Dass Ärzte in Deutschland eine so genannte Zusatzbezeichnung im Gebiet der Homöopathie erwerben können, stößt auf deutliche Kritik einer Gruppe von Medizinethikern, Juristen und Ärzten. In einem Memorandum fordert der „Münsteraner Kreis“ nun den Bundesärztetag auf, hiermit Schluss zu machen. „Die Homöopathie steht mit ihren Grundannahmen sicheren wissenschaftlichen Erkenntnissen fundamental entgegen“, heißt es in dem Schreiben.

Eine Zusatzbezeichnung werde nach Abschluss einiger Fortbildungen vergeben und können „als Ausweis einer besonderen Kompetenz“ auch auf dem Praxisschild geführt werden, erklärt die Uni Münster in einer Pressemitteilung. Da nun auf dem anstehenden 121. Bundesärztetag in Erfurt Mitte Mai ohnehin die Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer überarbeitet werden soll, wäre dies „eine gute Gelegenheit, dem eigenen Anspruch an Wissenschaftlichkeit gerecht zu werden und endlich mit der Adelung der esoterischen Heilslehre Homöopathie Schluss zu machen“, erklärt die Gruppe um die Münsteraner Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert. Zu ihm gehört auch der Mannheimer Medizinrechtler Jochen Taupitz, von 2001 bis 2016 Mitglied im Deutschen Ethikrat und seit 2017 Vorsitzender der Zentralen Ethikkommission der Deutschen Ärztekammer, der Bremer Versorgungsforscher Norbert Schmacke oder die Ärztin und Homöopathie-Aussteigerin Natalie Grams.

Homöopathie und wissenschaftliche Medizin im eklatanten Widerspruch

Der Kreis sieht die mehr als 200 Jahre alten Vorstellungen des Arztes Samuel Hahnemanns als „unwissenschaftliche Heilslehre“: Dieser habe noch nicht von der Existenz von Viren und Bakterien gewusst – oder auch nur, dass Lebewesen aus Zellen bestehen. „Die damalige Medizin war entsprechend mehr von Mythen als von Fakten und mehr von den Dogmen der antiken Ärzte als von nachprüfbaren Erkenntnissen geprägt“, schreiben die Autoren des Memorandums. Zur Zeit Hahnemanns sei es zwar teils vielleicht besser, mit unwirksamen Globuli zu behandeln als mit anderen Therapieformen, die klar schädlich waren – doch heute sei dies anders. „Homöopathie und wissenschaftliche Medizin stehen in so eklatantem Widerspruch, dass sie in der Patientenversorgung unvereinbar sind“, schreibt die Gruppe.

Die beispielsweise zu Globuli verarbeiteten Ausgangssubstanzen sind meist derart stark verdünnt, dass eine naturwissenschaftlich nachvollziehbare Wirkung auszuschließen ist. Die Homöopathie führe die Wirkung ihrer Präparate „deshalb auch auf den heilsamen Einfluss immaterieller, geistartiger Wirkkräfte zurück“, erklären die Autoren. Daher sei es vom wissenschaftlichen Standpunkt her genauso gerechtfertigt, „eine Zusatzbezeichnung ‚Gesundbeten‘ an Ärzte zu vergeben, die in Fortbildungen gelernt haben, welche Gebete zu welchen Heiligen bei welchen Krankheiten zur Anwendung kommen sollen“, schreibt der „Münsteraner Kreis“.

Bundesärztetag forderte mehr wissenschaftliche Kompetenz

Dabei fordere die Ärzteschaft jedoch oft Wissenschaftlichkeit ein. So müsse die wissenschaftliche Kompetenz der Studierenden vergrößert werden, damit „die späteren Ärzte ihre Patienten fundiert und evidenzbasiert behandeln“ könnten, erklärte vor zwei Jahren der damalige Bundesärztetag. „Es ist in den Augen der Autoren ein eklatanter Widerspruch, wenn auf der einen Seite der medizinische Nachwuchs zu Wissenschaftlichkeit angehalten und auf der anderen Seite mit der Zusatzbezeichnung Homöopathie eine offizielle, fachliche Anerkennung für eine esoterische Heilslehre vergeben wird“, heißt es nun im Memorandum. So werde das Vertrauen der Patienten in die wissenschaftliche Medizin „untergraben“ und die Grenzen zwischen wissenschaftlich fundierter Medizin und Esoterik verwischt.

Zwar würden viele Patienten die Homöopathie als zugewandter erleben, doch könnten die Probleme nicht über eine unwissenschaftliche Parallelwelt „repariert“ werden. „Sie müssten vielmehr innerhalb der wissenschaftlichen Medizin gelöst werden“, erklärt der Münsteraner Kreis.

Parallelmedizin unnötig geadelt

Insgesamt sei es „ethisch nicht vertretbar“, dass Ärzte systematisch Verfahren empfehlen und einsetzen dürfen, die unter Wissenschaftlern als erwiesenermaßen unwirksam gelten, kritisieren sie. Sie lassen auch das Argument nicht gelten, dass Patienten ja oftmals erst zufrieden sind, wenn ihnen ihr Arzt oder Apotheker eine Tablette verschrieben oder verkauft hat. Auch die Verabreichung als „verdeckte Placebos“ – also als eigentlich wirkungslose Scheinmedikamente – sei „abzulehnen, da sie das Recht der Patienten auf ehrliche Aufklärung verletze. Gleichzeitig adele dies eine „Parallelmedizin“ – und helfe dabei, sie am Leben zu erhalten.

Gefährlich könne die Homöopathie außerdem werden, da Patienten wie auch Ärzte teils den Eindruck einer Wirkung haben könnten, die sich jedoch mit der natürlichen Verbesserung der Krankheitssituation oder psychischen Effekten erklären ließen, die keinen Bezug zur Homöopathie hätten. Zusammen mit der teils vorhandenen Skepsis gegenüber der wissenschaftlichen Medizin können solche vermeintlich positive Erfahrungen Patienten und Ärzte dazu verleiten, „sich auch in gefährlichen Situationen eher für einen ersten Versuch mit Homöopathie oder vergleichbaren nichtevidenzbasierten Verfahren zu entscheiden“, schreibt die Gruppe. Sie hatte sich im vergangenen Jahr dem Berufsstand der Heilpraktiker gewidmet und entweder eine umfassende Reform gefordert – oder sogar die Abschaffung des Berufes, da dieser in der überwiegend unwissenschaftlichen Gedankenwelt der Komplementären und Alternativen Medizin verankert sei.

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