Wie soll das Gesundheitssystem in Deutschland weiter entwickelt werden? Im vergangenen Dezember sprachen wir mit einem der „Gesundheitsweisen“ der Bundesregierung, Ferdinand Gerlach: Der Allgemeinmediziner sagte uns, Ärzte sollten auch für Aufklärung und fürs Abwarten bezahlt werden – und: Seiner Einschätzung nach stehe die Gesundheitsversorgung angesichts von Alexa und Co. vor einem Systembruch. Nun sprechen wir hierzu mit Günther Jonitz, der seit 1999 Präsident der Berliner Ärztekammer ist und somit auch Mitglied des Vorstands der Bundesärztekammer ist. Am morgigen Donnerstagmittag kandidiert er erneut für deren Vorsitz, um den scheidenden Ärztepräsidenten Frank-Ulrich Montgomery abzulösen. Im zweiten Teil des Interviews befragen wir ihn und seinen Kollegen Henning Schaefer zur Qualität und zu Interessenskonflikten bei Ärztefortbildungen. Die Fragen stellen Nicola Kuhrt und Hinnerk Feldwisch-Drentrup.

MedWatch: Was würde sich ändern, wenn Sie Präsident der Bundesärztekammer wären?

Günther Jonitz: Das Auftreten der Ärzteschaft in der politischen Szene würde ein deutlich anderes werden, als wir es im Moment haben. Wir würden darüber reden, wo die Probleme in der Patientenversorgung herkommen und über den Systemfehler, der sie verursacht hat – nicht über die Frage, wer der Schuldige ist. Wir müssen den Selbstbesinnungsprozess anstoßen und die Rolle des Arztes im 21. Jahrhundert neu definieren. Ich bringe mit Sicherheit eine ganz neue strategische Dimension rein – wie auch in einem Antrag beim Ärztetag 2017. Ich möchte, dass die Ärzteschaft eine deutlich aktivere Rolle in die Politik einbringt und nicht nur reagiert, wenn der Gesetzgeber wieder irgendeinen Entwurf vorlegt, der weit weg ist von dem, was Ärztinnen und Ärzte täglich in der Versorgung erleben.

MedWatch: Was läuft Ihrer Ansicht nach bislang falsch?

Foto der Bild-Titelseite zu Ärztefehlern.

Jonitz wünscht sich, dass Ärzte auch über eigene Fehler sprechen.

Jonitz: Unsere Medizin hat sich geändert – sie ist sehr viel erfolgreicher geworden, unsere Patientinnen und Patienten haben sich geändert – sie sind kränker, fragiler und anspruchsvoller geworden, und unsere Rahmenbedingungen – viel zu viel Bürokratie, Fremdbestimmung, falsche finanzielle Anreize – haben sich geändert. Nur die Art und Weise, in der Politik gemacht wird und wie wir – eher nicht – zusammenarbeiten, sind gleich geblieben. Das kann nicht gut gehen. Mit dem Fortschritt in der Medizin muss über den Fortschritt des Systems nachgedacht und gehandelt werden. Wir brauchen „Werte“ als Zielkriterium, Werte aus Patientensicht, und nicht finanzielle Ziele, wir brauchen Zusammenarbeit anstelle von Wettbewerb und Markt, wir brauchen eine gemeinsame Verantwortung für Versorgung, damit das elende Schwarzer-Peter-Spiel aufhört. Dazu braucht es eine kluge und vertrauensvolle politische Führung. Die Bundesärztekammer als Stimme der Ärztinnen und Ärzte kann dafür sowohl Wegbereiter als auch Katalysator sein.

MedWatch: Wie groß sind Ihre Erfolgschancen Ihrer Einschätzung nach?

Jonitz: Ich stehe, wofür ich stehe. Und die Abgeordneten haben die Wahl. Da ich keinen der größeren Verbände hinter mir habe, bin ich auf Unterstützer aus allen Lagern angewiesen.

MedWatch: Warum versuchen Sie es noch einmal?

Jonitz: Ich bin Überzeugungstäter und werde nicht tatenlos zusehen, wie die Versorgung teurer und schlechter und die Enttäuschung bei Ärztinnen und Ärzten, aber auch bei den Patienten immer größer wird. Das jetzige System fährt gegen den Baum – das haben weder die Patientinnen und Patienten nicht verdient, noch diejenigen, die das System jeden Tag durch ihr ganz persönliches Engagement am Laufen halten. Das ist meine „romantische“ Zielgruppe, für die ich da eintrete.

Es geht mir um drei Themen, für die ich antrete. Einen Strategiewechsel in der Politik: „Optimierung der Versorgung“ anstatt „Dezimierung von Kosten und Strukturen“. Taktstock anstatt Brechstange. Die Renaissance des Arztberufs: Der Arzt beziehungsweise die Ärztin ist die wichtigste Person im Leben eines kranken Menschen und gleichzeitig auch im System. Wir kümmern uns um den einzelnen Kranken und gleichzeitig veranlassen wir Leistungen, die Geld kosten. Also müssen wir unsere Rolle im 21. Jahrhundert neu definieren und brauchen mehr Transparenz zum Nutzen und zu den Kosten. Wir brauchen ein besseres System der Versorgung, Zusammenarbeit als Prinzip, Werte als Ziel. Rechenschaft über gute Arbeit ablegen und dafür gutes Honorar zu bekommen und gleichzeitig kontinuierlich aus den Erfahrungen des Alltags der Versorgung lernen bis hin zur Prävention. Das ist das Fernziel.

