(Foto: David D / Flickr, CC BY 2.0)

Wenn das mal kein Schnäppchen ist: Wer für sein Kind ein Fläschen Fiebersaft in einer Online-Apotheke bestellt, bekommt ein paar Söckchen geschenkt. Zwar mit Aufdruck der Marke, aber zusätzlich mit süßem Bärchen-Motiv. Wer Strümpfe nicht mag: Eine andere Apotheke legt coole Gratis-Kühlpads gratis dazu. Und auf der Homepage eines Präparats gegen Übelkeit können Mami und Papi Hörspiele für die Kids runterladen, für unterwegs. Bunte Bilderbücher und Magazine informieren schon in der Kita und Schule, etwa über den Segen der forschenden Pharmaindustrie.

Dabei ist Werbung für Arzneimittel in Deutschland verboten und bußgeldbewährt, wenn Kinder unter 14 Jahren adressiert werden – so steht es im Heilmittelwerbegesetz. Aus gutem Grund: Werbung bewirkt eine Indikationsverschiebung, sagt Kinder- und Jugendarzt Boris Zernikow: Welche Behandlung bei einem bestimmten Krankheitsbild angemessen ist und eingesetzt werden soll, wählt dann plötzlich nicht mehr der Arzt oder Apotheker, sondern das Kind selbst, kritisiert der Leiter des Deutschen Kinderschmerzzentrums Datteln. „Da kommt ein Kind mit Kopfschmerzen plötzlich zu seinen Eltern und fragt: ‚Hast du mal `ne Ibu?‘“ Die Grenzverschiebung kann zum leichtfertigen Einsatz von Arzneimitteln verleiten, schlimmstenfalls zu lebensbedrohlichen Überdosierungen.

Facebook, Instagram, Youtube: Werbung für Kinderarzneimittel ist überall

Nicht jeder Arzneimittelhersteller hält es mit der Nicht-Werbe-Vorschrift offenbar so genau, längst ist Werbung für Arzneimittel auch in die Sozialen Netzwerke eingesickert. So können Fotografien einer glücklichen, gesunden Familie auf Instagram geliket werden – sie alle sind fit dank Vitaminpillen. Mit einer Kleinen Anfrage „Werbung bei Kinderarzneimitteln“ an die Bundesregierung hat jetzt die Grünen-Obfrau im Bundestags-Gesundheitsausschuss Kirsten Kappert-Gonther das Bundesgesundheitsministerium zu einer Einschätzung der Situation aufgefordert. In ihrer Antwort an die Gesundheitspolitikerin verweist das Ministerium meist auf andere Stellen: Es gelte die Harmonisierungsrichtlinie des EU-Parlaments. Und: „Die Überwachung einer konkreten Werbung obliegt im Einzelfall der jeweils zuständigen Landesbehörde“, erklärt das Ministerium an anderer Stelle. Im Klartext: Das Ministerium fühlt sich nicht zuständig.

„Wer wäre bei Facebook oder Snapchat denn die zuständige Landesbehörde, wenn da Kinder adressiert werden?“, fragt Kinderarzt Zernikow. „Dieses System hat vielleicht vor 30 Jahren funktioniert, heute funktioniert es nicht mehr, kann es auch gar nicht“, sagt der Mediziner. Die Überwachung in Sachen Kinderarzneimittelwerbung sollte besser durch eine Bundesbehörde gelöst werden, fordert er.

Werbung für Kinderarzneimittel beeinflusst natürlich auch die Eltern, etwa wenn in Blogs nicht immer eine echte Mutti ihre guten Erfahrungen mit der Tablette Pipalon mit anderen teilt. Perfide seien Videoclips, in denen suggeriert wird, dass wegen des Fiebers ein Kind nicht die nächsten wichtigen Entwicklungsschritte machen kann, sagt Zernikow – wie es teils nahegelegt wird.

