Facebook, Google, TikTok, Pinterest Was Social-Media-Plattformen gegen Medizin-Fakes tun – und was nicht

Foto: CDC / Unsplash

Falschinformationen zu Medizin und Gesundheit sind in sozialen Medien weiterhin omnipräsent, obwohl die Betreiber inzwischen aktiver geworden sind. In den letzten Monaten in Europa stark gewachsen ist die App TikTok: Der Betreiber hat angesichts höchst problematischer Inhalte kürzlich neue Standards erlassen – und nach Anfrage von MedWatch einen Kanal gelöscht, der zum US-amerikanischen Verschwörungstheoretiker Alex Jones gehörte.

„Teuflische Regierungen bombardieren Eure Babies mit Impfstoffen“ – oder „Räuberische Impfpropaganda ist Teil eines Entvölkerungsprogramm der Globalisten“: Der Verschwörungstheoretiker Alex Jones verbreitet nicht nur politische Falschinformationen, sondern regelmäßig auch solche zu Impfungen. Er ist Gründer des rechten Portals „Infowars“. Doch nachdem Facebook mehrere seiner Kanäle und Twitter ihn blockiert haben, blieben ihm zum Verbreiten seiner Videos noch das Portal „BANNED.video“ – oder TikTok.

Dabei geben die aus China kommende App TikTok wie auch die anderen Social-Media-Betreiber sich verantwortungsbewusst. „TikTok unterstützt keine falschen oder irreführenden Informationen“, heißt es auf Nachfrage von MedWatch. „Wir sind uns der Bedeutung der Bekämpfung von Fehlinformationen auf unserer Plattform bewusst und verbessern kontinuierlich unsere Maßnahmen zur Erkennung und Reaktion auf irreführende oder falsche Informationen.“ In Deutschland übernimmt die renommierte Agentur Hering Schuppener Pressearbeit für TikTok – 2019 hatte man unter anderem den früheren Gesundheitsstaatssekretär Lutz Stroppe als „Senior Advisor“ engagiert. Für Firmen sei es erfolgskritisch, „die eigene Positionierung nicht nur gegenüber den Kunden, sondern auch und vor allem als gesellschaftlicher Partner glaubwürdig und robust zu definieren“, erklärte Stroppe.

TikTok löscht ganzen Kanal

Dabei plagen TikTok viele Skandale: Einerseits ist es von der diktatorisch regierenden Kommunistischen Partei Chinas abhängig, außerdem hatte es den Ruf, gegen sexuelle Belästigungen nicht ausreichend vorzugehen. Nach Recherchen des Portals netzpolitik.org hat es früher die Sichtbarkeit von Inhalten verringert, die Menschen mit Behinderungen gepostet haben – angeblich um sie vor Mobbing zu schützen.

Kürzlich hat TikTok sich neue Community-Standards gegeben: „Fehlinformationen, die der Gesundheit einer Person oder der öffentlichen Sicherheit insgesamt schaden könnten“ würden entfernt, heißt es da – wie auch Inhalte, die im Rahmen von Desinformationskampagnen verbreitet werden. Wie passen die Videos von Jones dazu? TikTok erkannte auf Nachfrage von MedWatch das Problem: „In dem von Ihnen erwähnten Fall haben wir den Inhalt überprüft. Die Videos verstoßen eindeutig gegen unsere Community-Richtlinien. Wir haben die Videos und den Account gelöscht.“

Als „beliebte Online-Plattform“ bekenne sich TikTok zu seiner Verantwortung, Bedenken, Kritik und Optimierungsmöglichkeiten fortlaufend zu prüfen, heißt es. Das Unternehmen kündigte kürzlich die Einrichtung eines „Trust & Safety Hub“ in Dublin ein, das „einen Schwerpunkt auf die Entwicklung von robusten Richtlinien, Technologien und Moderations-Strategien“ legen sollte. Er freue sich sehr, den „Trust & Safety Hub“ zu leiten, erklärte der frühere Google- und Facebook-Manager Cormac Keenan – und dort einen lokalen Ansatz für die Moderation von Inhalten zu entwickeln, der unserer Community hilft, „sich auf TikTok weiterhin sicher zu fühlen und sich selbst in vollen Zügen auszudrücken”.

„Autismus für alle Kinder“

Doch weiterhin finden sich auf TikTok irreführende Videos mit falschen Inhalten – „Autismus für alle Kinder“ heißt es etwa in einem Video zur in Deutschland eingeführten Masern-Impfpflicht

Zur Zahl der gelöschten Beiträge, die gegen die Community-Guidelines verstoßen, „geben wir keine genauen Zahlen bekannt“, erklärt TikToks Agentur. „Von denen von öffentlichen Behörden gemeldeten Verstößen haben wir 85 Prozent offline genommen“, heißt es. Doch welche Behörden melden schon TikTok-Videos?

Und die bisherigen Platzhirsche Facebook, Google und Co.?

