Melatoninhaltige Medikamente sind besonders nach Interkontinentalflügen beliebt. In Deutschland gibt es nur ein zugelassenes Arzneimittel aus der Apotheke und einige Präparate, die in der Drogerie erhältlich sind. Diese werden als Nahrungsergänzungsmittel angeboten, was aber umstritten ist. In den USA hingegen werden große Dosen der Einschlafhilfen gleich im Supermarkt angeboten. Auch online lassen sich melatoninhaltige Einschlafhilfen bestellen. Doch was ist da eigentlich genau drin? Wer garantiert, dass Melatonin enthalten ist und das auch die weiteren Zutaten gut verträglich sind? Nach aktuellem Stand tatsächlich: Lediglich die Hersteller.

„In den letzten Jahren kamen immer mehr Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt, denen Stoffe zugesetzt wurden, die bisher nur im Arzneimittelbereich zu finden waren“, erklärt der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV). Dies sei „in vielerlei Hinsicht problematisch“, da die Wirkung der Inhaltsstoffe nicht nachgewiesen sei und Nebenwirkungen nicht beschrieben. „Daneben werden vermehrt Produkte nicht mehr als Nahrungs­ergänzungsmittel, sondern als Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke (ergänzende bilanzierte Diäten) vermarktet.

Die Verbraucherschützer kritisieren diese Entwicklung: „Weil Nahrungsergänzungsmittel keinem Zulassungsverfahren unterliegen und Festlegungen zu zugesetzten Stoffen und deren Höchstmengen in der Nahrungsergänzungsmittel-Verordnung fehlen, obliegt den Landesüberwachungs­behörden die Verantwortung, die Einstufung der Produkte als Nahrungs­ergänzungsmittel sowie deren Wirksamkeit und Sicherheit in jedem Einzelfall zu bewerten sowie bestehende Mängel zu ahnden.“

Was aber passiert tatsächlich, wenn so ein Fall vorliegt?

Wir haben testweise ein Produkt namens „Dreamquick“ bestellt. Es ist eines von vielen „Schlafoptimierern“, die im Netz angeboten werden, wenn man nach „Melatonin“ googelt. Laut Hersteller Organic Alpha hilft dieses Mittel bei „Einschlaf- und Durchschlaf-Problemen“. Das Mittel „verkürzte in einer JAWBONE® Nutzerstudie mit 435 Probanden die Einschlafzeit um durchschnittlich 27 Minuten und verlängerte die durchschnittliche Schlafdauer pro Nacht um +46 Prozent“, heißt es auf der deutschsprachigen Website. Die zugehörige Studie ist nicht verlinkt, was eine „Jawbone“-Nutzerstudie“ genau ist, wird nicht näher erläutert. Vielleicht ist mit „Jawbone“ ein Hersteller von Fitnessbändern gemeint? Dieses Unternehmen ging 2017 in die Insolvenz.

Vermeintliches Einschlafwunder: An allen Kontrollen vorbei

Organic Alpha sitzt laut Impressum in Los Angeles, dort ist eine Telefonnummer aus den USA angegeben sowie auch eine E-Mail-Adresse. „Dreamquick“ wird laut Website aber in Deutschland produziert und sei „natürlich & vegan“.

Einige Tage nach unserer Bestellung kommt das angebliche Schlafwunder per Post. Ein kleiner Karton, drinnen eine blaue Dose mit der Aufschrift „Dreamquick“. Anders als zwei Melatonin-Produkte deutscher Hersteller, enthält „Dreamquick“ nicht 0,5 oder 2 Milligramm Melatonin, sondern gleich 3 Milligramm des Schlafhormons. Zur Erinnerung: Das Verbraucherschutzministerium (BVL) und das Bundesinstitut für Risikoberwertung (BfR) sehen melatoninhaltige Präparate ab 0,28 Milligramm als Arzneimittel und damit als zulassungspflichtig an. Doch der Händler von „Dreamquick“ mit Firmensitz Los Angeles schickt sein Mittel einfach per Post zum deutschen Verbraucher, an Kontrollen und sämtlichen Mitarbeitern möglicherweise zuständiger Gesundheitsämter vorbei.

