Der Vater der Wissenschaftsjournalistin Irene Habich nimmt über Jahre ein verunreinigte Blutdruckmittel mit dem Wirkstoff Valsartan. Dann erkrankt er an Prostatakrebs. Für MedWatch hat die Journalistin ihre persönlichen Eindrücke festgehalten und aufgeschrieben, wie ihr Vater mit der Unsicherheit umging.

2012, das ist einigermaßen lange her: Damals wird Barack Obama gerade zum zweiten Mal Präsident der USA und Markus Lanz übernimmt „Wetten, dass?“. Im Jahr 2012 ist mein Vater 69 Jahre alt und hat vor kurzem noch einmal geheiratet. Er scheint glücklich zu sein, mit seiner neuen Frau. Mein Vater genießt sein Leben, ist aktiv und gesund. Nur sein Blutdruck, findet sein neuer Hausarzt, gehe manchmal zu stark in die Höhe. Er verschreibt ihm zum ersten Mal den Blutdrucksenker Valsartan von 1 A Pharma, 160 Milligramm täglich.

Ebenfalls im Jahr 2012 stellt der chinesische Medikamenten-Hersteller Zhejiang Huahai Pharmaceutical das Produktionsverfahren von Valsartan um. Von nun an entsteht als Beiprodukt unbemerkt der krebserregende Stoff N-Nitrosodimethylamin (NDMA). Weil die Chinesen so billig produzieren, lassen sich Pharmakonzerne weltweit von ihnen beliefern. Auch 1 A Pharma gehört zu den Kunden.

Als ich erfahre, dass mein Vater blutdrucksenkende Mittel nimmt, halte ich das für unnötig. Ich selbst habe bereits Artikel darüber geschrieben, dass es oft schon genügt, sich mehr zu bewegen und Stress abzubauen, um den Blutdruck zu reduzieren. Mein Vater ist zwar im Grunde ein eher sanftmütiger Mensch. Er lässt sich aber von Kleinigkeiten schon einmal vorschnell aus der Ruhe bringen. Ich gebe ihm die Nummer eines Arztes, der leichten Bluthochdruck zunächst ohne Medikamente behandelt. Doch die Nummer verlegt er immer wieder aufs Neue. Immerhin: Er scheint den Blutdrucksenker gut zu vertragen. Mein Vater wird Valsartan mehr als sechs Jahre lang nehmen.

PSA-Werte fallen nicht mehr, Abklärung per Biopsie empfohlen

Wie die meisten Männer in seinem Alter lässt mein Vater regelmäßig seinen PSA-Wert bestimmen – einen Marker zur Früherkennung von Prostatakrebs. Manchmal steigen die Werte an, wobei es sich aber bloß um Entzündungen handelt. Ansonsten ist er bei bester Gesundheit. Sein eigener Vater wäre fast hundert geworden. 2015 bekommt meine Schwester ein Kind und mein Vater wird zum ersten Mal Opa.

Im Herbst 2017 erfahre ich von meiner Schwester, dass mein Vater zur MRT-Untersuchung ins Krankenhaus muss. Die PSA-Werte fallen nicht mehr. Ich versuche, das nicht so schlimm zu finden, und mich mit dem zu beruhigen, was ich über Prostatakrebs weiß. Er ist überaus häufig, die Überlebensraten sind hoch. Weil er vor allem ältere Männer betrifft, heißt es, man sterbe damit, nicht daran. Und der PSA-Wert ist ohnehin immer eine Frage der Interpretation. Per Google suche ich weiter gezielt nach beruhigenden Informationen.

Mein Vater mailt mir seine MRT-Scans zu. Medizinerdeutsch: Drei suspekte Areale in der Prostata eines 72-jährigen Patienten. „Wahrscheinlich maligne“, ein Score von 4 auf einer Skala von 1-5. Immerhin: Keine Knochenmetastasen, keine Lymphknotenmetastasen. Abklärung per Biopsie empfohlen. Ich gestehe mir den Ernst der Lage jetzt zum ersten Mal ein.