Besondere Vorsicht bei Kinderarzneimitteln

Bei der Arzneimittel-Gabe an Kinder ist stets besondere Vorsicht geboten. Aktuell befasst sich das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) mit der Wirkstoffgruppe der Antihistaminika, besser bekannt als Heuschnupfenmittel. Die erste Generation dieser Medikamente wird von Allergikern heute nicht mehr genutzt, sie setzen auf neuere Mittel. Auch, weil diese weniger müde machen.

Doch die alten Medikamente sind weiter auf dem Markt – und zwar für Kinder. Denn sie können durch ihren Einfluss aufs Nervensystem Kinder beruhigen oder bei Übelkeit und Erbrechen helfen. Doch dies ist unter Experten stark umstritten.  Bekannte Mittel sind Vomex oder Emesan K – diese dürfen Kinder ab sechs beziehungsweise acht Kilo erhalten, wenn sie unter Übelkeit oder Erbrechen leiden. Sie enthalten den Wirkstoff Diphenhydramin oder Dimenhydrinat. Auf dem Markt ist auch der Saft Sedaplus (Wirkstoff Doxylamin), zugelassen zur Kurzzeitanwendung bei Schlafstörungen – sogar ab dem sechsten Lebensmonat.

Experten fordern umfassende Rezeptpflicht

Bei diesen Mitteln ist größte Vorsicht geboten, sagt Zernikow. „Wenn man hier überdosiert, ist das für Kinder ganz schlecht, sie können Krämpfe bekommen und sogar daran sterben.“ Seit vielen Jahren mahnt das BfArM, die empfohlene Dosis solle bei Kindern auf keinen Fall eigenmächtig zu überschritte werden. In der Vergangenheit starben fünf Kinder, eines der Babys war erst vier Wochen alt.

Nun soll Sedaplus mit dem Wirkstoff Doxylamin nicht länger ohne Rezept erhältlich sein, auf den anderen Dimenhydrinat und Diphenhydrinat-haltigen Produkten gegen Fieber und Erbrechen sollen auf der Packung zusätzliche Warnhinweise angebracht werden. Experten der Medizinzeitschrift Gute Pille, schlechte Pillen geht dies nicht weit genug. Sie fordern, dass alle Antihistaminika der ersten Stunde nur noch auf Rezept erhältlich sein sollen: „Das wäre eine konsequente Schutzmaßnahme, denn dann ist außerdem auch keine öffentliche Werbung mehr möglich“ – und zwar auch nicht mehr bei Eltern.

Kappert-Gonther: Eltern schlecht informiert, Nebenwirkungen vorenthalten

Am Ende der Kleinen Anfrage erkundigt sich die Grünen-Politikerin, welchen Handlungsbedarf die Regierung bei der Regulierung und Überwachung der Werbung für Kinderarzneimittel sieht und welche weitere Initiativen sie plane. Doch das Ministerium von Spahn verweist lediglich auf die „Vorbemerkung“ – und somit auf die bestehenden Gesetze und die Prüfung der Verschreibungspflicht von Doxylamin, Diphenhydramin oder Dimenhydrinat.

Alles gut also? Nein, sagt Kappert-Gonther – das Bundesgesundheitsministerium stecke „den Kopf in den Sand“, erklärt sie gegenüber MedWatch. „Wieder mal scheinen wirtschaftliche Interessen wichtiger zu sein als ein wirksamer Schutz von Kindern und Jugendlichen. Selbst Werbung für Kinderarzneimittel, die schwerwiegende Nebenwirkungen haben können, hält Spahns Ministerium für unproblematisch.“ Ihrer Ansicht nach werden Eltern schlecht informiert: Ihnen seien schwere Nebenwirkungen einzelner frei verkäuflicher Medikamente gar nicht bewusst. „Die Ausrede, der Bundesregierung seien aufgrund der EU-Gesetzgebung die Hände gebunden, ist vorgeschoben“, kritisiert die Politikerin. „Niemand hindert sie daran, sich auf EU-Ebene für ein umfassendes Werbeverbot für Kinderarzneimittel einzusetzen oder bestimmte Mittel für Kinder verschreibungspflichtig zu machen.“

 

Bild: David D / flickr

Share This