Die großen Internetkonzerne und allen voran Facebook stehen weiterhin in der Kritik, nicht genug zu tun, um Hasspostings und Falschnachrichten aus seinem Angebot heraus zu filtern. Das soll nun offenbar anders werden. Facebook habe sich dazu entschlossen, 1.000 neue Arbeitsplätze zu schaffen, erklärte Facebook-Managerin Sheryl Sandberg laut Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In einem neuen Büro in London soll vor allem die Entwicklung künstlicher Intelligenz vorangetrieben werden, „um schädliche Inhalte schneller zu entfernen.“

Speziell zum Thema Impfen hatten sich bereits im vergangenen Frühjahr in den USA – nach massiven Druck durch Politiker und Werbekunden – Plattformbetreiber bereit gezeigt, etwas zu ändern. Erste Einstellungen wurden geändert, Infos von verlässlichen Quellen sollten hervorgehoben und etwa die Sichtbarkeit von Fehlinformationen über das Impfen verbreiten, reduziert werden. Allerdings konzentrierten sich etwa Google oder Facebook vor allem auf englischsprachige Inhalte, wie wir berichteten. Weitere Sprachen sollten folgen.

Facebook und Instagram

Tatsächlich zeigt Facebook, wenn man auf der Plattform etwa nach „Impfen“ oder „Impfen Risiko“ sucht, verstärkt gute Informationen an. Die Seite blendet über den Posts eine Infotafel mit Verweis auf die Weltgesundheitsorganisation ein (WHO).

Dennoch gibt es auf Facebook immer noch große Impfgegner-Gruppen wie „Freie Impfentscheidung, gegen Zwangsbehandlung“ und befreundete Verbünde wie „Wir impfen nicht“ oder „Impfen? Nein danke“. Auch auf Instagram finden sich problematische Informationen zum Thema Impfen.

„Die Sicherheit der Menschen auf unseren Plattformen und die Integrität der Informationen sind für uns extrem wichtig“, heißt es von der Sprecherin der PR-Agentur, die in Deutschland für Facebook arbeitet. 

Im Laufe des letzten Jahres haben Facebook und Instagram offenbar auf mehrere Lösungsansätze gesetzt: Man habe die Sichtbarkeit von Facebook-Gruppen, Facebook-Seiten und Instagram Accounts eingeschränkt, die Fehlinformationen zum Thema verbreiten, erklärt die Sprecherin – sie würden nicht mehr empfohlen und im Feed nicht mehr ganz oben angezeigt. Hashtags auf Instagram würden ganz blockiert.

Instagram blockiert Hashtags

Im Juli 2019 sind laut ihr zwei Änderungen am Ranking vorgenommen worden, um gegen falsche Behauptungen vorzugehen und ihre Verbreitung einzugrenzen. Im September 2019 habe Facebook die Informationskästen eingeführt, die bei impf-bezogenen Suchen, Gruppen und Seiten angezeigt werden. Diese Kästen seien in den USA mit Informationen der dortigen Seuchenschutzbehörde CDC sowie der Weltgesundheitsorganisation verknüpft. Diese Informationskästen werden angezeigt bei impf-bezogenen Suchen, in Facebook-Gruppen und auf Seiten, die Impfungen diskutieren. Auch zu sehen sind sie bei Einladungen zum Beitritt von Facebook-Gruppen, die Impfungen diskutieren.

Dabei sollen auch Inhalte, die nicht direkt gegen die Richtlinien von Facebook verstoßen, aber anderweitig schädlich sind oder qualitativ abfallen, in den Blick genommen werden. Auf Instagram wurden Hashtags blockiert, die offensichtliche Fehlinformationen enthalten. In Deutschland sind dies Hashtags wie #impfenneindanke, #impfschaden, #stopimpfzwang, #impfenistdoof oder #wirimpfennicht. „Diese Liste ist dynamisch und kann sich fortlaufend ändern“, hieß es.

Facebook unterscheidet allerdings zwischen Fehlinformationen übers Impfen und die Anti-Impf-Bewegung: Es würde nichts gegen Äußerungen unternommen, die eine Meinung gegen das Impfen darlegen. Man erkenne an, dass es umstrittene Perspektiven gibt. Das bloße Entfernen von provokativem Denken trage wenig dazu bei, ein Bewusstsein für Fakten und unterschiedliche Ansätze zum Thema Gesundheit zu schaffen. Gegenrede in Form von genauen Informationen von Experten auf dem Gebiet/international anerkannten Gesundheitsorganisationen kann helfen, eine sicherere und respektvollere Umgebung zu schaffen.

