, also im Rahmen der Überprüfung der vom Veranstalter eingereichten Unterlagen, nicht sehen können, wie die Veranstaltung dann in Wirklichkeit abläuft.

„…die schicken uns zwar von allem Industrieeinfluss bereinigte Folien, aber die Datei selbst heißt dann wie der Hersteller…“

MedWatch: Können Sie die Veranstalter der Ärzte-Seminare nicht strenger kontrollieren?

Schaefer: Im Rahmen der Möglichkeiten tun wir das. Doch auch wenn wir uns die Vortragsfolien im Vorhinein geben lassen, das tun wir stichprobenartig, können diese ja für die Veranstaltung geändert werden. Manche sind allerdings nicht so schlau, die schicken uns zwar von allem Industrieeinfluss bereinigte Folien, aber die Datei selbst heißt dann wie der Hersteller oder diese ist nach dem Produkt benannt, das offenbar in der Veranstaltung genannt werden soll. Oder in den Informationen zur Datei – die man ja einsehen kann – war der letzte, der das Dokument bearbeitet hat, ein Mitarbeiter einer Pharmafirma. Dies sind dann Mosaiksteine, die zusammen mit anderen kritischen Punkten zu einer Ablehnung der beantragten CME-Punkte führen können.

Photo von Henning Schaefer im Gespräch mit MedWatch.

Leitet die Abteilung Fortbildung und Qualitätssicherung der Ärztekammer Berlin: Henning Schaefer.

MedWatch: Können Sie diese Veranstalter und Firmen für die Zukunft ausschließen?

Schaefer: Nein. Wir dürfen diesem Veranstalter nicht sagen, dass er wegen seines Verhaltens für ein Jahr oder ein halbes Jahr von der Beantragung ausgeschlossen wird. Wir fragen bei unseren Juristen immer wieder nach Lösungen in diese Richtung nach. Wir wollen ja eine Möglichkeit haben, dass diejenigen, die unsere Fortbildungsregeln verletzt haben, sanktioniert werden können. Das wären dann die richtigen und nicht die Ärzte, die auf eine solche Veranstaltung gegangen sind.

MedWatch: Können Sie Ihre Regularien nicht anpassen, sodass dieser Schritt möglich würde?

Schaefer: Das ist so einfach leider nicht. Die Musterfortbildungsordnung wird von der verfassten deutschen Ärzteschaft, dem Deutschen Ärztetag gemacht. Im Vorfeld werden diese in den zuständigen Gremien in den Landesärztekammern und der Bundesärztekammer diskutiert und da gibt es naturgemäß eine ganz breite Spreizung von Meinungen. Ziel der Diskussionen ist es, am Ende eine zustimmungsfähige Fortbildungsordnung zu konsentieren, die dann den entscheidungsbefugten Gremien, also Vorstand, Delegiertenversammlung und am Ende dem Deutschen Ärztetag, zur Beratung und Beschlussfassung vorgelegt werden kann. Das heißt, man muss an vielen Stellen auch Kompromisse finden. Wir haben ja auch Vertreter zum Beispiel von MEZIS mit in den Gremien sitzen, die größtmögliche Transparenz und den Ausschluss der Pharma- und Medizinprodukteindustrie aus der ärztlichen Fortbildung fordern. Und neben dieser Meinung gibt es auch Vertreter anderer Positionen verschiedenster Art. Aber am Ende muss man mit einem Vorschlag rausgehen, der auch beschlussfähig ist.

Jonitz: Wir haben unsere Fortbildungsgremien gerade neu gewählt, da sind jüngere Leute, da kommt eine neue Generation nach, die durchaus Dinge ändern möchte. Zudem sind wir als Ärztekammer Berlin immer verschrien als die, die am genauesten hingucken. Es gibt eine Menge Fortbildungen, die hier in Berlin nicht mehr stattfinden. Ich bekomme dann regelmäßig Beschwerden von Fachgesellschaftsvertretern, weil hier eine Veranstaltung nicht stattfindet.

MedWatch: Ist dann also jetzt alles gut?

Foto von Günther Jonitz

Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin.

Jonitz: Das Problembewusstsein ist da. Aber das Problem bei pharmagetriebenen Fortbildungsveranstaltungen liegt ja auch auf einer ganz anderen Ebene. Das beginnt damit, dass in der Finanzierung des Gesundheitswesens Personalentwicklungskosten nicht vorgesehen sind. Das Geld, das sie eigentlich brauchen, um Mitarbeiter zu qualifizieren, das in jeder Autowerkstatt, in jedem Unternehmen völlig normal ist, Personalentwicklungskosten, existiert im deutschen Gesundheitswesen nicht. Das wurde mir auch bestätigt von Leuten, die die aktuellen Rahmenbedingungen aktiv mitbegleitet haben. Das habe man vergessen. Wir haben da einen Webfehler im System. Wir geben im deutschen Gesundheitssystem zu viel Geld aus für Sachen und zu wenig für Menschen. Und Investition in die Qualifikation von Menschen fehlt komplett.

MedWatch: Was wären mögliche Lösungen?

