„Sehr geehrte Zahnärztinnen und Zahnärzte“: So beginnt ein „Offener Brief“, den das Bielefelder Unternehmen Dr. Wolff am Dienstag herausgegeben hat. Der Brief wurde allerdings nicht in Fachmedien für Zahnärzte veröffentlicht, sondern als ganzseitige Anzeige in vielen deutschen Tageszeitungen. „In den letzten Tagen haben wir mit unserer Kampagne für Karex bei einigen von Ihnen für Unmut gesorgt. Dafür möchten wir uns entschuldigen“, schreibt die Firma.

Tatsächlich ist die Zahnärzteschaft ganz und gar nicht begeistert von der Werbung, mit der die Dr. Wolff-Gruppe seit Januar lautstark für ihr Produkt wirbt – eine fluoridfreie Zahnpasta. „Fluorid – erste Verbraucherschützer rufen nach Verbot“ lautete die Überschrift der ersten Anzeige Mitte Januar. Die Reaktionen folgten prompt: Die Bundeszahnärztekammer gab zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung und der Deutschen Gesellschaft für Präventivzahnmedizin eine Stellungnahme heraus und stellte klar, dass diese Anzeige einen falschen Eindruck erwecke. Unabhängige Verbraucherschutz-Organisationen warnen nicht vor Fluorid, warum auch: Das Mineral schützt wirksam vor Karies. Die „aggressive Werbung“ des Unternehmens streue „gezielt Verunsicherungen“ zu Fluoriden. „Dies ist ein unredlicher Marketingschachzug“, heißt es in der Stellungnahme.

Cochrane-Review: Kariesschutz mit Fluorid-Zahncreme

Seit vielen Jahren ist gut belegt, dass Fluorid die Zähne schützt. Das Mineral ist deshalb in geringen Mengen in Zahnpasta enthalten. Seit 1991 gibt es in Deutschland zudem fluoridierte Speisesalze. Die Leitlinie zur „Kariesprophylaxe bei bleibenden Zähnen“, eine wissenschaftlich abgesicherte Handlungsempfehlung für Zahnärzte und Patienten von 2016, empfiehlt, eine fluoridhaltige Zahnpasta mindestens zwei Mal täglich anzuwenden. Auch eine Meta-Analyse von 79 qualitativ hochwertigen klinischen Studien durch das unabhängige Forscher-Netzwerk Cochrane Collaboration bestätigte 2010 bei Kindern und Jugendlichen den vorbeugenden Kariesschutz durch Fluoride in Zahnpasta.

Der offene Brief des Unternehmens Dr. Wolff schüre nun erneut Ängste, kritisiert Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer, gegenüber MedWatch. Und natürlich ziele die Anzeige von Dienstag „eher auf die Verbraucher als auf die Zahnärzte“. Laut dem Zahnarzt sucht die Firma keinen echten wissenschaftlichen Dialog, wie der „offene Brief“ zeige. Schon die erste Anzeige erregte Unmut. Beim Deutschen Werberat gingen Beschwerden ein, die an die Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs weitergegeben wurden. Auch eine Unterlassungserklärung und eine einstweilige Verfügung kassierte das Unternehmen.

Wenn Aufmerksamkeit das Ziel war, ist dieses jedoch erreicht. Offenbar soll die neue Produktlinie mit dazu beitragen, den Umsatz es Unternehmens auf über 300 Millionen Euro zu heben. 2017 stieg der Umsatz laut Bilanz-Pressekonferenz von 278 auf 293 Millionen Euro.

Fluorid in Zahnpflege-Produkten sicher und unbedenklich

Die beworbene Zahncreme sei aber keinesfalls „endlich der Durchbruch“ für eine Alternative zum Fluorid, sagt Oesterreich. Schon 2009 brachte die gleiche Firma ein solches Produkt auf den Markt, das von der Stiftung Warentest wegen des fehlenden Fluorids als riskant eingestuft wurde. Der Inhaltsstoff Hydroxylapatit, mit dem der Hersteller nun wirbt, biete nach heutigem Kenntnisstand keinen vorbeugenden Kariesschutz. „Hydroxylapatit wird eher in der Karies-Therapie als in der Vorbeugung eingesetzt“, sagt Oesterreich.

Trotzdem werden immer wieder Befürchtungen geschürt, Fluorid sei giftig. Doch Fluorid reagiert chemisch deutlich anders als reines Fluor, das tatsächlich gefährlich ist. Und es kommt auf die Dosis an: In Zahncreme darf maximal eine Fluoridkonzentration von 0,15 Prozent (1500 ppm) enthalten sein, das sind 1,5 Milligramm pro Gramm Zahnpasta. Für Kinder bis zum Schulalter werden 0,05 Prozent empfohlen (500 ppm). „Fluoride in Zahnpflege-Produkten sind nachgewiesenermaßen sicher und unbedenklich“, betonen die Fachgesellschaften in ihrer Stellungnahme. „Gesundheitliche Nachteile sind nicht zu befürchten.“

 

 

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