Am Tag der Biopsie schickt mir die Frau meines Vaters eine SMS: „Bin gerade aus dem Krankenhaus zurück“, schreibt sie – mein Vater fühle sich noch „beschissen“. Er habe Blut und Schmerzen beim Wasserlassen. Die Untersuchung war unangenehmer als erwartet, das Ergebnis ist es auch.

Die OP wird für Februar angesetzt und fällt genau auf meinen Geburtstag. Wir einigen uns darauf, dass das Glück bringen wird. Ich wohne mittlerweile in Frankreich und werde nicht dabei sein, beschließe aber, kurz darauf für längere Zeit nach Deutschland zu kommen und meinen Vater in der Rehaklinik zu besuchen.

Rückruf: Medikamente, die von Huahai produziertes Valsartan enthalten

Doch einmal dort angekommen, will mein Vater plötzlich niemanden mehr sehen. Nach drei Wochen fahre ich trotzdem hin, für einen Tag von Hamburg ins verschneite Nordhessen. Mein Vater verbringt die meiste Zeit allein in seinem Zimmer und beobachtet zwei Pferde, die draußen auf einer schlammigen Koppel stehen, obwohl ihr Anblick ihn traurig macht. „Die dauern mich so, die Pferdle“, beschreibt er es in seinem badischen Dialekt, in den er in emotionalen Momenten verfällt, obwohl er seit Jahrzehnten im Ruhrgebiet lebt. Wir verbringen einen gemeinsamen Nachmittag, an dem ich mich ihm sehr nahe fühle. Nach einem Abendessen beim Italiener fahre ich zurück.

Insgesamt sechs Wochen lang muss mein Vater in der Rehaklinik Beckenbodentraining machen. Er muss notieren, wie viel er trinkt und seine Einlagen wiegen, um zu bestimmen, wie gut er den Urin halten kann. Eine Prostata-OP kann, muss aber nicht dauerhaft inkontinent machen. Mein Vater erzählt am Telefon jedes Mal, zu wie viel Prozent er nun „wieder dicht sei“. Eine Textnachricht nach der Reha: „Bin seit Dienstag wieder zu Hause – und es geht mir immer besser – mache fleißig die Übungen und halte die Empfehlungen bei der Entlassung ein.“

Ich fahre für eine Woche zu ihm. Er wird jetzt eher müde als vor der Krankheit und reagiert deutlich öfter gereizt auf seine Frau. Da sei jetzt einfach öfter mal dieses Bedürfnis nach Ruhe, sagt er. Er ist aber auch wieder fröhlich und verbringt viel Zeit mit meiner kleinen Nichte, die jetzt schon groß genug ist, ihm auf den Rücken zu klettern.

Am 4. Juli 2018, zwei Monate, nachdem mein Vater aus der Rehaklinik entlassen wurde, gibt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) den EU-weiten Rückruf von Medikamenten bekannt, die von Zhejiang Huahai Pharmaceutical produziertes Valsartan enthalten. Ein „akutes Risiko für Patienten“ bestehe aber angeblich nicht.

Mein Vater erfährt erst aus der Zeitung davon und ruft seinen Arzt an. Der hatte zwar die Info des BfArM erhalten: Auch weil die Gefährdung darin als so gering dargestellt worden sei, habe er seine Patienten aber nicht von sich aus kontaktiert, wird er mir später am Telefon sagen. Mein Vater bittet den Arzt um ein anderes Rezept, und druckt ihm außerdem noch eine Liste mit den betroffenen Chargen und Präparaten aus dem Internet aus. Dass das Valsartan aus China seinen Prostatakrebs ausgelöst haben könnte, auf die Idee kommt mein Vater zunächst gar nicht.

Neben NDMA wird auch NDEA festgestellt

Genau wie er werden auch die anderen Patienten allein gelassen, müssen sich Informationen selbst zusammensuchen. Erst sind angeblich nur einzelne Chargen betroffen, dann doch alle, dann noch weitere Präparate. Neben NDMA wird N-Nitrosodiethylamin (NDEA) in den untersuchten Proben festgestellt: Eine weitere wahrscheinlich krebserregende Substanz, die schon vor 2012 in chinesischem Valsartan enthalten war. Und nicht nur in China, auch in Indien gab es bei Billigproduzenten Probleme.