Jonitz: Die Probleme sind systemischer Natur. Zu großen Fortbildungskongressen kommen auch mal 5000 Ärzte – ohne die Pharma- und Medizinprodukteindustrie kriegt man sowas nur schwer finanziert. Das herunterzufahren ist schwierig. Man könnte im kleinen Kreis ärztliche Fortbildungen nur mit Referenten machen, die im besten Sinne frei sind von Interessenkonflikten, vor allem von Verbindungen zur Industrie. Dies macht zum Beispiel die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft so – das wäre das Einfachste. Dieses Vorgehen ist jedoch in der Breite kaum machbar.

In anderen Ländern ist es anders gelöst. Wenn du zum Beispiel in Holland arbeitest, hast du selbstverständlich zwei Wochen Fortbildungsurlaub pro Jahr, es gibt einen Etat für Fortbildungen.

MedWatch: Welche Fehler sehen Sie noch?

Jonitz: Das Geschäft mit der Angst, dass die Pharmaindustrie betreibt. Ganz einfach: Angst schüren, Hoffnung verkaufen. Diese Erwartungshaltung des Patienten, er ist krank und wünscht sich natürlich nur das Beste für sich, und der Doktor, der für seine Patienten logischerweise auch nur das Beste will: Warum sollte er ein zweitklassiges Medikament verschreiben, wenn es etwas Besseres gibt? Und das stößt dann auf das Prinzip der Ahnungslosigkeit. Es gibt also ökonomische und psychologische Mechanismen, die dieses System am Laufen halten. Und leider besitzen auch Ärzte nicht immer die erforderlichen statistischen Kenntnisse die sie benötigen, um wissenschaftliche Studien oder von der Pharmaindustrie publizierte Informationsmaterialien kritisch beurteilen zu können.

Schaefer: Die Ärztekammer Berlin bietet seit diesem Jahr wieder eine Fortbildung „Evidenzbasierte Medizin“ an, die erfreulicher Weise sehr gut angenommen wird. Darin werden auch statistische Kompetenzen geschult. Die Ärzte schildern uns jedoch immer wieder das Problem, dass sie in ihrem Tagesgeschäft mit der extremen Arbeitsverdichtung heute weniger Zeit haben denn je, sich evidenzbasiert mit ihrem Patienten auseinanderzusetzen und zum Beispiel eine Studienrecherche zu dem konkreten gesundheitlichen Problem des Patienten machen zu können. Ärzte möchten das erforderliche Grundwissen für eine evidenzbasierte Medizin haben – und wollen wissen, wo verlässliche Quellen sind, bei denen sie sich weiter informieren können. Mit unserem Fortbildungsangebot versuchen wir unsere Mitglieder bei ihren Fortbildungsbedürfnissen bestmöglich zu unterstützen.

„Wir bräuchten idealerweise das, was andere Länder haben: Ein unabhängiges Wissens-Management.“

MedWatch: Wäre dann vielleicht ein besserer Weg, dass man es mit den Fortbildungen in der bisherigen Form einfach lässt und einen anderen Weg beschreitet, etwa eine Akademie der Bundesärztekammer begründet oder ähnliches?

Jonitz: Wir bräuchten idealerweise das, was andere Länder haben: Ein unabhängiges Wissens-Management. In Großbritannien gibt es seit 13 Jahren die National Library of Health. Wir hätten sie anbieten können, als Ärztekammer Berlin. Aber wir sind finanziell zu schwach, um dies zu tun. Derartige Libraries gibt es mittlerweile auch in Australien oder den Vereinigten Staaten und Norwegen. Dass wir als europäisches Vorzeigeland so eine Library nicht haben, ist eigentlich ein Armutszeugnis. Das hat auch in der Politik niemand auf dem Zettel und die Krankenkassen schon gar nicht.

MedWatch: Neben Industrieeinflüssen ist ein anderes Problem ja, dass die Fortbildungen teils unwissenschaftliche Inhalte haben – eine Ärztekammer hat etwa eine Ayurveda-Seminarreise nach Indien anerkannt.

Schaefer: Es gibt Urteile, in denen die Gerichte entschieden haben, dass von den Ärztekammern zum Beispiel wegen nicht evidenzbasierten Inhalten nicht anerkannte Fortbildungen doch anerkannt werden müssen, damit Ärzte auch Negativbeispiele für therapeutisches Handeln kennenlernt. Das wollen wir eigentlich raussieben – aber das Gericht sagt: Das muss der Arzt doch auch kennen.

MedWatch: Aber in der Fortbildung muss der Stand der Wissenschaft doch kritisch reflektiert werden, oder?

Schaefer: Das steht in den Fortbildungsregularien zwar drin, aber das kriegen sie in einer Fortbildungseinheit von 45 Minuten je Themenfeld kaum unter. Diese Vorgabe kann man in der Regel nur dann erfüllen, wenn zukünftig Fortbildungen etwas anders als es bisher überwiegend der Fall ist geplant werden: Weniger Einzelthemen pro Fortbildungseinheit, stattdessen mehr Zeit für ein einzelnes Thema, was dann nicht in 45 Minuten sondern in zwei- oder dreimal 45 Minuten besprochen wird.

Fotos: Hinnerk Feldwisch-Drentrup / MedWatch


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