Google und Youtube

Man habe erste Schritte im Kampf gegen Falschmeldungen zu medizinischen Themen gemacht, berichtete uns im vergangenen März die für Google und Youtube zuständige Medienagentur. Die Kanäle von Impfgegnern könnten auf Youtube keine Werbung mehr für ihre Videos schalten. Auf Google erschienen „mehr verlässliche Inhalte“, wenn „Menschen nach Impf-Themen suchen“. Außerdem habe der Konzern begonnen, Empfehlungen für „bestimmte Anti-Impf-Videos zu reduzieren“ und „Infotafeln mit weiteren Quellen anzuzeigen“, mit denen Menschen selbst ein Fakt-checking durchführen könnten.

MedWatch wollte auch hier wissen, ob die Entwicklung bei Google und Youtube tatsächlich weitergegangen ist. Ein Check auf Google und Youtube mit Suchbegriffen wie „Impfen Risiko“ und „Impfen Nebenwirkung“ zeigte, dass tatsächlich häufig evidenzbasierte, verlässlichen Quelle zu finden sind – teils sind die ersten zehn Suchtreffer als vertrauenswürdig anzusehen. Dennoch stößt man weiterhin auf Clips oder Interviews mit verzerrenden Inhalten – auch auf der ersten Treffer-Seiten bei Google.

„Fehlinformationen auf unseren Plattformen sind schwierige Herausforderungen und jede Fehlinformation über medizinische Themen ist besonders besorgniserregend“, erklärte die Medienagentur des Konzerns nun. Man habe bereits einige Maßnahmen ergriffen, um dem entgegenzuwirken – dazu gehöre die verstärkte Veröffentlichung von glaubwürdigen Quellen, und die Bereitstellung von Informationstafeln, damit Nutzer die Informationen eigenständig überprüfen können. Außerdem arbeitet man an Wegen, die Verbreitung von Inhalten zu verringern, die gegen die Community-Richtlinien verstoßen, diese aber nicht ganz überschreiten. Zu diesem Zweck habe man bei Youtube begonnen, Empfehlungen für diese Inhalte, einzuschränken. Gemeint sind etwa Videos, in denen für ein falsches Wundermittel für eine schwere Krankheit geworben wird, behauptet wird, die Erde sei flach, oder in denen offensichtliche falsche Behauptungen zu historischen Ereignissen wie dem 11. September 2001 aufgestellt werden. „Wie bei Änderungen im Algorithmus üblich, werden auch diese Anpassungen schrittweise erfolgen und mit der Zeit immer genauer werden.“

Wo gibt es einen wissenschaftlichen Konsens?

Für Anfragen zu Themen wie Gesundheitsinformationen, die besonders sensibel und für Fehlinformationen anfällig sind, verfüge man über Systeme, mit denen Ergebnisse aus vertrauenswürdigen Quellen priorisiert werden können. Man bemühe sich, zudem Informationen anzuzeigen, „die einen breiten wissenschaftlichen Konsens zu Fragen widerspiegeln, bei denen ein solcher Konsens besteht“. Für Hunderte von Erkrankungen wie Masern und anderer durch Impfungen vermeidbarer Krankheiten habe man Wissenspanels eingerichtet, die Informationen aus maßgeblichen Quellen wie der Mayo Clinic enthalten und von Medizinern ausgewertet wurden.

In den letzten Jahren habe Google in die Richtlinien, Ressourcen und Produkte investiert, die erforderlich sind, um der Verantwortung des Unternehmens gerecht zu werden und die YouTube-Community vor schädlichen Inhalten zu schützen.

Pinterest griff zunächst hart durch

Pinterest hatte 2019 hart durchgegriffen: Bei Suchen nach Begriffen wie „Impfungen“ oder „vaccination“ kam eine Meldung, dass Beiträge zu diesen Themen häufig gegen die Community-Richtlinien verstoßen – und daher gar keine Suchergebnisse angezeigt werden. Bei Suchen nach englischsprachigen Begriffen hat Pinterest die Ergebnisse auf Inhalte „international anerkannter Gesundheitsorganisationen beschränkt“.

Nicht so jedoch bei deutschsprachigen Worten wie beim Suchbegriff „Impfungen“, wo weiterhin irreführende Beiträge erscheinen. Wann geht Pinterest auch die deutschsprachigen Inhalte an? „Ich kann leider nichts Genaues zum Timing sagen, aber voraussichtlich nicht mehr September“, erklärte eine Sprecherin Anfang September 2019 auf Nachfrage von MedWatch. Bislang hat es offenbar noch nicht geklappt.

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Ein Kommentar zu „Was Social-Media-Plattformen gegen Medizin-Fakes tun – und was nicht

  1. Ein wenig blauäugig, die Mayo-Klinik ausgerechnet als Referenz für vertrauenswürdige Quellen heranzuziehen. Ok, natürlich besser als Impfgegnerseiten oder der Zentralverein homöopathischer Ärzte, aber der Lobpreis von Mayo als Nonplusultra evidenzbasierter Medizin ist inzwischen schon fast eine urban legend, seitdem sie sich einer “Integration” der sogenannten “CAM” öffnet.
    https://theness.com/neurologicablog/index.php/misinformation-from-mayo-clinic/

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