„Dreamquick“ ist übrigens nicht als Nahrungsergänzungsmittel gekennzeichnet, sondern laut Packungsaufdruck ein „diätisches Lebensmittel“. Die Einschlafhilfe wird dadurch also eigentlich zu einem Mittel für „spezielle Gruppen mit besonderen Ernährungserfordernissen wie etwa für Kranke, Schwangere, Kleinkinder oder Säuglinge“. Dabei sollen diese speziellen Produkte laut EU-Verordnung unter ärztlicher Aufsicht eingesetzt werden, aus ihrer Kennzeichnung muss zudem der vorgesehene Verwendungszweck hervorgehen. Sie dür­fen lediglich dem Diätmanagement von Patienten dienen, also der Deckung eines spezifischen Nährstoffbe­darfs und nicht der Behandlung einer Erkrankung im Sinne einer Medikation mit Arzneimitteln dienen.

Bei „Dreamquick“ ist von alledem nicht die Rede.

Verbraucher schützen sich besser selbst

Weil wir „Dreamquick“ von Hamburg aus bestellt und auch hier in Empfang genommen haben, ist die zuständige Behörde in Sachen Patientenschutz das hiesige Gesundheitsamt. Die Mitarbeiterin ist zunächst ratlos, wie in diesem Fall zu verfahren ist. Nach einer Rückfrage beim Zollamt antwortet sie uns umso deutlicher: „Dreamquick“ wird von der Behörde als Arzneimittel eingeordnet, es bräuchte also eine Zulassung. Hat es aber nicht. In Deutschland nicht zugelassene oder nicht registrierte Arzneimittel dürften laut Arzneimittelgesetz von Privatpersonen grundsätzlich nicht nach Deutschland gebracht werden:

„Dazu gehören neben offensichtlichen Arzneimitteln unter Umständen auch Präparate, die in ihrem Herkunftsland zum Beispiel als Nahrungsergänzungsmittel frei verkäuflich sind, in Deutschland aber aufgrund Ihrer Zusammensetzung/Aufmachung als Arzneimittel im Sinne des Arzneimittelgesetzes einzustufen sind. Offensichtliche und potentielle Arzneimittel werden von den Zolldienststellen, sofern das bemerkt wird, gemäß der für die Zolldienststellen gültigen Dienstvorschriften bei einer Einfuhr aufgehalten und kontrolliert und in Zusammenarbeit mit den Landesbehörden bewertet.“

 Wir haben Organic Alpha angefragt, ob sich die Firma ihres nach Arzneimittelgesetz möglicherweise ordnungswidrigen Handelns bewusst sei. Doch auf mehrfache Anfragen per E-Mail und Telefon reagierte bislang niemand.

Und jetzt?

„Da in diesem konkreten Fall weder die vertreibende Firma noch der Internetshop in Hamburg ansässig sind, ist es der Landesbehörde nicht möglich, gegen den Anbieter Maßnahmen einzuleiten. Vielmehr kann nur dringend an alle Verbraucher appelliert werden, sich kritisch mit Internetangeboten auseinanderzusetzen“, schreibt uns das Gesundheitsamt Hamburg.

Fazit: Bei dem Produkt „Dreamquick“ gibt es – wie beim Schlankheitswunder aus den Komoren – ein ungelöstes Problem: Keine derzeit hierzulande im Verbraucherschutz aktive Behörde oder Organisation könnte es im Sinne des Verbraucherschutzes vom Markt nehmen.  Gleichzeitig gibt es offenbar keine Kontrollen, welche Stoffe in den Kapseln tatsächlich enthalten sind.

Foto: MedWatch


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