MedWatch: Vergangenes Jahr haben Sie mit einem speziellen Thema für Aufmerksamkeit gesorgt: Sie haben angekündigt, Fortbildungen aus dem Bereich Homöopathie ab diesem Jahr nicht mehr anzuerkennen. Wird der Plan umgesetzt?

Jonitz: Dies wird jetzt sicherlich Thema werden im Fortbildungsausschuss der Ärztekammer Berlin. Mein Ansatz war das Gerichtsurteil zu einem Prozess, den wir damals gewonnen haben, da die Inhalte des betreffenden Seminars in keinster Weise belegbar waren. Damit haben die Homöopathen durchaus ein Problem. Es wird jetzt geprüft im Fortbildungsausschuss.

Ich sehe das nach wie vor pragmatisch: Homöopathie als Heilmethode ist blühender Unfug. Homöopathie ist manchmal nützlich ­– für den, der daran glaubt, und für den, der daran verdient. Und nie wirksam. Punkt. Entscheidend ist bei dem Thema der realexistierende Alltag. Es gibt eine Menge Fans, die damit behandelt werden wollen, und eine Menge, die sich dem Thema verschrieben haben. Es ist die entscheidende Frage, ob die ihre Grenzen kennen. Wenn das der Fall ist, ist dem Arzt zum Wohl des Patienten fast alles erlaubt. Es sind oft sehr verantwortungsbewusste und honorige Ärzte, die genau wissen – auch wenn sie es nicht genau zugeben – dass die Homöopathie wissenschaftlich gesehen nicht wirksam ist.

MedWatch: Warum wird die Homöopathie von Ärzten weiter angeboten?

Jonitz: Sie ist derzeit für einen intensiven Arzt-Patienten-Kontakt wichtig, um für den Patienten die Zeit zu haben, die ich als normaler Kassenarzt nicht habe. Und es deckt einen anderen Bereich ab: Homöopathie setzt auf Suggestion und Autosuggestion. Ob es nur dazu dient, den Patienten solange zu beschäftigen, bis er alleine geheilt ist, oder ob durch die positive Erwartungshaltung und den Placeboeffekt tatsächlich etwas auslöst wird, ist eine andere Frage. Das Thema Homöopathie wird auch nicht irgendwie beendet, sondern es wird auslaufen: Die Zahl der Ärzte, die eine Zusatzqualifikation machen, ist in Berlin mittlerweile im niedrigen einstelligen Bereich pro Jahr. Die Nachfrage der Ärzte an der Zusatzqualifikation nimmt ab.

MedWatch: Aber warum braucht man ausgerechnet unwissenschaftlichen Unfug, um Bedürfnisse abzudecken, die aktuell im System nicht erfüllt werden?

Jonitz: Weil es im Kern um die Zuwendung des Arztes geht. Wir brauchen eine Renaissance des Arztberufes. Wir haben uns verlaufen und sind in einigen Bereichen zum Dienstleister geworden – bis hin zur drohenden Rolle des „Medizinisten“, der vom Patienten nur noch die Labor- und Messwerte kriegt, um dann nach evidenzbasierten Studien das Medikament und die Dosis zu bestimmen. Wir müssen die Arztrolle neu definieren und die Rolle des Arztes als Heiler aus der Ecke holen und zu dem zu machen, was sie eigentlich früher mal war und sein sollte: Ein kompetenter Vertrauensmann beziehungsweise Vertrauensfrau in einer schwierigen Lebensphase. Das ist die eigentliche Herausforderung. Die aktuelle Polarisierung ist die Folge dessen, dass die Medizin das oft nicht mehr bietet, was der Patient in seinem Menschsein von der therapeutischen Beziehung erwartet. Die suchen sich ihr Heil dann irgendwo anders. Solange Horoskope in der Zeitung gedruckt werden und die Leute Lotto spielen gibt es immer eine gewisse irrationale Heilserwartung und wir müssen gucken, wie wir damit umgehen.

MedWatch: Würden Sie Bundesärztepräsidenten Frank-Ulrich Montgomery zustimmen, der kürzlich gesagt hat, dass Ärzte nicht das Recht hätten, Unsinn zu vertreten?

Jonitz: Ja. Aber was ist Unsinn? Homöopathie ist Unsinn, wenn man behauptet, sie sei als Heilmethode wirksam. Was klar ist: Wir brauchen in der Medizin mehr Zeit für Zuwendung, Zeit zum Arztsein. Ich bin von der ersten Stunde an überzeugt davon, dass wir als Ärzte uns an der bestverfügbaren Evidenz, unserer ärztlichen Erfahrung – und den Präferenzen und Bedürfnissen des Patienten ausrichten sollten. Dieser EbM-Dreiklang macht den Unterschied zum „Unsinn“.

Teil zwei des Interviews folgt am Freitag. Worum es geht? Wir haben mit Günther Jonitz und Henning Schäfer, Leiter der Abteilung Fortbildung und Qualitätssicherung der Berliner Ärztekammer, über die Unwägbarkeiten gesprochen, die sich bei Fortbildungen für Ärzte ergeben können. Eigentlich soll es bei diesen Seminaren, Workshops und Schulungen darum gehen, Mediziner wissenschaftlich weiterzubilden – doch oft fließt dabei Geld seitens der Industrie. Versuche, den Einfluss zu unterbinden oder zu verhindern, scheitern oft und finden ohnehin selten statt. Jonitz und Schäfer berichten über die Fallstricke und Probleme einer großen Branche.

Fotos: Hinnerk Feldwisch-Drentrup / MedWatch


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