Die europäische Arzneimittelagentur EMA veröffentlicht eine Risikokalkulation. Demnach soll es bei der langjährigen Einnahme von verunreinigtem Valsartan zu „nur“ etwa 22 zusätzlichen Krebsfällen auf 100.000 Patienten gekommen sein. Selbst wenn diese Zahl stimmen sollte – allein in Deutschland nahmen 2017 rund 900.000 Patienten das Mittel. Was, wenn mein Vater einer von den Betroffenen ist? Ein deutscher Experte vergleicht die schädliche Wirkung eher mit der von fünf Zigaretten pro Tag – was mir nicht unbedingt wenig erscheint.

Die Tante eines Bekannten hat ebenfalls Valsartan genommen und einen Tumor entwickelt, zum Glück gutartig. Es könnte natürlich auch Zufall sein. Das Problem: Das verunreinigte Valsartan hat zwar relativ sicher Menschen krankgemacht. Dabei bleibt es aber schwierig bis unmöglich, das im Einzelfall konkret zu beweisen.

Ich sehe mir eine Videobotschaft von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) an. Nach dem Bekanntwerden des Skandals hatte er wochenlang geschwiegen. Nun stellt er den Entwurf eines Gesetzes „für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung“ (GSAV) vor. Ein für Spahn „ganz wichtiger Punkt“, der sich damit ändern soll: Patienten sollen bei Rückrufen von Medikamenten von der Zuzahlung befreit werden. Meinem Vater und alle anderen, die jahrelang einem Krebsrisiko ausgesetzt waren, würden also künftig fünf Euro rückerstattet. Mir bleibt unklar, wie das Gesetz verhindern soll, dass in China hergestellte Billigarzneien der Gesundheit von Menschen schaden.

Rückruf über Rückruf

Noch das ganze letzte Jahr über wird es immer wieder Rückrufe von Valsartan geben. Von einem grundlegenden Umdenken sind die Pharmakonzerne weit entfernt, das zeigt auch das Beispiel Novartis. Die Schweizer Firma hatte Valsartan bisher selbst hergestellt, in Irland, England und der Schweiz. Es war daher frei von NDMA gewesen. Im vergangenen Herbst berichtete jedoch das Schweizer Fernsehformat „Rundschau“, dass auch Novartis längst geplant hatte, die Produktion nach China zu verlegen – um Valsartan dort ausgerechnet von Zhejiang Huahai Pharmaceuticals herstellen zu lassen. Ob man trotz des Skandals an diesem Plan festhalte, dazu wollte sich Novartis nicht äußern.

Im Herbst 2018 besucht mich mein Vater in Frankreich. Wir essen zusammen Muscheln am Strand. Es sei für ihn die schönste Zeit seit seiner OP gewesen, wird er mir später sagen. Seinen PSA-Wert lässt er immer noch regelmäßig testen, obwohl der Arzt meint, das sei nicht nötig, er hält ihn für geheilt.

Warum ich diesen Beitrag geschrieben habe? Um zu zeigen, dass die Opfer von Valsartan mehr sind als Zahlen in der Statistik. Es sind Menschen wie mein Vater, die gerne leben, sich mit fast 70 noch einmal verlieben und kleine Enkeltöchter haben, die ihnen auf den Rücken klettern. Und ganz einfach deshalb dürfen Skandale wie dieser nicht ohne Konsequenzen bleiben.

Im März 2019, noch während ich diesen Artikel schreibe, ruft der Pharmakonzern Heumann Chargen seines Blutdrucksenkers Losartan zurück. Sie enthalten wahrscheinlich krebserregende Nitrosamine. Ein „akutes Patientenrisiko“ besteht angeblich nicht.

Fotos: Irene Habich

Hinweis:

Weitere Informationen für Patienten, die Bluthochdruckmittel mit Valsartan eingenommen haben, gibt es bei der Verbraucherzentrale. Patienten sollten ihre Medikamente nicht eigenmächtig absetzen – fragen Sie in Zweifelsfällen Ihren Arzt, ob Ihr Medikament betroffen ist. Weitergehende ausführliche Informationen gibt es auch beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: hier und hier.

 


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